Von wegen Finanzkrise und schwächelnde Konjunktur: Die Reiseveranstalter verbreiten Zweckoptimismus: Sie glauben, viele Deutsche wollen lieber auf teure Anschaffungen verzichten, als auf Ferien.
Die weltweite Finanzkrise hatte vor den Toren des Budapester Kongresszentrums offenbar kehrtgemacht. Denn von Stabilität und Wachstum war die Rede, als sich der Deutsche Reiseverband (DRV) in den vergangenen Tagen in der ungarischen Hauptstadt traf.
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Dieses Traumziel Aitutaki, eine der Cook Inseln, können sich nur wenige Deutsche leisten, auch wenn viele am Urlaub nicht sparen. (© Foto: dpa)
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Die Reisebranche habe in Krisen noch immer besser abgeschnitten als andere Branchen, erinnerte Verbandspräsident Klaus Laepple die etwa 600 versammelten Mitglieder mit viel Optimismus. Sicher sei die Verunsicherung der Verbraucher groß, verlässliche Prognosen für die Sommersaison 2009 seien noch nicht aufzustellen. Aber: "Urlaub genießt bei den Deutschen einen hohen Stellenwert und damit eine hohe Konsumpräferenz."
Alle Umfragen zeigen nach seinen Angaben, dass die Bundesbürger lieber auf teure Anschaffungen als auf den Urlaub verzichteten. Auch dass die Ausgaben für Geschäftsreisen deutlich geschrumpft sind, ist nach Laepples Ansicht kein Zeichen für einen dauerhaften Rückgang. "Die Branche hat kein leichtes Jahr vor sich, aber die Vorzeichen sind nicht so schlecht, wie manchmal dargestellt", meinte er.
Gutes Jahr
Immerhin blickt die Branche auf ein gutes Jahr zurück: Die Reiseveranstalter haben ihren Umsatz um fast 3,5 Prozent gesteigert, wenngleich der Verband eine verlässliche Umsatzzahl nicht nennen kann. Besonders gut lief es bei den Spezial- und Studienreiseanbietern, die um bis zu sieben Prozent zulegen konnten. Und einen Boom verzeichneten die Kreuzfahrten mit plus zwölf Prozent.
Auch die gut 11.000 Reisebüros profitierten von dem Wachstum mit einem Umsatzplus von fast zwei Prozent, wenngleich bei ihnen unter dem Strich nicht viel übrig blieb. Die Vermittler kommen auf eine Rendite von 0,8 Prozent.
"Bei uns ist alles auf Gelb geschaltet, aber nicht auf Rot", beschrieb Thomas Bösl die aktuelle Lage im Vertrieb. Er ist Geschäftsführer der QTA, einem Verbund von 6500 Reisebüros, die Reisen im Wert von 4,2 Milliarden Euro vermitteln.
Eine Krise sieht auch Bösl derzeit nicht heraufkommen, aber er wünschte sich von den Veranstaltern eine"realistischere Haltung" bei den Provisionsgesprächen. Außerdem würden die Reisebüros gerne bei der Gestaltung der Reiseangebote mitreden. "Wir fühlen uns manchmal etwas rumgeschubst", beschrieb er die Stimmung im Vertrieb.
Thomas Middelhoff, Vorstandschef des Arcandor-Konzerns, zu dem der Branchenzweite Thomas Cook (Marke Neckermann) gehört, glaubt sogar an eine Renaissance der Pauschalreise in der Krise, denn diese Reiseform sei für den Urlauber kalkulierbar und sicher.
Doch nur auf den treuen deutschen Urlauber wollen sich die Reisekonzerne auch nicht verlassen. "Das Wachstum findet im Ausland statt", sagte Tui-Konzernchef Michael Frenzel. In Russland zum Beispiel, wo Tui Marktführer werden will, liegen die Jahresraten bei zwölf Prozent.
Doch am Rande der Veranstaltung war die Stimmung gedämpfter als auf dem Podium, und die Teilnehmer waren sich häufig einig: Die Finanzkrise hat die Branche längst im Griff. Zäh verliefen die Buchungen in den vergangenen Wochen, heißt es; "ohne Unterstützung des Marketings geht bald nichts mehr." So hat Kreuzfahrt-Marktführer Aida den Werbeetat aktuell auch bereits aufgestockt.
(SZ vom 15.11.2008/segi)
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