Report Nur gucken, nicht töten

In den meisten Touristenregionen bringt das Beobachten wilder Tiere viel höhere Einnahmen als die blutige Jagd nach Trophäen. Ein ökonomisches Lehrstück im Osten von Kanada.

Von Bernadette Calonego, Corner Brook

Laslo Knecht, 43, drapiert den toten Bären auf einem Holzscheit. Der Hobbyjäger reißt ein Büschel Gras aus und wischt damit das Blut um das Maul des Tieres ab. Dann posiert der Trophäentourist aus Serbien mit seinem Jagdgewehr für das Foto. Er tut es etwas zögerlich, denn der erlegte Schwarzbär ist erst zwei Jahre alt und sieht klein aus. Kein Riesenexemplar, wie es sich Knecht vor seiner Reise auf die Nordatlantikinsel Neufundland im Osten Kanadas erträumt hat.

Sieben Stunden täglich hat Laslo auf dem Hochsitz auf einen Bären gewartet. Um die scheuen Tiere anzulocken, legte der Jagdführer Brot, Schokolade und Erdbeeren als Köder aus. Fünf Tage lang zeigte sich kein Beutetier. Als Knecht den jungen Bären am sechsten Morgen erblickte, war er sich nicht sicher, ob er abdrücken sollte.

Mit dem Handy filmte er das Tier zunächst, wie es am ausgelegten Köder herumschnupperte. Doch dann entschloss er sich zum Todesschuss, weil die Zeit drängte. "Ich reise übermorgen ab und habe eine Genehmigung für den Abschuss von zwei Schwarzbären", erzählt er später in gebrochenem Englisch in der Tuckamore Lodge, einem Hotel im Blockhüttenstil außerhalb des Dorfes Main Brook. Das Gebiet ist abgelegen, die nächste Stadt Corner Brook fünf Autostunden entfernt.

Die Jagd auf wilde Tiere ist ein lukratives Geschäft in vielen Teilen der Welt.

Doch mit dem bloßen Beobachten von Grizzlybären oder Löwen lässt sich noch viel mehr Geld verdienen. Diese neue Form des sanften Tourismus gefällt den Jägern weniger. Sie investieren viel Geld in die Chance auf den Abschuss eines Tieres.

Laslo Knecht und sein Freund Robert Sic haben einen Jagdurlaub von sieben Tagen gebucht. Ohne Flug kostet sie diese Woche in der Tuckamore Lodge umgerechnet etwa 2100 Euro, Jagdführer und Abschussgenehmigung inbegriffen. Die Jagd auf Karibu und Elch ist fast doppelt so teuer. In seiner Heimatstadt Bečej verdient Knecht sein Geld mit der Ausbildung von Trüffelhunden. Er hat den Ehrgeiz, auf allen Kontinenten der Welt Tiere zu erlegen. Vor vier Jahren war er in Afrika. In Namibia tötete er kleine Antilopen und Warzenschweine.

Er konnte es sich nicht wie der amerikanische Zahnarzt Walter Palmer aus Minnesota leisten, 50 000 US-Dollar für einen Löwen zu bezahlen. Palmer erlegte den dunkelmähnigen Löwen Cecil, eine bekannte Touristenattraktion, mit Pfeil und Bogen im Westen Simbabwes. Der verwundete Löwe wurde erst nach zwei Tagen gefunden. Cecils langsames Sterben löste weltweite Proteste in den sozialen Medien aus.

"Meine Frau will keine toten Tiere im Haus."

Laslo Knecht ist ein Hüne, aber seine Sprechweise ist sanft und liebenswürdig. Er wirkt nicht aggressiv. Knecht sagt, schon sein Vater und Großvater seien Jäger gewesen, die Jagd stecke ihm im Blut. Nach dem Abschuss des jungen Bären ruft er voller Begeisterung seine Frau zu Hause in Europa an. Der Mann aus Serbien hat sich in Kanada ein Jagdgebiet im Norden Neufundlands ausgesucht, in einer spärlich besiedelten Gegend, in der es wenig Arbeitsplätze gibt. Hier sind Bären nicht geschützt.

Barbara Genge, 71, ist die Besitzerin der Tuckamore Lodge, sie empfängt und betreut schon seit dreißig Jahren Jäger und Angler in ihrem Hotel. Sie nennt die Trophäenjagd "remote hunting", was besser klingen soll. Barbara Genge hat keine Hemmungen, an die Jäger Plastikbehälter auszuteilen und sie anzuweisen, da reinzupinkeln, "denn sonst bleiben die Bären weg, wenn sie das riechen". Sie ist ein beständiger und begehrter Arbeitgeber für die Einheimischen in der Gegend von Main Brook. "Einige Kunden bringen ihre Familien mit, die die Gegend besichtigen, was auch anderen kleinen Firmen Geld bringt."

Die Wirtschaft Neufundlands leidet unter dem Ölpreisverfall. Die Hoffnungen liegen nun auf dem Fremdenverkehr, der für die Provinz jährlich rund 825 Millionen Euro erwirtschaftet. Laut der Vereinigung der Jagdunternehmer bringt der Jagdtourismus in Neufundland und Labrador, so heißt die Provinz, etwa 28 Millionen Euro ein. Das sind also lediglich 3,3 Prozent. Wie viel davon auf die Trophäenjagd ausländischer Besucher entfällt und welche Einnahmen genau inbegriffen sind, ist nicht definiert.

Die weitaus meisten Kunden stammten aus den USA, sagt Cory Forster, Direktor von Newfoundland Labrador Outfitters. Vertreter seiner Organisation sind schon nach Dortmund zu "Jagd & Hund" gereist, Europas größter Jagdmesse, um mehr deutsche Kunden zu gewinnen.

"Die Einheimischen sind nicht an der Bärenjagd interessiert", sagt Barbara Genge. "Sie jagen Elche, deren Fleisch sie essen." Die ausländischen Jäger dagegen sind scharf auf Trophäen. Der Bärenpelz wird Laslo Knecht nachgeschickt, sobald das Tier präpariert ist. Robert Sic zeigt Fotos seiner Trophäen im serbischen Temerin: Wände voller Hörner, Geweihe, den ausgestopften Kopf eines Zebras. Für seine Sammlung hat Sic eigens einen Anbau erstellt. "Meine Frau will keine toten Tiere im Haus", sagt er lachend.

Ausgestopftes Großwild in einem Privatheim erzeugt keine touristischen Einnahmen mehr. Ein lebendiges wildes Tier wie ein Grizzlybär kann jedoch Jahr für Jahr nachhaltige Erträge einbringen. In der kanadischen Provinz British Columbia hat das Zentrum für verantwortungsvolles Reisen in Washington DC für die kanadische Provinz British Columbia den wirtschaftlichen Stellenwert von Beobachtungstouren an der Pazifikküste einerseits und den der Trophäenjagd auf Bären andererseits verglichen.

Das Ergebnis: die Bärenbeobachtung führt zu zwölf Mal höheren Ausgaben durch Touristen als die Bärenjagd.

Unternehmen, die auf Fototouren setzen, haben es trotzdem schwer, sich gegen die Interessen der Jäger und Jagdführer durchzusetzen. Julius Strauss kann davon ein Lied singen. Zum ersten Mal hat der Kanadier im Frühling 2016 keine Touristen auf Bärenschau geführt, weil im selben Gebiet Jäger auf der Pirsch waren. "Viele ausländische Gäste sind sich gar nicht bewusst, dass die liberale Regierung von British Columbia den Abschuss von Grizzlybären erlaubt, und sind entsetzt", sagt Strauss, der in seiner Grizzly Bear Ranch in den West Kootenays seit zehn Jahren Gäste aus aller Welt beherbergt.

"Die Regierung hilft nicht, um das wichtigste Wirtschaftsgut zu beschützen: den Grizzly."

Vor zwei Jahren hatte ein Jäger eine Braunbärin namens Apple getötet, die von Touristenschwärmen beobachtet und fotografiert worden war. Für die Provinz sei Apple Hunderttausende Dollar wert gewesen, weil sie auf Beobachtungstouren zuverlässig anzutreffen gewesen sei, sagt Strauss. Die Abschussgenehmigung für Apple habe den Jäger nur 60 Euro gekostet. "Das ist grotesk", sagt Strauss. "Und ein wirtschaftlicher Unsinn: Unsere kleine Ranch erzeugt viel mehr Einnahmen als alle Grizzly-Trophäenjagden in unserer Gegend zusammen." Wegen der ausgefallenen Touren im Frühjahr wird Strauss schätzungsweise bis zu 55 000 Euro verlieren, und die örtlichen Geschäfte werden deshalb weitere 55 000 Euro weniger verdienen.

Mit dem Einfluss der Jägerlobby auf die Regierung von British Columbia könnte es bald ein Ende haben: Nach den jüngsten Provinzwahlen dürfte die linke Neue Demokratische Partei (NDP) zusammen mit den Grünen die Regierung bilden. Die NDP hatte im Wahlkampf versprochen, die Trophäenjagd auf Grizzlybären aufzuheben.

Im vergangenen Jahr hatten in einer Umfrage 91 Prozent der Bürger sowohl in städtischen als auch ländlichen Gebieten die Grizzlyjagd abgelehnt. Die bisherige Premierministerin Christy Clarke hatte indes noch im vergangenen Oktober erklärt: "Es gibt absolut keine Gefährdung der Bärenbestände, und die Jagd unterstützt viele Familienfirmen in der Provinz in ganz, ganz kleinen Gemeinden."

Für manche dieser entlegenen Gemeinden ist aber gerade der Beobachtungstourismus wichtig für das wirtschaftliche Überleben geworden. Der kleine Stamm der Kitasoo/Xai'xais-Indianer besitzt die Spirit Bear Lodge in Klemtu, die seit dem Jahr 2006 Bärentouren für internationale Touristen durchführt. "In den vergangenen fünf Jahren sind wir jedes Jahr zweistellig gewachsen", sagte Manager Tim McGrady der kanadischen Zeitung National Post. "Das ist eine wirklich isolierte Gegend in British Columbia mit sehr wenigen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Hier ist eine indianische Gemeinde, die ein Weltklasseunternehmen aufgebaut hat, und wir bekommen keine Hilfe von der Regierung, um unser wichtigstes Wirtschaftsgut zu beschützen: den Grizzly."

Der Inhaber der bekannten Knight Inlet Lodge an Kanadas Südwestküste, Dean Wyatt, hat zur Selbsthilfe gegriffen: Er zahlt dem örtlichen Jagdunternehmer rund 14 000 Euro jährlich, damit dieser keine Trophäenjagd in der Gegend durchführt. Knight Inlet Lodge, die es seit bald zwei Jahrzehnten gibt, sei das größte Unternehmen für die Beobachtung von Grizzlybären auf der Welt, sagt Wyatt. Es empfange jährlich 2400 Gäste aus 19 Ländern. Allein seine jährlichen Einnahmen von 4,5 Millionen kanadischen Dollar seien viel höher als die drei Millionen Dollar, die alle Jäger in ganz British Columbia ausgäben. "Unser Markt ist riesig und noch längst nicht gesättigt", sagt Wyatt. Ständig müsse er Gäste vertrösten, weil er ausgebucht sei.

In Afrika ist die wirtschaftliche Bedeutung der Großwildjagd nicht leicht zu überprüfen. Für die 23 Länder südlich der Sahara gibt es keine exakten Zahlen, nur Schätzungen, was die Trophäenjagd einbringt.

In Berichten über den Tod des Löwen Cecil zitierten Medien die Zahl von 200 Millionen US-Dollar, eine Schätzung aus dem Jahr 2006, wie die Agentur Africa Check eruierte. Jagdgegner auf der Internetseite "Cecil's Pride" schätzen, dass die möglichen Ausgaben der Jäger - inklusive Hotels, Transport und Essen - heute rund 300 Millionen US-Dollar betragen dürften.

Südafrika ist laut einer Studie von 2015 bei Weitem der größte Exporteur von Löwentrophäen. Achtzig Prozent dieser Trophäen aus den Jahren von 2009 bis 2013 stammen von Löwen, die in Gefangenschaft leben oder aus einer privaten Löwenzucht stammen. Jagd auf Tiere aus Zuchten ist ein lukratives, aber ethisch umstrittenes Geschäft. Vom erlegten Großwild entfallen 41 Prozent auf die "Großen Fünf": Büffel, Leoparden, Löwen, Elefanten und Nashörner.

Laut Africa Check schätzt das südafrikanische Umweltministerium die Einnahmen aus der Trophäenjagd für das Jahr 2013 auf umgerechnet 60 Millionen Euro. Darin seien indirekte Einnahmen aus der Tierpräparation oder anderen touristischen Ausgaben der Jäger und ihrer Begleiter noch nicht enthalten. Etwa 8500 ausländische Jäger sollen das Land jährlich besuchen. Das ist ein Bruchteil der insgesamt 9,5 Millionen Touristen.

In Südafrika machten die Einnahmen aus der Trophäenjagd im Jahr 2012 nur 1,2 Prozent aller Einnahmen aus dem Tourismus aus, wenn man Schätzungen des World Travel and Tourism Council als Grundlage nimmt. Nach Informationen der Welttourismusorganisation entfällt rund die Hälfte des globalen Wildtierbeobachtungsmarktes auf Afrika, mit geschätzten zwölf Millionen Reisen pro Jahr. Dieses Geschäft soll circa zehn Prozent jährlich wachsen. 80 Prozent der verkauften Urlaubsreisen nach Afrika seien der Tierbeobachtung gewidmet. Ein Tag auf einer typischen Fotosafari bringt gemäß der Welttourismusorganisation im Durchschnitt 488 US-Dollar pro Person ein.

Die Zahlen für die Trophäenjagd sehen daneben viel bescheidener aus, vor allem wenn man von Südafrika absieht. Die jährlichen Einnahmen für Tansania zum Beispiel wurden laut einer 2007 in der akademischen Zeitschrift Biological Conservation veröffentlichten Studie (die einzige dieser Art) auf 56,3 Millionen US-Dollar geschätzt, 28,5 Millionen für Namibia und 3,6 Millionen für Sambia. Jagdgegner weisen darauf hin, dass laut einem früheren Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN nur drei Prozent der Einnahmen aus dem Jagdgeschäft afrikanischen Dörfern zufließen.

Sind Fotosafaris also in jedem Fall finanziell die bessere Option für diese Länder?

Das hänge ganz von der Region ab, sagt Dr. John Hanks, ein Zoologe und früherer Direktor des WWF Südafrika: "Wo es eine hohe Dichte von wilden Tieren gibt und landschaftlich attraktive Gegenden, gibt es ein größeres Potenzial für Fototourismus als für die Trophäenjagd." In langweiligen Gegenden dagegen, wo es nur wenig und weit zerstreutes Großwild gebe, wollten Touristen nicht hin - im Gegensatz zu den Jägern. Und Fotosafaris seien nicht kostendeckend. "Durch die Trophäenjagd sind die Einheimischen auch motiviert, die großen Säugetiere zu beschützen, die sie sonst als Bedrohung ihres Lebensunterhaltes sehen", sagt Hanks. In seinen Augen müsste aber die Trophäenjagd in diesen Gegenden besser überwacht und verwaltet werden, damit die Einheimischen mehr davon profitierten.

"Es gibt ein größeres Potenzial für Fototourismus als für die Trophäenjagd."

In Botswana wurde die Trophäenjagd vor vier Jahren verboten. Die Auswirkungen dieses Verbots beschrieb ein Bericht der New York Times im September 2015 anhand des Dorfes Sankuyo: Löwen, die Esel und Ziegen töten, Elefanten, die Felder plündern, verängstigte Bewohner, die nun kein Einkommen mehr von den Trophäenjägern haben. Geld, das sie für "Toiletten und Wasserleitungen, Häuser für die Ärmsten, Schulgeld für die Jungen und Renten für die Alten" verwendet hätten. Das Dorf hofft nun, mit Fotosafaris einige der Verluste wettzumachen. Doch Touristen zögen weniger entlegene Gegenden vor.

In Neufundland hat sich die Hoteleigentümerin Barbara Genge auch schon Gedanken um die Bärenbeobachtung gemacht. Aber sie fürchtet um die Sicherheit ihrer Gäste. "Bären haben schon versucht, den Hochsitz zu erklimmen", sagt sie. So hält sie sich an das, was sie kennt.

Laslo Knecht schießt am nächsten Tag einen 180 Kilogramm schweren Schwarzbären. Das tote Tier zieht nun kein Geld mehr an, nur noch Staub.