Report Bauer sucht Lehrling

Ein Mittelständler will Geflüchtete in seinem Betrieb ausbilden. Doch statt dabei Hilfe zu erhalten, muss Klaus Bauer mit bürokratischen Barrieren kämpfen. Wie ihm ergeht es vielen Unternehmern.

Von Lea Hampel und Jan Willmroth, Berlin/München/Weilheim i. Obb.

Klaus Bauers Situation ist das, was man eine Quadratur des Kreises nennt: Einer seiner Mitarbeiter soll einen Deutschkurs machen, damit er sich besser verständigen kann. Weil der junge Mann arbeitet, braucht er einen Abendkurs. Einen solchen gibt es in Weilheim, wo er arbeitet, er wohnt aber in einer Unterkunft in Böbing. Der letzte Bus von Weilheim nach Böbing fährt abends um 18.46 Uhr. Damit Bauers Mitarbeiter die 18 Kilometer anders zurücklegen könnte, bräuchte er einen Führerschein. Um den zu machen, müsste er besser Deutsch sprechen. Dafür bräuchte er den Kurs.

Angesichts solcher Endlosschleifen schüttelt Klaus Bauer, 62, den Kopf. Der Mann mit dem braunen Pullover und den grauen Haaren sitzt vor einer Tasse Filterkaffee in einem Besprechungszimmer seiner Firma Bauer Maschinenbau. Er ist auf dem Gelände mit den grauen Maschinenhallen aufgewachsen. Einst hat sein Großvater hier Motoren repariert, Klaus Bauer stieg 1979 ein, mittlerweile ist die Firma eine GmbH mit 135 Mitarbeitern allein im Maschinenbau, insgesamt arbeiten 235 Menschen für Klaus Bauer. Über die Jahre hat er so manche Krise ausgestanden. Aber Situationen wie die mit dem 21 Jahre alten Mohammed Samadi aus Afghanistan sind sogar für ihn neu.

Was Bauer in Weilheim seit Monaten praktiziert, ist die Integration von Geflüchteten, wie sie landauf, landab gefordert wird: Er hat vier Menschen aus Nigeria, Syrien und Afghanistan dauerhaft in Arbeit gebracht. Was ihm dafür entgegengebracht wird, sind Regularien, Vorschriften und Schwierigkeiten - und die nehmen derzeit eher zu.

Es gibt viele Unternehmer wie Bauer in Deutschland: Als 2015 Hunderttausende Menschen nach Deutschland kamen, in der Hoffnung auf Arbeit, Sicherheit und ein neues Leben, kamen vor allem aus der Wirtschaft positive Signale. Wer arbeiten wolle, werde gern genommen, hieß es. Fachkräftemangel und demografischer Wandel sind seit Jahren Probleme, die Ankommenden galten als Teil der Lösung. Ein begründeter Optimismus: 78 Prozent der Neuankömmlinge, so zeigt eine Analyse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), wollen "ganz sicher" erwerbstätig werden.

Man versuchte, sich zu verständigen, häufig reichte es nur für "Hallo", und "Danke"

Eineinhalb Jahre später machen viele der Hunderttausenden Geflüchteten Praktika, lernen Deutsch oder sind zum Nichtstun verdammt - dem gegenüber stehen nach wie vor offene Stellen und motivierte Arbeitgeber. Dass sie nicht zusammenfinden, liegt an bürokratischen Hürden, komplexen Gesetzen und kulturellen Unterschieden. Die Folge: Eine tägliche, gut bezahlte Arbeit, ist für Flüchtlinge immer noch die Ausnahme. Dabei ist sie die wichtigste Bedingung für Integration. Und so ist 18 Monate nach "Wir schaffen das" die Bereitschaft zur Integration durch Arbeit noch da. Aber ist sie gepaart mit Ernüchterung , Pragmatismus und Eigeninitiative.

Es ist ein klarer Januarmorgen in Berlin-Mitte, wenige Minuten vom Bahnhof Friedrichstraße haben die IHK-Initiative "Unternehmer integrieren Flüchtlinge" und die Organisation Arrivo Berlin zum "Zukunftsfrühstück" geladen. Diejenigen, die die Organisatoren ansprechen wollen, haben keine Zeit für Nachmittagstermine: Handwerker, Baufirmen, Hotelpersonaler. Etwa 25 Unternehmensvertreter sitzen in dem Altbauzimmer und schauen neugierig auf ein Flipchart mit Abkürzungen: BQL, WKL und B1. Kaum sind die Vorträge zu Berufsqualifizierenden Lehrgängen (BQL), Willkommensklassen (WKL) und Sprachlevels wie B1 fertig, gehen Hände hoch.

Es meldet sich eine Mitarbeiterin der Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag. Im Unternehmen arbeitet ein syrischer Buchhalter, man ist zufrieden, aber er müsste mehr Deutsch lernen, um sich hier offiziell Buchhalter zu nennen. "Wo gibt es einen Kurs, der zum Arbeitsalltag eines Teilzeitbeschäftigten passt?", will die Unternehmensvertreterin wissen. Auf die Kurse des Bamf habe ihr Mitarbeiter keinen Anspruch mehr, die Gewobag würde die Kosten für ein anderes Angebot übernehmen, aber finde kein passendes. "Wir fühlen uns da alleingelassen", sagt sie. Die anderen Menschen auf den Stühlen nicken, flüstern: "Kenn' ich."

Mohammed Samadi, 21, stammt aus Afghanistan. Der Geflüchtete hat Arbeit im Maschinenbaubetrieb von Klaus Bauer im oberbayerischen Weilheim gefunden.

(Foto: Johannes Simon)

Das klingt nicht verzweifelt, aber ernüchtert. Als im Herbst 2015 Handwerkskammern, Hotel- und Gaststättenverband und Pflegeschulen die wachsende Zuwanderung beobachteten, wuchs zwar die Hoffnung, leichter Auszubildende zu finden. Doch auch damals dachte niemand, dass das sofort möglich sein würde. "Es ging alles sehr schnell und war alles eher vage", erinnert sich Marlies Peine. Sie vertritt "Wir zusammen", einen Zusammenschluss von knapp 200 Unternehmen, die Flüchtlinge integrieren wollen. "Damals wusste man weder, welche Qualifikationen all die Menschen mitbringen, noch was man braucht, um sie in Arbeit zu bringen." Aber vorsichtig optimistisch war man. Die Sprache, so war die Überzeugung damals, sei das Hauptproblem. Würden erst einmal viele Menschen gut Deutsch sprechen, so die Hoffnung, könnten die Neuankömmlinge bald Arbeit erledigen, die seit Jahren niemand übernehmen kann.

Und tatsächlich: An der Sprache zeigt sich, wie schnell Behörden, private Anbieter, Ehrenamtliche und Organisationen zusammengearbeitet haben: Zwei Drittel der in der Bamf-Analyse befragten Flüchtlinge haben einen Sprachkurs besucht. Und viele haben es vermutlich wie die Mitarbeiter von Klaus Bauer erlebt: Die hatten neben den offiziellen Kursen den Auftrag, jeden Tag drei neue Wörter im Unternehmen zu lernen.

Wie viel sich tatsächlich schon getan hat, lässt sich in Berlin Neukölln beobachten. Das Hotel Estrel hat mit der Agentur für Arbeit Berlin-Süd zur "Jobmesse für Geflüchtete und Migranten" geladen, 3500 Besucher und 195 Aussteller sind gekommen. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie Messen eben aussehen, Menschen in Blazern vor grauen Stellwänden, Stehtische mit Flyern und Gummibärchen. Hotels sind vertreten, Zeitarbeitsfirmen und Handwerksbetriebe, Pflegedienste und Sprachkursanbieter.

Aber auf den Bannern an den Ständen stehen Sätze wie "Flüchtling ist kein Beruf". Junge Männer in Turnschuhen und zusammengewürfelter Kleidung schlendern durch die Gänge, sie rufen sich gegenseitig auf Arabisch durch die halbe Halle, sie notieren sich dauernd Internetadressen oder fotografieren Firmenlogos. Besonders viele Besucher bleiben bei den bekannten Firmen stehen, beim Stand von DHL oder der Deutschen Bahn. Bei der ersten Messe im vergangenen Jahr, erinnern sich Teilnehmer, gab es vor allem Gesten: Menschen mit hoffnungsvollem Blick standen Personalern gegenüber. Man versuchte, sich zu verständigen, häufig reichte es nur für "Hallo", "Danke" und ausschweifende Handbewegungen. Das war nett, reichte aber nicht, um zu erklären, welche Voraussetzungen man für eine Ausbildung zum Hotelfachmann mitbringen muss oder wie ein duales Studium bei der Bahn funktioniert.

Vieles hat sich getan, seit dem Herbst 2015. Doch der Weg zu Integration durch Arbeit ist lang

In diesem Jahr sitzen vor fast jedem Stand Besucher, führen nicht immer einfache, aber lange Gespräche. Gerade lauscht ein junger Mann einer Recruiterin der Deutschen Bahn. Er hat den Stuhl nah an den Tisch gerückt, um jedes Wort zu verstehen. Er schreibt sorgfältig mit, als sie ihm das Bewerbungsportal auf der Website zeigt und das Prinzip des dualen Studiums erklärt. Seine Buchstaben sehen ungelenk aus, aber dass er in lateinischen Buchstaben mitschreiben und nach Standorten fragen kann, zeigt, wie viel sich schon getan hat. Am Ende wünscht ihm die Personalerin viel Glück und gibt ihm ihre Karte. "Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, rufen Sie mich an." Er dankt ihr mehrfach und zieht lächelnd weiter zum nächsten Stand.

In dem Beispiel steckt vieles, das geschafft wurde: Allein im ersten Halbjahr 2016 haben 9600 neue Integrationskurse begonnen, es gibt Willkommensklassen für unbegleitete Minderjährige, Modelle, mit denen fertige Auszubildende noch zwei Jahre sicher bleiben dürfen; es gibt digitale Jobvermittlungsplattformen wie das Start-up Workeer, wo sich mehr als 5000 Arbeitgeber registriert haben.

Doch der Weg, bis ein großer Teil der Ankommenden arbeitet, ist noch weit. Noch ist die Lücke zwischen den Angekommenen und den unbesetzten Stellen in der Industrie, im Handwerk und den Hotels und Gaststätten größer, als sich mancher das gewünscht hätte. Als die Bamf-Forscher von Juni bis Oktober 2016 Geflüchtete befragten, waren gerade einmal fünf Prozent der Erwachsenen auf einer Schule, Hochschule oder in Ausbildung. Und so gibt es auf der Jobmesse eben nicht nur freundliche Gespräche. Sondern oft auch zuckende Schultern: Ohne Sprachkenntnisse auf dem Level B1 sei es schwierig, heißt es, oder: Wir beschäftigen nur Menschen mit Bleibeperspektive.

Die Gründe, warum Tausende freie Stellen nicht gleich Jobs für Tausende Flüchtlinge bedeuten, sind vielfältig. Viele Menschen hat die Flucht nach Europa im Durchschnitt zwischen 5000 und 7000 Euro gekostet, nun verdienen sie lieber in ungelernten Tätigkeiten schnell Geld, um Schulden zu bezahlen oder einen Alltag aufzubauen. Viele wissen zudem nicht, ob und wie lange sie bleiben dürfen. "Deutsch zu lernen und eine jahrelange Ausbildung zu machen, das sind sehr hohe Investitionen", sagt Christian Dustmann, Wirtschaftsprofessor am University College London, der seit Jahrzehnten die wirtschaftlichen Aspekte der Migration erforscht. "Solange Menschen unsicher sind, ob man sie zurückschickt, werden sie diese Investitionen eher nicht wahrnehmen", sagt er. Eine deutsche Ausbildung und Sprachkenntnisse sind in den Heimatländern Geflüchteter oft nichts wert.

Meister Horst Holzhauer (links) und Kollege Andi Bräu (rechts) wollen Samadi gern behalten, sie bringen ihm jeden Tag drei neue Wörter bei.

(Foto: Johannes Simon)

Auch sind die Ausbildungssysteme schwer vergleichbar. Der Bamf-Analyse zufolge hat zwar mehr als die Hälfte der Ankommenden mindestens zehn Jahre Schule hinter sich. Aber es gilt, was ein Personaler auf der Jobmesse sagt: "Ein Bachelor in Syrien ist eben kein Bachelor in Deutschland." Dass viele warten müssen, bis klar ist, ob und wie sie arbeiten dürfen, macht die Situation nicht besser. "Es ist egal, ob ein Deutscher oder ein Flüchtling langzeitarbeitslos ist. Langzeitarbeitslosigkeit führt oft zu psychischen Problemen, bloß kommen bei den Flüchtlingen noch traumatische Erfahrungen hinzu", sagt auch Unternehmer Klaus Bauer. Die Belastung ist in jedem Fall enorm. Auch Bauers Mitarbeiter Samadi hat bis jetzt keine Anhörung zu seinem Asylantrag gehabt, obwohl er seit 2014 in Deutschland lebt.

Hinzu kommen grundsätzliche Dilemmata der Einwanderungspolitik. Einerseits wird versucht, allgemein gültige Regeln zu schaffen, um zügig zu entscheiden - so entstehen die Regelungen für sichere Herkunftsländer und Arbeitsverbote für Menschen, die aus solchen kommen. Andererseits machen die Hunderttausenden Lebensläufe, die Menschen nach Deutschland geführt haben, es schwer, allgemeine Regeln zu schaffen. In jedem Fall gibt es unzählige Variablen: Ist eine Person geduldet? Läuft das Verfahren noch? Wie lange ist sie hier? Im Berliner Altbau von Arrivo hängt ein Plakat mit einer Art Entscheidungsbaum. Er zeigt mehr als ein Dutzend möglicher Antworten, ob und wie jemand arbeiten darf.

Die Folgen bekommt nicht nur Mohammed Samadi zu spüren, der Schwierigkeiten hat, den Führerschein zu machen. Sie zeigen sich auch in einem anderen Beispiel: Auf dem Gelände der Firma Bauer steht ein Haus, in dem einst die Familie wohnte. Heute hat das Unternehmen es an den Landkreis vermietet, als Unterkunft für Geflüchtete. Das bedeutet aber nicht, dass Menschen, die Bauer beschäftigt, automatisch dort wohnen dürfen - dazu wäre eine komplexe Abstimmung mit Landkreis und Ausländerbehörde nötig. "Die bürokratischen Schwierigkeiten sind derzeit unser größtes Problem", sagt Klaus Bauer.

Sie sind der Grund, dass er für einen Azubi mit Fluchthintergrund etwa dreimal so viel Zeit einkalkuliert wie für andere. Der Aufwand ist nicht geringer geworden. Denn obwohl Bauer überzeugt ist, dass die Beamten versuchen, ihre Arbeit richtig zu machen: Die Asylpraxis wurde in den letzten Monaten in vielen Fällen härter. "Was offizielles Statement ist, nämlich die Abschiebung konsequent durchzuziehen, spiegelt sich jetzt wider", sagt Bauer. Wo anfangs Interpretationsspielraum war, wurde die Residenzpflicht verschärft. Die Zahl der sicheren Herkunftsländer wurde erhöht. Heute ist Mohammed Samadi, der einen Vertrag hat und Steuern zahlt, von Abschiebung bedroht, weil Afghanistan als sicher gilt. Hinzu kommt: Wer wie er Fuß gefasst und einen Job hat, hat weniger Ansprüche, etwa auf Sprachkurse.

Große Konzerne können eigene Programme auflegen - aber der Mittelstand braucht Unterstützung

Hier entsteht ein Widerspruch: Jene, die sich besonders Mühe gegeben haben, werden indirekt bestraft. Dabei weiß Christian Dustmann aus der Migrationsforschung, dass gerade Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen gekommen sind, oft einfacher in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. "Diese Menschen haben ihre Migration vorbereitet und sind auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereitet", sagt er.

Die Folgen dieser Gemengelage bekommt vor allem der Mittelstand zu spüren. Konzerne wie Siemens können sich eigene Förderprogramme leisten, Firmen wie die von Klaus Bauer haben Probleme: Sie bräuchten mehr Unterstützung. Schon regelmäßige Informationen, welche Staaten als sicher gelten oder welche Möglichkeiten zum Wohnortwechsel bestehen, könnten helfen. Bauer hat nun ein eigenes "Drei-Stufen-Integrationsmodell" entwickelt. Vielversprechende Praktikanten sollen im Anschluss nicht nur Deutsch und Mathe lernen, sondern Hilfe bei der Wohnungssuche und beim Einkaufen bekommen. Auch einen runden Tisch für Unternehmer will er einberufen. Wie Bauer machen es viele Mittelständler. Bei der Berliner Gewobag wurde eigens eine Stelle zur Betreuung der neuen Mitarbeiter eingerichtet.

Bei vielen schwingt die Überzeugung mit: Erst Menschen aufzunehmen und sie dann nicht oder nur geringfügig zu beschäftigen, können sich weder die Gesellschaft noch die Unternehmen leisten. Mohammed Samadi, Klaus Bauers Mitarbeiter, hat sieben Jahre in Iran sein Glück versucht, bevor er nach Deutschland kam; nichts garantiert, dass er nicht weiterzieht, wenn er nicht das tun kann, was er möchte: hier einfach leben und arbeiten.

Der Optimismus des Anfangs, er ist nicht mehr ungezügelt, aber noch vorhanden. Jedes zweite deutsche Unternehmen, zeigte eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, bietet derzeit Arbeits- und Ausbildungsplätze für Flüchtlinge und ungelernte Migranten an. Vielen geht es wie Klaus Bauer: Er erzählt begeistert von der Weihnachtsfeier und dem Team, das Mohammed Samadi unbedingt behalten will. Eines ist aber ihm und vielen anderen Arbeitgebern klar: Die große Anstrengung, an deren Ende eine nachhaltige Einbindung in den Arbeitsmarkt steht, wird Jahre dauern. "Die eigentliche Integration", sagt Bauer, "die beginnt erst jetzt."