Reisen Klein gegen Groß

Eine EU-Vorgabe für Pauschalreisen löst heftigen Streit aus: Mittelständische Reiseverkäufer fühlen sich vom Deutschen Reiseverband schlecht vertreten - und gründen eine eigene Organisation.

Von Michael Kuntz

Es schien schon vorbei zu sein mit den Reisebüros. Von denen gab es 2002 mal mehr als 14 000 in Deutschland und zehn Jahre später waren es weniger als 10 000. Vom Reisebürosterben war die Rede und angesichts der Buchungsklicks im Internet kam das vielen ganz normal vor. Reisebüros gehören wie Apotheken und Bankfilialen fest zur deutschen Fußgängerzone - und der Rückgang scheint vorerst gestoppt. Die Zahl der Reisebüros stagniert bei 9800 und das schon seit 2014.

Das Reisebürosterben hat ein Ende, jubelt Norbert Fiebig, der Präsident des Deutschen Reiseverbandes DRV, in dem Veranstalter und Verkäufer organisiert sind: "Das zeigt übrigens auch sehr klar, dass Reiseveranstalter den Wert der Reisebüros kennen und schätzen - nicht zuletzt hinsichtlich der Zufriedenheit der Kunden."

Je mehr Geld jemand für einen Urlaub ausgibt, umso ausgeprägter ist offenbar der Wunsch nach einer persönlichen Beratung. Deshalb wohl auch werden die vielfältigen und daher stark erklärungsbedürftigen Kreuzfahrten zu einem erheblichen Teil in Ladengeschäften verkauft, zumindest die erste Seereise. Auch von terroristischen Ereignissen verunsicherte Menschen suchen ein Gespräch, bevor sie sich entscheiden für die oft nach dem Autokauf zweitgrößte Konsumausgabe.

Den Reisebüros, die die Krise überlebt haben, geht es also wieder relativ gut. Auf sie kommt nun allerdings eine neue Bedrohung zu, und manche in der Branche befürchten bereits ein zweites Reisebürosterben. Die Umsetzung der EU-Richtlinie für Pauschalreisen in nationales Recht könnte vor allem kleinen selbständigen Reisebüros so zusetzen, dass sie aufgeben müssen. Denn unter Umständen müssen sie künftig wie ein Reiseveranstalter haften.

Laut Regierungsentwurf wird das Reisebüro beim Verkauf von mehr als einem Baustein einer Reise zum Reiseveranstalter, der für alle verkauften Leistungen haftet. Ein Beispiel: Stellt das Reisebüro für eine Reise nach Nordamerika die Flüge, die Hotels und den Mietwagen individuell zusammen, wäre das rechtlich eine Pauschalreise. Für deren Durchführung müsste das Reisebüro geradestehen, obwohl es die Leistungen einzeln vermittelt hat.

Ein Rücktransport im Krisenfall, eine Reiseleitung vor Ort - solche Elemente einer Pauschalreise würden ein mittelständisches Reisebüro rasch überfordern. Und manche dieser Leistungen will der Individualreisende vielleicht auch nicht, weil er bereits eine entsprechende Versicherung hat und er Reiseleiter überflüssig findet.

Die Branchenrebellin Marija Linnhoff hat den Reiseverband vorgeführt

Deshalb soll sich der Kunde im Reisebüro künftig klar entscheiden, ob er eine Pauschalreise kaufen will mit deren Sicherheitselementen - oder einzelne Reiseleistungen, eben ohne diese. Dafür muss der Reisekäufer ähnlich wie bei der Geldanlage in einer Bank ein Beratungsgespräch über sich ergehen, in dem er über die Verschiedenartigkeit dieser Buchungen informiert wird. Er soll sich entscheiden: Pauschalreise, ja oder nein. So weit, so klar.

Vorbei mit der Ruhe: Die Umsetzung der EU-Richtlinie für Pauschalreisen in nationales Recht könnte vor allem kleinen selbständigen Reisebüros zusetzen.

(Foto: Andrea Pattaro/AFP)

Zu einem echten Erlebnis könnte der Besuch im Reisebüro dann allerdings noch geraten, wenn es ums Bezahlen geht. Denn das stellen sich die EU-Bürokraten so vor: Wer keine Pauschalreise kaufen will, sondern separate Leistungen, der soll die gefälligst auch einzeln bezahlen: getrennte Zahlungsvorgänge. Flug, Hotel, Mietwagen - dann soll die Registrierkasse dreimal klingeln. "Hier muss dringend eine praxisgerechte Lösung her, sonst zeigt unser der Kunde zukünftig regelmäßig einen Vogel", formulierte Reise-Präsident Fiebig vor den Mitgliedern seines Verbandes. Nicht wenige in der Branche fragen sich nun allerdings, wie es so weit kommen konnte, wo doch der DRV eigener Aussage zufolge einer "der weltweit größten und einflussreichsten Verbände der Reisebranche" ist.

Der DRV repräsentiert "die Reiseveranstalter und Reisebüros aller Organisationsformen und Größen, ebenso wie die Leistungsträger und die ausländischen Fremdenverkehrsämter gegenüber der Politik und der Wirtschaft im In- und Ausland". Als EU-Beauftragte beschäftigt er sogar die Tochter eines früheren Kanzlerkandidaten der SPD und als Hauptgeschäftsführer einen Politikwissenschaftler mit jeweils mehrjähriger Berufspraxis als Fernsehreporter und Unterabteilungsleiter im Bundesverkehrsministerium.

Und trotzdem steckt der DRV nun in einer Situation, in der sich manche lieber nicht mehr auf diesen bislang führenden Lobbyverband verlassen wollen. So wie die Branchenrebellin Marija Linnhoff, Inhaberin eines Reisebüros in Iserlohn. Die Dame besitzt jedenfalls Durchsetzungsstärke: Vergeblich drängte sie an die Spitze Verbandes ASR, der Allianz selbständiger Reiseunternehmen. Linnhoff gab nicht auf und gründete eine neue Organisation: den Verband unabhängiger selbständiger Reisebüros VUSR, mit mittlerweile mehreren Hundert Mitgliedern. Demnächst will er sich stark vergrößern und auch für Verkäufer am Counter öffnen.

Sein Ziel: die Umwandlung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht zu verhindern. "Sie wird zweifellos zu einem Sterben kleiner, nicht konzerngebundener Reisebüros führen", sagte Linnhoff. Es gehe um Zehntausende Arbeitsplätze. "Wir kleinen Büros wollen, dass alles so bleibt, wie es ist." Die Abtrünnigen vom VUSR sammelten dafür in nur drei Wochen fast 50 000 Unterschriften. Der DRV reagierte mit einer eigenen Protestaktion.

Die VUSR-Rebellen verfehlten zwar die Mindestzahl an Unterschriften knapp, dennoch darf Linnhoff ihre Petition 68 543 dem zuständigen Ausschuss des Bundestages vortragen, bei einer öffentlichen Anhörung am 6. März. Dem Petitionsausschuss gehören 26 Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Parteien an. Als eine von mehreren Möglichkeiten könnten sie die Reform des Pauschalreise-Rechts an die Regierung zurückreichen. Die Verbandsgründerin kritisiert die Pauschalrichtlinie nicht nur wegen der Folgen für kleine Reisebüros, auch "der Schutz der Verbraucher wird deutlich zurückgesetzt". So seien bald möglicherweise acht Prozent Preiserhöhung bis 20 Tage vor Reiseantritt möglich, etwas, das den wirtschaftlichen Interessen der großen Veranstalter entspricht.

Wer keine Pauschalreise kaufen will, sondern separate Leistungen, der soll die nach den Plänen der EU-Bürokraten auch einzeln bezahlen. Flug, Hotel, Mietwagen - dann soll die Registrierkasse dreimal klingeln.

(Foto: Andrea Pattaro/afp, Patrick Pleul/dpa)

Grundsätzlich käme es den großen Reiseveranstaltern gewiss nicht ungelegen, wenn die kleinen Reisebüros künftig einfach Pauschalreisen von Veranstaltern verkaufen würden, statt selber Veranstalter zu spielen, sagt ein Branchenkenner. Nun geht ein Riss durch die Reisebranche. Konzerne wie Tui, Thomas Cook und die DER Touristik der Rewe-Gruppe finanzieren den DRV wesentlich und helfen auch schon mal mit Personal aus: DRV-Präsident Norbert Fiebig war DER-Manager und übt nun im Vorruhestand den Lobbyisten-Job aus, ehrenamtlich. Der Konzernmann hat die Opposition der kleinen Reisebüros offenkundig unterschätzt. Ein Brancheninsider formuliert es drastisch: "Marija Linnhoff hat den DRV praktisch am Nasenring durch die Arena gezogen."

Vertreter der Regierung wollen sich nun ein eigenes Bild machen

Vertreter der Bundesregierung verhalten sich angesichts der aufgewühlten Stimmung in der Reisebranche eher diplomatisch. Justiz-Staatssekretär Gerd Billen besuchte die DRV-Jahrestagung in Berlin, zeigt sich gesprächsbereit ("bin kein Vollharmonisierer"). Der frühere Verbraucherschützer fuhr aber auch im Dienstwagen nach Iserlohn ins Reisebüro von Marija Linnhoff. Die hatte Kunden eingeladen, "um dem Staatssekretär typische Beratungssituationen zu zeigen, sowie generell die Arbeit am Counter", notierte die Fachzeitschrift fvw vor Ort.

An diesem Donnerstag ist Billen in Berlin zu Gast bei den Großen: Er diskutiert über die Pauschalreiserichtlinie mit den Politikern Johannes Fechner (SPD) und Matthias Lietz (CDU/CSU), auf dem Podium dabei sind DRV-Präsident Norbert Fiebig und Tui-Cheflobbyist Frank Püttmann. Ort des Gespräches ist die Tui-Politik-Lounge am Pariser Platz, sie ist an einer der edelsten Adressen in der Hauptstadt, gleich neben dem Brandenburger Tor. Iserlohn ist dann sehr weit weg.