Rente Die Rente mit 67 wird nicht reichen - egal was Merkel sagt

Früher oder später wird sie wohl kommen: die Rente mit 70. Drängend wird das Problem ab 2030 - ob Angela Merkel dann noch Politik macht, ist zweifelhaft.

(Foto: dpa)

Die Kanzlerin will nicht am Rentenalter rütteln, dabei werden langfristig alle länger arbeiten müssen. Nur ob sie dann noch regiert, ist sehr zweifelhaft.

Von Catherine Hoffmann

Angela Merkel hat sich am Sonntagabend beim TV-Duell mit SPD-Chef Martin Schulz darauf festgelegt, dass die Union die Rente mit 70 nicht anstrebe. Es sei "schlicht und ergreifend falsch", dass die Union das Ziel verfolge, sagte die Bundeskanzlerin. Damit dürfte sie für einige Verstimmung in der CDU gesorgt haben, denn Parteifreunde wie Finanzminister Wolfgang Schäuble und Finanzstaatssekretär Jens Spahn sind der Ansicht, dass die Lebensarbeitszeit künftig sehr wohl verlängert werden muss. Schäuble ist für eine Koppelung an die steigende Lebenserwartung. Die Junge Union hält längerfristig eine Anhebung des Rentenalters auf 70 Jahre für angemessen. Gesetzlich geregelt ist bislang die Anhebung der Altersgrenze vom 65. auf das 67. Lebensjahr bis 2029.

Gibt es akuten Handlungsbedarf?

Nein. Auch wenn die Rente eines der großen Themen im Bundestagswahlkampf ist, so gibt es keinen Grund zur Panik. "Es besteht in der nun kommenden Legislaturperiode tatsächlich kein Handlungsbedarf für ein höheres Rentenalter, noch nicht einmal in der Legislaturperiode danach, denn bis 2029 müssen wir erst einmal die Rente mit 67 einführen", sagt Axel Börsch-Supan, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Die Finanzierung der Renten ist bis 2030 durch eine Mischung aus steigenden Beiträgen und sinkendem Rentenniveau gesichert.

Welche Maßnahmen sollen die Rente bis 2030 stabilisieren?

Derzeit beträgt der Beitragssatz zur Rentenversicherung 18,7 Prozent; er soll bis 2030 schrittweise auf 21,8 Prozent steigen. So steht es im Rentenversicherungsbericht 2016 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (hier als PDF). Dessen Modellrechnungen zufolge nehmen gleichzeitig die Renten bis 2030 um etwa 35 Prozent zu, also um jährlich gut zwei Prozent. Das Verhältnis von Renten zu Löhnen (Rentenniveau) schrumpft aber im Laufe der Zeit, weil die Renten nicht so schnell wachsen dürfen wie die Löhne. Trotz des rückläufigen Rentenniveaus wird die Kaufkraft der Renten also weiter zunehmen, wenn auch langsamer als die der Löhne. Derzeit beträgt das Rentenniveau rund 48 Prozent, 2030 sollen es nur noch 44,5 Prozent sein. "Bis 2030 kommen wir gut hin mit der Rente bis 67", sagt auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. "Merkel hat also recht. Wenn sie nicht länger regiert als bis 2030, muss sie ihre Aussage nicht widerrufen."

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Was ist zu tun, damit die Rente auch nach 2030 sicher ist?

Über 2030 hinaus ist die Rente nicht nachhaltig finanziert. Das liegt zum einen daran, dass zwischen 2030 und 2040 die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in Rente gehen. Das führt dazu, dass immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen. Danach dürfte allein die stetig wachsende Lebenserwartung die Rentenkassen belasten. "Sollte die Gesundheit immer besser werden und dadurch die Lebenserwartung weiter steigen, werden wir das Rentenalter früher oder später anpassen müssen", meint Börsch-Supan. "Aber dann wären wir ja auch besser in der Lage, länger zu arbeiten." Ökonomen schätzen, dass die ferne Lebenserwartung von 2030 bis 2060 um drei Jahre steigen wird, das heißt, dass die Menschen 2060 um durchschnittlich drei Jahre länger leben als 2030. Die Kosten für das Rentensystem ließen sich abmildern, wenn die Menschen von den drei gewonnenen Jahren zwei arbeiten und eines in Rente genießen würden. Das wäre dann die Rente mit 69. Aber das ist Zukunftsmusik.

Wäre statt starrer Altersregeln nicht eine automatische Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung besser?

"Eine Rente mit 70 als festem Alter ist in jedem Falle unsinnig, daher mein Vorschlag einer 2:1-Formel, die man spätestens am Ende der übernächsten Legislaturperiode verabschieden müsste", sagt Börsch-Supan. Eine solche Lösung hat der Wirtschafts-Sachverständigenrat der Bundesregierung bereits vorgeschlagen. Demnach solle das Renteneintrittsalter an die fernere Lebenserwartung gekoppelt werden, fordert auch der Wirtschaftsweise Lars Feld: "Das ist keine Rente mit 70, aber könnte je nach demografischer Entwicklung darauf hinauslaufen." Und sollte das Gegenteil passieren - hoffentlich nicht! - und die Gesundheit sich verschlechtern, müsste das Rentenalter wieder sinken.

Ist der Kompromiss gerecht, oder sind die Jungen von heute die Gekniffenen?

Natürlich ist es unschön für die Arbeitnehmer, dass das Rentenniveau in Deutschland sinken wird. Aber es ist auch unschön für junge Menschen, dass ihre Rentenbeiträge steigen werden. Und trotzdem werden künftige Rentner besser leben als heutige, weil ja die Kaufkraft der Renten steigen wird, wenn auch nicht so schnell.

Sollte Kreis der Versicherten um Beamte oder Selbständige erweitert werden?

Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte und andere freie Berufe sind in berufsständischen Versorgungswerken abgesichert, und das meist sehr gut. Handlungsbedarf gibt es vor allem bei Solo-Selbständigen, die keine Mitarbeiter beschäftigen und oft nur wenig verdienen. "Es wäre vernünftig, sie in den Schutz der Rentenversicherung einzubeziehen", sagt Bofinger, "zumal der Unterschied zwischen abhängiger Beschäftigung und selbständiger Tätigkeit immer mehr verschwimmt." Was die Beamten angeht, mag die Forderung zwar gut klingen, dass auch sie in die Rentenversicherung einzahlen sollen. Aber ohne Grundgesetzänderung ist es nicht möglich, die Beamtenversorgung abzuschaffen. Das wäre nicht nur kompliziert, sondern auch teuer.

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