Report Not am Nil

Ägypten steckt in einer Wirtschaftskrise. Viele Lebensmittel müssen importiert werden, doch dafür fehlen dem Land die Devisen. Die Menschen leiden, vor allem die Armen. Doch erst jetzt reagiert die Regierung.

Von Paul-Anton Krüger

Abu Khery fuchtelt mit einem Bündel brauner Schürsenkel in der einen Hand und einer Tube Schuhcreme in der anderen. "Ich schwöre, zweimal am Tag steigen die Preise dafür", ruft er. Das mag etwas übertrieben sein, aber seine Stimme bebt vor Zorn. Und viele Menschen denken ähnlich. Abu Khery, 43, ist ein fliegender Händler. An diesem Tag hat er seinen Stand neben einem Parkhaus in der Innenstadt von Kairo aufgebaut; er besteht nur aus ein paar Pappkisten und einer Holzplatte, auf der er seine Waren drapiert. Einlegesohlen und Kleiderbügel verkauft er auch, Schuhlöffel und anderen Kleinkram. "Ich kann mir kein Obst mehr leisten für meine Familie, wenn ich zwei Hühner kaufe", er schreit jetzt fast, die Hände zittern, er rauft sich die schwarz-grau melierten Haare und den Bart.

Abu Khery trägt einen beigen Pullover mit ein paar Löchern zur braunen Hose, es fehlen ihm zwei Schneidezähne. 27,8 Prozent der Menschen im mit 92 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt leben unter der Armutsgrenze. Abu Khery liegt nach den offiziellen Statistiken zwar darüber, aber auch ihm reicht es kaum zum Leben. Jetzt hat er Angst, dass er seine Familie nicht mehr ernähren kann. Drei seiner vier Töchter haben geheiratet, sagt er, die vierte, sie ist 17, soll bald folgen. "Zucker, Benzin, alles wird teurer", sagt er. Auch seine Schuhcreme.

IWF und Weltbank versprechen neues Geld - rettender Sauerstoff für eine erstickende Wirtschaft

Die gute kommt aus der Türkei, das Plastikzeug aus China. Der Großhändler, von dem Abu Khery seine Ware kauft, muss dafür in Devisen bezahlen. Die Ledersohlen und die Schnürsenkel werden in Ägypten hergestellt. "Aber auch die werden teurer!"

Das Land am Nil ist in eine tiefe Wirtschafts- und Währungskrise geschlittert, die abgesehen von den Superreichen inzwischen alle Schichten zu spüren bekommen in der zweitgrößten arabischen Volkswirtschaft nach Saudi-Arabien. Präsident Abdelfattah al-Sisi und seine Regierung haben nun die Reißleine gezogen und versuchen, mit radikalen Mitteln den freien Fall zu stoppen. Die Zentralbank gab Anfang November den lange strikt kontrollierten Kurs des ägyptischen Pfund frei.

Am gleichen Abend kürzte die Regierung erneut die Subventionen für Benzin, Diesel und Gas, was die Preise je nach Sorte noch einmal um 30 bis 48 Prozent steigen ließ. Treibstoffe kosten im internationalen Vergleich noch immer extrem wenig; für einen Liter Benzin zahlt man nun statt 2,60 Pfund 3,50 Pfund, etwa 20 Cent. Für viele arme Ägypter aber ist das sehr viel.

Am Freitag vergangener Woche dann genehmigte der Verwaltungsrat des Internationalen Währungsfonds (IWF) einen Kredit von zwölf Milliarden Dollar, der über drei Jahre ausgezahlt werden soll; die Zinsen sind mit 1,0 bis 1,5 Prozent sehr niedrig - angesichts der deutlich zweistelligen Raten, die Ägypten für Staatsanleihen und Darlehen seiner Banken zahlen muss. Über sie hat der Staat in den vergangenen fünf Jahren sein Defizit ausschließlich gedeckt.

Ob auf dem Basar von Khan el-Khalili oder im Supermarkt: Die Menschen in Kairo können sich vieles nicht mehr leisten.

(Foto: Photolibrary/Getty Images)

Dieses lag im abgelaufenen Haushaltsjahr bei 12,2 Prozent der Wirtschaftsleistung, die laut der Weltbank vergangenes Jahr 330 Milliarden Dollar betrug. Im neuen Haushalt, der seit 1. Juli gilt, sind die Staatsausgaben mit 936 Milliarden Pfund veranschlagt, nach altem Kurs 107 Milliarden Dollar, aktuell etwa 58,5 Milliarden Dollar. Dem stehen aber nur Einnahmen von 631 Milliarden Pfund gegenüber. Und das alles, obwohl Saudi-Arabien dem Land seit 2013 mit etwa 20 Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen und andere Golfstaaten, vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate, mit noch einmal zehn Milliarden.

Das Geld der internationalen Geber, neben dem IWF-Kredit sechs Milliarden Dollar bilaterale Darlehen und weitere drei Milliarden von der Weltbank, soll lebensrettenden Sauerstoff spenden für eine Wirtschaft, die langsam zu ersticken droht an einer Spirale sich gegenseitig verschärfender Probleme. Viele davon haben weit vor den Umbrüchen des Arabischen Frühlings 2011 ihren Ursprung, in der Misswirtschaft und Korruption der langen Jahre unter Machthaber Hosni Mubarak, manche auch noch in den Zeiten des arabischen Sozialismus unter Gamal Abdel Nasser.

Aber sie haben sich durch die jüngere politische Krise verschärft, die das Militär durch seine Machtübernahme im Sommer 2013 nach Sisis Worten beenden wollte. Wirkliche Stabilität ist nicht eingetreten, nur politische Friedhofsruhe. Proteste gibt es allenfalls spontan auf dem Land, die Menschen haben Angst vor dem Sicherheitsapparat und um ihre Zukunft. Ihr Verlangen nach einer neuen Revolution ist gering, die Enttäuschung dafür umso größer.

Die Arbeitslosenrate liegt offiziell bei 12,7 Prozent, Ökonomen schätzen sie auf bis zu 25 Prozent, unter Jugendlichen noch höher. Der informelle Sektor der Wirtschaft, zu dem Händler wie Abu Khery gehören, aber auch viele kleine Fabriken, Gewerbebetriebe, macht laut einer Studie der Weltbank 40 Prozent der Jobs in der Privatwirtschaft aus; viele davon schlecht bezahlt und ohne jede soziale Absicherung. Und sie bringen dem Staat keine Steuern.

(Foto: Amr Nabil/AP)

Seit der IS einen Ferienflieger vom Himmel bombte, kommen kaum noch Touristen

Die Inflation ist im August auf 16,4 Prozent gestiegen, dem höchsten Wert seit sieben Jahren, bei Lebensmitteln streifte sie die 20-Prozent-Marke. Menschen wie Abu Khery müssen für eine Portion Koschari mittlerweile zehn Pfund zahlen. Die Kalorienbombe aus Makkaroni, Linsen und Reis, serviert mit Tomatensoße, Kichererbsen und Röstzwiebeln, gilt als Nationalgericht und als Speise der Armen. Überall in den Straßen von Kairo bieten Garküchen sie an. Der Preis ist in den vergangenen zwei Jahren um die Hälfte gestiegen, was eine der Auswirkungen der Dollar-Krise ist.

Ägypten führt laut dem staatlichen Statistikamt Capmas etwa vier Fünftel seiner Grundnahrungsmittel ein, es ist der größte Weizenimporteur der Welt; die heimische Ernte geht großteils in die Produktion von subventioniertem Brot, reicht allerdings nicht einmal dafür. Die Importe aber muss das Land in harter Währung bezahlen. Lange hatten Regierung und Zentralbank das Pfund mit Milliarden aus den Devisenreserven künstlich gestützt und den Wechselkurs streng kontrolliert. Nach einer Abwertung der Währung um 14 Prozent im März setzte ihn die Notenbank konstant bei 8,78 Pfund für den Dollar fest.

Doch diese Strategie war ein Fehler, wie der neue Zentralbank-Gouverneur Tarek Amer eingesteht. Denn die Deviseneinnahmen reichten nicht: Die Gebühren der Schiffe für die Suez-Passage stagnieren. Überweisungen von Auslandsägyptern gehen zurück, niemand brachte mehr seine Dollar zur Bank. Dann bombte die Terrormiliz Islamischer Staat Ende Oktober 2015 einen russischen Ferienflieger mit 224 Menschen aus dem blauen Himmel über dem Sinai. Seither sind die Strände am Roten Meer leer, die Zahl der ausländischen Touristen brach um die Hälfte ein. Die wichtigste Devisenquelle trocknete aus.

Dollar wurden immer knapper, es entstand ein Schwarzmarkt. In Wechselstuben und Banken hingen die offiziellen Kurse aus, doch kaufen konnte den Greenback dafür niemand, weder Firmen noch Privatleute. Stattdessen wechselten Scheine zur inoffiziellen Rate diskret im Auto den Besitzer; die Regierung drängte die Geldwechsler in die Illegalität. Großen Unternehmen vor allem aus dem Ausland half der Schwarzmarkt ohnehin nicht.

Die Fluggesellschaft KLM kündigte an, ihre Flüge nach Ägypten einzustellen, weil sie ihre Einnahmen nicht außer Landes bringen konnte; andere verkaufen Tickets nur gegen Devisen. Bei Ölkonzernen steht Ägypten laut lokalen Medien mit 3,6 Milliarden Dollar in der Kreide. Viele deutsche Firmen, die in Ägypten aktiv sind, klagen, dass sie ihr Geld nicht bekommen. Der Schwarzmarktkurs schoss zeitweise auf mehr als 18 Pfund hoch. Viele ägyptische Firmen mussten den Betrieb zurückfahren oder ganz einstellen, weil sie keine Rohstoffe mehr im Ausland kaufen konnten.

Die Menschen sind auf Lebensmittelmarken angewiesen.

(Foto: Nariman El-Mofty/AP)

Die Regierung hielt mit neuen Importbeschränkungen dagegen, um den Abfluss von Devisen zu bremsen, und erhöhte drastisch die Einfuhrzölle für Hunderte Waren, die zu Luxusgütern deklariert wurden. Darunter Tierfutter, Kosmetika oder Lebensmittel wie Käse, die viele Ägyptern aus der Mittelschicht als selbstverständlichen kleinen Luxus und Ausweis ihres Lebensstandards schätzten. Durch die Shoppingmalls an den Rändern von Kairo kann man ohne das sonst übliche Gedränge schlendern. In den Regalen der Supermärkte gab es immer neue Lücken. Autos wurden unerschwinglich, Urlaub im Ausland ebenso.

Die Wohlhabenden, die Präsident Sisi unterstützt haben, weil er eine Erholung der Wirtschaft versprach, kämpften darum, die Gebühren für ihre Kinder an privaten Schulen und Universitäten oder im Ausland zahlen zu können. An der American University Cairo, der teuersten dieser Eliteschmieden, protestieren Studenten seit Tagen gegen eine Erhöhung um bis zu 40 Prozent. Schon bisher mussten sie bis zu 100 000 Pfund zahlen, mehr als 10 000 Euro nach altem Kurs und das Vielfache des Jahreseinkommens der meisten Ägypter.

Die Armen trifft die Krise noch viel härter. Den Apotheken gehen die Medikamente aus, die Preise hat die Regierung schon angehoben in diesem Jahr, aber Mittel gegen Krebs und andere chronische Krankheiten sind kaum noch verfügbar. Den Import von Babymilch übernahm die Armee, weil sie nur noch zum Vierfachen des subventionierten Preises erhältlich war.

Die Wut brach sich Bahn in einem Video von einem Tuktuk-Fahrer, der für eine Talkshow interviewt wurde. "Ich schwöre, vor der Präsidentenwahl hatten wir genug Zucker, wir hatten Reis und haben ihn sogar exportiert. Was ist passiert? Wo ist das hin?", schrie er in die Kamera, während sich die Leute um sein motorisiertes Dreirad drängten. "Wenn wir Fernsehen schauen, sieht Ägypten aus wie Wien, wenn wir auf die Straße gehen, sehen wir, dass es der Cousin von Somalia ist." Millionenfach aus dem Internet geladen, traf der Clip einen Nerv.

Die Devisenreserven schmolzen trotz aller Beschränkungen weiter auf weniger als 16 Milliarden Euro - gerade genug, um für drei Monate die wichtigsten Importe noch zu bezahlen. Zahlungsunfähigkeit war ein Wort, das ägyptische Offizielle in vertraulichen Gesprächen mit westlichen Regierungen selbst in den Mund nahmen. Eine kontrollierte Abwertung des Pfunds hätte diese Krise wohl nicht mehr entschärft; nach Schätzungen der Investmentbank JP Morgan fehlen sieben Milliarden Dollar im Markt, andere Banken bezifferten den Bedarf auf acht bis zehn Milliarden. Der Zentralbank blieb kaum etwas übrig, als den Kurs freizugeben, auch wenn der IWF dies nicht zu einer Bedingung gemacht hatte.

Harte Währungen bekommt man fast nur noch auf dem Schwarzmarkt.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

Jetzt soll die Abwertung in Kombination mit den Krediten den kranken Mann am Nil kurieren, Millionen Jobs schaffen und das Wachstum von prognostiziert 3,3 Prozent steigern. Mehr als vier Prozent wären laut Ökonomen allein nötig, um auszugleichen, dass die Bevölkerung jedes Jahr um zwei Millionen Menschen wächst. Die große Mehrheit der Banker, Ökonomen und ausländischen Regierungen begrüßt die Entscheidungen als ersten Schritt in die richtige Richtung. "Es ist eine große Erleichterung an den Märkten und bei vielen Firmen zu spüren", sagt Angus Blair von der lokalen Investmentbank Pharos, der seit Jahrzehnten die ägyptische Wirtschaft analysiert. "Das ist ein Anfang, um die ökonomische Entwicklung wieder in Gang zu bringen. Aber die Regierung muss noch viel mehr tun, um die Wirtschaft zu reformieren."

Die allmächtige Armee verteilt Zucker, Reis und Öl an das darbende Volk

Viele Ökonomen sehen den Fokus des Präsidenten auf prestigeträchtige Megaprojekte kritisch. Für 45 Milliarden Dollar soll eine neue Hauptstadt in der Wüste entstehen; Sisis hält dem entgegen, die Projekte würden Arbeitsplätze schaffen und Investitionen ins Land. Ökonomen hielten es dagegen für wichtiger, ein lange angekündigtes Investitionsgesetz umzusetzen. Und dass der Präsident den aufgeblähten und wenig effektiven öffentlichen Dienst reformiert. Der Staat beschäftigt direkt mehr als fünf Millionen Menschen. Gehälter und Pensionen fressen ein Viertel des Haushalts auf, der Schuldendienst weitere 28 Prozent.

Die Subventionen machten im abgelaufenen Haushaltsjahr noch einmal 26,5 Prozent aus. An ihnen soll weiter gespart werden, vor allem bei Strom und Treibstoffen. Politikwissenschaftler, Bürgerrechtler und die marginalisierte Opposition warnen vor Unruhen, sollte sich die Wirtschaft nicht in den nächsten drei bis sechs Monaten erholen. Erinnerungen an 1977 werden lebendig. 79 Menschen wurden damals getötet bei Protesten gegen das Ende der Lebensmittel-Subventionen. Präsident Anwar al-Sadat revidierte seine Entscheidung - die er auch auf Druck des IWF getroffen hatte.

Diesmal dürfen die Hilfen bleiben, von denen etwa 65 Millionen Ägypter profitieren. Sie bekommen Brot und können über Wertkarten weitere verbilligte Lebensmittel beziehen. Die Regierung schreibt ihnen jetzt 21 statt 18 Pfund pro Person und Monat gut. Die Armee verteilt acht Millionen Pakete mit stark verbilligtem Zucker, Reis und Öl. Es ist ein Zeichen, dass das vom Militär dominierte Regime die Sprengkraft der Situation durchaus erkennt. Ob das genug ist, bleibt unklar; die Inflation wird nach allen Schätzungen in die Nähe der 20 Prozent steigen oder darüber hinaus; der Dollarkurs sich bei 15 bis 16 Pfund einpendeln.

Den Händler Abu Khery aber können die Pakete des Militärs ebenso wenig beruhigen wie Versicherungen des Präsidenten, dass es in ein oder eineinhalb Jahren wieder aufwärts gehen solle - rechtzeitig zum Ende seiner Amtsperiode. "Manche können zehn Kilo Zucker kaufen, und wir bekommen nichts!", ruft er und setzt zu einer neuern Tirade über die grassierende Korruption an. Sisis Appelle, den Gürtel eine Zeit lang enger zu schnallen und sich in den Dienst des Landes zu stellen, hören sich wie Hohn an in den Ohren von Menschen, die ohnehin nur von der Hand im Mund leben.