Report Die Serengeti des Saarlandes

Auf fünf Hektar Wald wird im Westen der Republik ein Grundsatzstreit ausgetragen: Naturschutz versus Wirtschaftsidee, Partikularinteresse versus Gemeinwohl.

Von Susanne Höll, Neunkirchen

Es regnet, der Himmel hängt tief über dem Saarland, man steckt knöcheltief im Schlamm. Sicher nicht der beste Termin für eine Promenade durch die Betzenhölle. Der Ort ist nicht so furchterregend, wie der Name vermuten lässt. Aber auch keine Idylle. Eine Art Neuwald, vor 50 Jahren wurde hier noch Kohle abgebaut. Inzwischen wachsen Bäume, Altholz liegt im Gebüsch, Brombeerranken überall. Von der Bundesstraße 41 hallt Autolärm. Ein normales Stück Wald? Von wegen. Die Betzenhölle ist sozusagen Kriegsgebiet.

Unaufgeräumt sieht es aus, öde auch. Flaschen und Plastikmüll liegen herum. "Genauso soll es sein", sagt Armin König und nestelt an seiner Kapuze. Er meint die Natur. Nicht den Abfall. Den missbilligt er.

König ist Bürgermeister der Gemeinde Illingen, etwa 20 Kilometer entfernt. Der 59-Jährige trägt einen kleinen Brilli im linken Ohr. Er ist kein sonderbarer Waldschrat, sondern ein bodenständiger Mann in Jeans, Anorak und vernünftigen Schuhen. Und er hat den Krieg erklärt.

König war maßgeblich daran beteiligt, das alte Kohlerevier zu einem Schutzprojekt zu entwickeln, einer Art Saar- Serengeti, in der sich der gequälte Grund erholen und neu erblühen kann. Nun aber gibt es Ärger. Das saarländische Unternehmen Globus möchte in eben jener Betzenhölle einen Einkaufsmarkt errichten.

Entlang des wüsten Geländes an der Bundesstraße B 41 wird ein gesellschaftspolitischer Konflikt austragen: Naturschutz versus Wirtschaftsidee, Partikularinteresse versus Gemeinwohl.

König sagt, er sei auf der richtigen Seite. Klar. Vor Jahren fanden König und andere, dass Flora und Fauna sich die alten Montanreviere zurückerobern müssten. "Neue grüne Lungen", nennt er das. Das Projekt "Landschaft der Industriekultur Nord", kurz LIK, machte Furore. Der Bund prämierte es und fördert es seitdem mit Millionen. Eine riesige Fläche, insgesamt knapp 2500 Hektar. Der Markt in der Betzenhölle wäre gerade mal fünf Hektar groß. Kommt nicht infrage, sagt König.

Er ist, wie er sagt, eigentlich ein fröhlicher wie friedliebender Mensch. Aber er kann auch schwer Rabatz machen, wenn er meint, es müsse sein. Dann legt sich der promovierte Germanist auch mit seinen eigenen Leuten an, den Christdemokraten. Vor Jahren, da war er noch nicht Bürgermeister, votierte er im Illinger Gemeinderat gegen ein Fahrradwegprojekt seiner CDU und wurde zur Schnecke gemacht. Eingeschüchtert hat es ihn nicht. Er sagt, er sei ein Rebell, ein Einzelkämpfer. Und ziemlich angstfrei, schon seit Kindertagen. Da war er Kunstturner. "Das Furchtlose kommt auch vom Turnen. Man muss durchziehen, wenn man einen Doppelsalto nicht vergeigen will", sagt König. Auch in der Causa Betzenhölle zieht er voll durch. Aber selbst Leute, die ihm wohlwollen, sagen, diesmal überziehe er.

Noch geht es dem Ort gut - das könnte sich ändern, wenn der Supermarkt gebaut wird

Seit Monaten macht der Bürgermeister mobil für den Schutz der LIK, der Natur und seines Heimatortes wegen. Illingen ist eine Großgemeinde, insgesamt knapp 17 000 Einwohner, früher waren es mehr. In der lebendigen Hauptstraße reihen sich die Geschäfte aneinander. Der alte Schlachthof mitten in der Stadt wird umgebaut, ein normal dimensionierter Supermarkt soll einziehen, Büros für Dienstleister wird es geben, Wohnungen auch. Vor zehn Jahren interessierten sich Große der Lebensmittelbranche für das Gelände. König hielt dagegen, im Interesse der eingesessenen Geschäfte und einer lebendigen Stadt. Und nun soll 20 Kilometer entfernt ein riesiges Zentrum entstehen? Nicht mit ihm. "Ich habe nicht einen Einkaufsbunker hier verhindert, damit jetzt ein doppelt so großer Markt in der Nähe eröffnet wird."

Königs Sorge: Ein neuer SB-Riese nimmt dem örtlichen Handel die Kunden. Das Schuhhaus, der Juwelier, der Elektromarkt und andere müssen darben, müssen womöglich ihre Tore schließen, mit allen negativen Folgen für den Ort. Leere Gebäude im Kern, ein verödendes Zentrum, dann ziehen vielleicht sogar Einwohner fort. Wollen wir in verkümmernden Städten leben? König will das nicht.

Zumal er das ganze Prozedere rund um die Zukunft des eigentlich geschützten Reviers für rechtlich fragwürdig hält. Der LIK-Gründungsvertrag sah ein Bauverbot für das gesamte Gebiet vor. Der Passus wurde für die Betzenhölle von der zuständigen Verbandsgesellschaft im Dezember mit Mehrheit geändert. Das saarländische Umweltministerium kann nun beim Bundesamt für Naturschutz die Ausgliederung dieses Stücks aus dem LIK-Projekt beantragen. Stimmt das Bundesamt zu, kann das Landesinnenministerium ein Raumordnungsverfahren für den Bau beginnen. König setzt alle Hoffnung auf das Bundesamt. "Wenn der Bund sagt, es geht nicht, ist das Bauprojekt tot." Illusionen macht er sich nicht. 51 zu 49 schätzt er die Chance, dass die Bonner Behörde den Neubau ablehnt.

Im Wahlkampf ist der Fall kein Thema - am Ort wird die Debatte umso heftiger geführt

König hat etliche Leute verärgert mit seinem Engagement. Er warf Globus vor, falsche Zahlen über den Einzelhandel in Illingen zu verbreiten, schimpfte über das SPD-geführte Landesumweltministerium, witterte Mauschelei der dort Verantwortlichen zugunsten von Globus. Die große Koalition im Saarland ließ das nicht auf sich sitzen. Unhaltbar und ehrabschneidend seien solche Vorwürfe, musste sich König nicht nur von Umweltminister Reinhold Jost, sondern auch von seinem CDU-Parteikollegen und Innenminister Klaus Bouillon anhören. War nicht schön für ihn. Aber er will weiter kämpfen, wie ein Löwe. Das sei er seiner Stadt schließlich schuldig, sagt er.

Im saarländischen Landtagswahlkampf spielt der Krieg um die Betzenhölle keine große Rolle. Wie auch? Dem aktuell regierenden Bündnis aus Christ- und Sozialdemokraten darf man unterstellen, dass sie einen Globus-Neubau interessant finden. Ein paar Hundert neue Arbeitsplätze könnte es geben, Jobs, die wichtig sind für die Region. Allein die Grünen stehen klar aufseiten Königs. Der Bürgermeister sieht das mit Wohlgefallen. Die Öko-Partei muss allerdings darum kämpfen, bei der Wahl am 26. März wieder in den Landtag einzuziehen. Wenn an der Saar eine rot-rot-grüne Regierung zustande kommen sollte, hätte König womöglich Verbündete in einer neuen Regierung. Jedoch um den Preis, dass seine CDU in der Opposition sitzen muss. Auch keine schöne Aussicht für einen christdemokratischen Bürgermeister.

Nicht wenige Politiker in Saarbrücken und anderswo sagen, König inszeniere sich gern und schaue allein auf Illingen. An dem Vorwurf ist sicher etwas dran. Aber der Einsatz für die eigenen Leute gehört schließlich zu den Hauptaufgabe eines Bürgermeisters. König sagt, er habe nichts gegen Globus. Ein neuer Markt anderswo, ferner von Illingen gelegen, würde ihn nicht stören. Also handelt er doch nach dem Prinzip des heiligen Florian, stellt das eigene Interesse vor das allgemeine Wohl? Ach was, er fuchtelt aufgeregt mit seinen Händen und wehrt ab. "Ich kämpfe nicht nur für Illingen, ich kämpfe für die ganze Region. Neue Arbeitsplätze? Von wegen. Anderswo gehen Jobs bei einem Neubau verloren. Das ist nichts als Kannibalisierung."

In Illingen plädiert Bürgermeister Armin König für den Erhalt der Natur.

(Foto: Imago)

Wie der Häuptling eines Handelskannibalen-Stammes sieht Thomas Bruch wahrlich nicht aus. Bruch ist geschäftsführender Gesellschafter der nach wie vor familiengeführten Globus-Gruppe. Mit offenem Hemdkragen sitzt er am Besprechungstisch in der funktionalen, wenngleich architektonisch wenig anmutigen Firmenzentrale in Sankt Wendel. Bruch, Jahrgang 1950, ist hier aufgewachsen, lebt bis heute hier. Sein Ur-Urgroßvater Franz gründete 1828 in der Stadt ein Kolonialwarengeschäft, einen Tante-Emma-Laden. Der Franz, der vor annähernd 200 Jahren nach dem frühen Tod seines Vaters den Weg nach Sankt Wendel fand, würde sich die Augen reiben, wenn er sähe, was die Nachfahren aus dem Geschäft gemacht haben. Tomas Bruch ist mit seinen Leuten Herr über 46 SB-Warenhäuser, 90 Baumärkte und weitere Geschäfte, hinzu kommen 26 riesige Supermärkte in Tschechien und Russland. Allein an der Saar hat Globus mehr als 5 500 Beschäftigte, Bruch ist einer der größten privaten Arbeitgeber des Landes.

Milliardär ist er auch, jedenfalls auf dem Papier, bekannt wie ein bunter Hund und hoch angesehen. Der schlanke, nicht sehr hochgewachsener Mann, lacht und lächelt gern. Wenn es um sein Vermögen geht, wird sein Gesicht aber ernst. Das Milliardärsgerede mag er gar nicht: "Da werden irgendwelche Dinge irgendwie bewertet, wenn sie einmal verkauft würden. Aber es wird nichts verkauft. Das kommt für uns überhaupt nicht infrage." Bruch ist ein Mensch, der nie mit dem Familienreichtum protzte, auch in Schulzeiten nicht, wie sich Zeitzeugen erinnern. Die Bruchs sind trotz großen Vermögens normale Leute geblieben, bodenständig, so wie Bürgermeister König, keine Allüren, kein Bling-Bling. Die Familie züchtet Pferde, Thomas war früher einmal Springreiter. Heute fährt er Mountainbike. Wenn man Raubtier-Kapitalisten sucht, wird man bei Globus im Saarland nicht wirklich fündig.

Das Unternehmen offeriert Mitarbeiterbeteiligungen, zahlt, obwohl der Lohn im Saarland unter dem Bundesdurchschnitt liegt, einen anständigen Haustarif, legt Wert auf Bio-Waren und einen vernünftigen Umgang mit der Natur. Er hat seinen Job von der Pike auf gelernt, saß nach dem Wirtschaftsstudium zwischenzeitlich an einer Supermarktkasse, übte sich im Fleischerhandwerk und weiß seither, was man an guten Mitarbeitern hat.

Er zahlt gute Löhne und setzt auf Nachhaltigkeit. Der klassische Bösewicht sieht anders aus

Mit Ausnahme zweier Lehr- und Wanderjahre in Nordrhein-Westfalen verbrachte er sein Leben im Saarland, zahlt hier die Steuern und findet, das sei nur gerecht. "Für mich ist es selbstverständlich, dass derjenige, der hierzulande Geld verdient und die Infrastruktur in Anspruch nimmt, auch seine Steuern entrichtet", sagt er. Eine Briefkastenfirma in südlichen Gefilden? Undenkbar für einen Bruch. Eine Firmenstiftung unterstützt Projekte im Saarland und anderswo, insbesondere für Jugendliche in Schule und Beruf. Der etwas sperrige Leitsatz des Unternehmens lautet: "Verantwortung leben - für Mensch, Natur und Unternehmen". Ein zweiter Satz ist Bruch persönlich wichtig. "Mehr sein als scheinen." Der Mann ist kein Finanzhai. Aber er ist Geschäftsmann, einer, der das Familienunternehmen für die nächsten Generationen erhalten und ausbauen will. Und deshalb hätte er so gern das Gelände an der Betzenhölle.

Die Märkte von Globus sind zwar groß, unter den Giganten der Branche ist das Unternehmen aber vergleichsweise klein. Edeka und Rewe rücken dem Unternehmen daheim auf die Pelle. In allen saarländischen Mittelstädten ist Globus mit einem Großmarkt vertreten - mit der Ausnahme von Neunkirchen. Ein früherer Versuch, dort in der Stadt Fuß zu fassen, scheiterte. Globus wurde ausgebootet. Seither sucht man nach einem Standort. Die einstige Brache an der B 41 ist ideal. Perfekte Straßenanbindung, die Stadt gleich nebenan. Bruch ist auch in Gummistiefeln durch die Betzenhölle gewandert, um sich ein Bild zu machen. "Ich hab es mir natürlich angeschaut. Am Tag fahren 21 000 Autos vorbei." Stimmt. Es ist kein idyllisches Biotop. Mit einem SB-Markt mittendrin gäbe es allerdings noch mehr Verkehr.

Unternehmer Thomas Bruch will Arbeitsplätze schaffen. Dahinter steht ein Grundsatzkonflikt: Ökologie versus Ökonomie.

(Foto: Imago)

Globus hat im Tausch ein Alternativ-Grundstück angeboten. Auch eine ehemalige Kohlenbrache, inzwischen bewachsen. König und Naturschützer schütteln mit dem Kopf und klagen, das sei kein gleichwertiges Terrain. Bruch sagt, es gehe darum, den Belangen des Naturschutzes angemessen Rechnung zu tragen: "Hier kann und wird man, wenn man will, Lösungen finden." Das klingt nach Verhandlungsbereitschaft.

Die Lebenswirklichkeit zeigt: Grüne Wiese und Internet zerstören den alten Einzelhandel

Und was wird mit den Geschäften in Illingen? Bruch und seine Leute argumentieren, der Einzelhandel in den Städten müsse nicht unter den Großmärkten leiden, im Gegenteil. Im Stammsitz in Sankt Wendel oder in Saarlouis, wo es Globus-Märkte gibt, seien viele neue Lebensmittelgeschäfte und Drogerien eröffnet worden.

Mag sein. Aber die Lebenswirklichkeit in ländlichen Regionen zeigt, dass alteingesessene Einzelhändler zwischen grüner Wiese und Internet erdrückt werden, mit allen unschönen Konsequenzen für das innerstädtische Leben. Darüber beschweren sich dann oft jene Einwohner, die am Wochenende zum Großeinkauf in den SB-Markt fahren und ansonsten auch gern im Internet bestellen. Dann fordern sie, die Politik müsse dringend etwas unternehmen und beklagen sich bei ihrem Bürgermeister.

Handelt Globus aus Eigeninteresse oder im Sinne des Allgemeinwohls? Bruch lächelt wieder. "Wenn die Kunden gern zu uns kommen - und sie sagen, dass sie es tun -, schaffen wir für sie mit einem neuen Markt einen Mehrwert. Außerdem wollen wir in den Wirtschaftsstandort Saarland investieren und bis zu 400 neue Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen." Die Stadt Neunkirchen möchte den Großmarkt schnell gebaut sehen, der Arbeitsplätze und der zusätzlichen Gewerbesteuer wegen. Globus könnte sich die Wettbewerber zumindest in der Region etwas vom Halse halten, die Firmensubstanz stärken. Ein schwächelnder Globus wäre für das ganze Saarland von Schaden - weniger Steuern, weniger Jobs, nicht nur in der Branche, sondern auch bei den Zulieferern, oft kleine und kleinste Produzenten, die ihre Waren nicht an Aldi und Lidl verkaufen.

Was würde der Ur-Urgroßvater zur Betzenhölle sagen? Bruch blättert in der Familienchronik, die sein im Alter von 98 Jahren verstorbener Onkel Franz Josef geschrieben hat. Er liest vor, aus dem Nachwort: "Die bisherigen Chefs aller Generationen haben immer wieder von der Möglichkeit ihrer Zeit Gebrauch gemacht und die übernommenen Betriebe in jeweils größerer und veränderter Art an ihre Nachfolger übergeben." So möchte er es auch halten. Wenn es nach ihm geht, wird er dabei sein, bei der Eröffnung des neuen Markts in der Betzenhölle. Im Jahr 2020 oder 2021. "2020 wäre mir lieber", sagt er.