Der Börsengang der Bahn wird zusehends zur traurigen Episode der Koalition, zu einem Dokument kollektiven Versagens. Er ist so gut wie gescheitert - Zeit für ein völlig neues Konzept.
Was wäre Deutschland ohne seine Bahn? Wie voll wären die Straßen, gäbe es keine Gleise? Wie kämen Reisende und Waren umweltfreundlich ans Ziel? Kein Zweifel: Die Bahn ist ein Rückgrat dieses Landes. Sie ist das wichtigste Unternehmen, das der Bund noch besitzt.
"Rückgrat dieses Landes": die Bahn (© Foto: dpa)
Anzeige
Kein Wunder, dass sich ein paar hundert SPD-Delegierte vergangenes Wochenende so schwertaten mit der Teilprivatisierung der Bahn. Sie sprechen für Millionen Bürger, denen schwant, dass ihnen mit der Bahn-Privatisierung etwas entgleitet. Was so wichtig ist für das Land, kann nicht einfach privaten Investoren zufallen, und sei es nur zum Teil. Der Börsengang der Bahn wird zusehends zur traurigen Episode der Koalition, zu einem Dokument kollektiven Versagens.
Die Motivation der SPD-Delegierten war richtig, die Folgen sind leider fatal. Richtig war es, eine Privatisierung zu verhindern, die zwar dem Bahnkonzern, nicht aber dem Bahnverkehr gedient hätte. Fatal ist, dass damit jegliche Privatisierung dieses Konzerns auf Eis liegt. Zu verantworten haben das die Strategen der Großen Koalition.
Von Anfang stellten sie die Fragen des Börsengangs falsch. Anstatt nüchtern der Frage nachzugehen, welche Art der Privatisierung dem Land am meisten nützt, beschäftigten sie sich allein mit den Konsequenzen für die Bahn. Allen Ernstes zerstritt sich die Koalition darüber, ob das Schienennetz, einer der Garanten unserer Mobilität, zu 49 Prozent an Privatinvestoren verkauft werden soll oder nicht. Als wäre eine in Jahrzehnten errichtete und gepflegte Infrastruktur eine Last, die der Staat loswerden muss.
Kafkaeske Idee
Weil die Vernunft bei dem Gefecht auf der Strecke blieb, steht die größte Volkswirtschaft Europas heute mit einer kafkaesken Idee für die Privatisierung da, abgenickt vom Kabinett, ins Parlament eingebracht von beiden großen Volksparteien. Das Schienennetz, Bahnhöfe, Oberleitungen gehören darin irgendwie Bund und Bahn zugleich. Die Volksaktien-Idee der SPD krönt den Entwurf noch. Private sollen zwar nun das Geld für die "Privatisierung" geben, mitreden dürfen sie aber nicht. Absurder geht es nicht.
Diese Privatisierung hat keine Zukunft, und eine dergestalt privatisierte Bahn hätte sie vermutlich ebenso wenig. Dabei sind es so simple Fragen, die der Koalition den Weg hätten weisen können. Wie, zum Beispiel, bekommt man mehr Züge auf die Schiene? Indem sich möglichst viele darum bewerben können, Reisende und Güter gut und günstig durchs Land zu transportieren.
Wer garantiert eine funktionierende Infrastruktur - nicht nur auf lukrativen Fernverkehrsstrecken? Doch am besten der Bund, indem er das Schienennetz behält. Mit Betrieb, Pflege und Wartung seiner Schienen kann er dann immer noch Dritte beauftragen - wenn sie ein gutes Angebot abgibt, auch die Deutsche Bahn.
Doch die Große Koalition, namentlich die SPD-Funktionsträger Peter Struck, Peer Steinbrück und Wolfgang Tiefensee, ließen sich von der Nebelkerze des "global player" irreleiten, die der Bahnvorstand ihnen eigens angezündet hatte. Demnach soll der Konzern so groß, so stark wie möglich sein, um im entstehenden europäischen Eisenbahn-Markt mitmischen zu können. Das Zusatzkapital aus dem Börsengang war weniger dazu gedacht, das deutsche Schienennetz zu ertüchtigen, sondern vielmehr für eine globale Expansionsstrategie - weil doch in der Logistik so viele Chancen stecken.
Was aber bringt es dem Bund, mehrheitlich die Nummer zwei in der weltweiten Seefracht, die Nummer drei in der weltweiten Luftfracht, die Nummer sechs in der globalen Kontraktlogistik (Eigenwerbung Bahn) zu halten? Auch dieser Frage ging die Koalition nicht weiter nach.
Neue Allianz
Ist das noch die Bahn, die Deutschland braucht? Kein Mensch hat etwas gegen eine effiziente, gutgeführte Bahn (und eine solche ist, allen Nörglern zum Trotz, Hartmut Mehdorns Bahn geworden). Eine Bahn, die im europäischen Wettbewerb mitmischen kann, so wie Frankreichs SNCF, Österreichs ÖBB oder die polnische PKP dereinst um Anteile am deutschen Markt buhlen. Nicht schiere Größe wird an diesem Markt entscheiden, sondern Schnelligkeit, Flexibilität, Effizienz. Wer Züge betreiben will, braucht dazu keine Spedition, keine Reederei und keine Häfen.
Sollten Union und SPD ihre bisherigen Pläne nun wirklich fallenlassen, wird sich eine neue Allianz bestaunen lassen. Dann wird auch die Bahn das Hohelied der Privatisierungsgegner singen und dankend auf jeden Börsengang verzichten. Mehdorn ging es stets darum, den Besitz der Bahn am Schienennetz zu zementieren - entweder über den Börsengang oder eben im völligen Staatsbesitz. Selbst Bahn-Gewerkschafter machte er zu seinen Verbündeten, indem er Jobgarantien an eben diese Struktur band.
Nur ist der staatliche Großkonzern Bahn keine Alternative zum schlecht privatisierten. Vor allem die SPD, die aus Rücksicht auf die Gewerkschaften Mehdorns Kurs stützte, wird sich überlegen müssen, ob es nicht noch einen dritten Weg gibt. Einen, bei dem zwar Bahntöchter privatisiert würden, das Netz aber beim Staat bliebe. Der Bund verlöre nichts, Bahnkunden aber könnten profitieren: von einer Bahn, die dann um jeden Kunden kämpfen muss.
(SZ vom 30.10.2007)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Ich kann dem Kommentar nur zustimmen. Der SPD-Parteitag ist da nicht konsequent genug gewesen. Das Schienennetz und die Immobilien müssen auf jeden Fall beim Bund bleiben.
Zusitmmung auch für Susanne 1!!
Risor
Dem Kommentar von Susanne 1 wäre nur noch hinzuzufügen, daß das, um was es Privatinvestoren in erster Linie geht, nämlich die Verwertung der noch der DB gehörenden Grundstücke/ Immobilien von fast allen ausgeblendet wird.
Daß eine Bahn in vollständig öffentlicher Hand ( ordentliches Management natürlich vorausgesetzt) sehr wohl funktionieren kann, beweist uns ein südliches Nachbarland.
Weder Politik noch die übrige Elite in diesem Land hat offensichtlich verstanden, um was es im 4. Teil des "Umweltberichtes" (UNO) geht. Es geht darum die Erde als bewohnbaren Planeten der Menschheit zu erhalten. Wir brauchen die ökologische Wende heute, jetzt! 8 - 13 Jahre haben wir noch Zeit, das ist sehr wenig. Wir brauchen eine Deutsche Bahn zu 100 % in öffentlichem Besitz, als Bestandteil der "Vereinigten europäischen Staatsbahnen von Europa" zum Wohle Aller. Kooperation ist das Zauberwort der Zukunft, gerade im vernetzten Schienenverkehr! Fachleute wissen das. Konkurrenz kann sich dieser Planet und auch seine BewohnerInnen in Wirklichkeit nicht mehr leisten, jede/r ist auf jede/n mehr denn je angewiesen. Die notwendigen Verkehre im Verbund und in Kooperation zu bewältigen, das hilft die ökologische Wende einzuleiten. Politik und Wirtschaft brauchen neue Ziele! Verkehre müssen auf das Notwendige reduziert werden, anfangen mit der Streichung des EU-Subventionsverkehrs, bis hin zur stadteigenen Molkerei. Wenn wir die Globalisierung der Märkte nicht rückverwandeln in Regionalisierung der Märkte werden wir unsere Erde in eine Apokalypse stürzen. Nachfolgende Generationen würden uns zu Recht zum Teufel wünschen, wenn wir jetzt nicht handeln. Die Bahn als Global Player, kann nicht dem Allgemeinwohl dienen, sie muss Ihren Aktionären (wer das auch sei) die Rendite mehren.
vielleicht wäre das nicht schlecht, wenn das so schnell und auch komfortabel funktionieren würde. Allerdings stellt sich die Frage, ob es ökonomisch sinnvoll wäre, so große Strecken auf Basis eines solch teuren und unkompatiblen Netz aufzubauen (beim Transrapid befindet sich der Antrieb im Gleis).
Der erneute Verkauf der Bahn an die, denen die Bahn seit über 130 Jahren sowieso schon gehört, war ein geplanter Betrug. Genauso übrigens wie diese Mautplanung für PKW´s. Auch hier hat der Bürger über die von Anfang an für den Autobahnbau zweckgebundene KFZ-Steuer die Autobahnen schon mehrfach bezahlt. Trotzdem soll er dafür nochmal blechen.
Das beste Konzept ist das alte Konzept. Einen einzigen Tarif über eine km-Basis und Netz-/Wochenkarten. Weg mit diesen Chichi über ein völlig undurchsichtiges Rabattsystem und Begünstigungen. Wenn man Familienpolitik betreiben will, dann bitte in Staatshand als Sozialleistung und nicht bei der Bahn.
Richtig war: weg vom Beamtentun. Die Bahn ist keine Pensionskasse für sich selbst Privilegierende. Marktwirtschaft kann man durchaus auch betreiben, wenn das Eigentum als eine Art Allmende beim Volke bleibt. Marktwirtschaft ist keine Frage des Eigentums. Das wird ständig verwechselt. Für gute und bequeme Züge zahlen die Bürger gute Preise. Der ICE machte es vor. Der Transrapid (in 2 Stunden von Paris nach Berlin, in 1 Stunde weiter bis Warschau und nochmal 2 bis Moskau) wäre marktgerecht und klimaschonend zum Flugzeug. Aber Weitblick haben diese Politiker noch nie gehabt. Blind, blind, blind, aber ständig nach neuem Geld in den Portemonnaies der anderen tasten.
Paging