Rechtsstreit um Teldafax-Insolvenz "Wir haben genug Beweise"

Hunderttausende Kunden hätten niemals einen Vertrag mit Teldafax abschließen dürfen. Der Insolvenzantrag des Stromhändlers kam zu spät. In der Not hatte der Konzern sogar mit Kriminellen verhandelt.

Von Christoph Giesen

Es ist 12.45 Uhr, als im Amtsgericht Bonn am 14. Juni 2011 ein Schreiben eingeht. Der Vorstand der Teldafax Holding AG, Deutschlands größter Stromhändler, hat die Insolvenz beantragt. Keine Stunde später, um 13.38 Uhr, bestellt das Gericht den Düsseldorfer Anwalt Biner Bähr zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Bähr hat den Möbelhersteller Schieder abgewickelt und Hertie betreut, er ist ein erfahrener Mann. Mit einem Team von Anwälten fährt Bähr noch am selben Tag nach Troisdorf in die Teldafax-Zentrale.

Tummelplatz für Energierechtler und Insolvenzanwälte: Teldafax-Zentrale in Troisdorf bei Bonn.

(Foto: dpa)

Was er dort vorfindet, schockiert selbst ihn, 240.000 ungeöffnete Briefe, die Buchhaltung ist auf dem Stand von März. Mehr als 750.000 potenzielle Gläubiger hat das Unternehmen nun, so viele wie bei keiner anderen Insolvenz der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Ein Jahr ist das her. Bähr und seine Leute haben sich seitdem fast jeden Tag mit Teldafax beschäftigt. Im ehemaligen Konferenzraum des Vorstands haben sie ihren "War-Room" eingerichtet, Insolvenzanwälte, Betriebswirte und Energierechtler sitzen dort vor ihren Laptops, lesen Akten und werten E-Mail-Konten aus. "Ich habe noch nie so viel gelesen wie im vergangenen Jahr", sagt Bähr.

"Wir haben den Fall gerichtsfest aufgearbeitet"

Er bittet in sein Büro in der Düsseldorfer Innenstadt, ein helles, verglastes Eckzimmer. Die Rollos sind heruntergelassen, die Sonne steht direkt auf den Fenstern. Bähr trägt einen schwarzen Anzug, eine pastellfarbene Krawatte, die Haare akkurat gescheitelt. "Wir haben den Fall gerichtsfest aufgearbeitet", sagt er. "Heute wissen wir, schon seit Mai 2009 war das Unternehmen durchgängig insolvenzreif." Der Antrag am 14. Juni 2011 ist zwei Jahre zu spät gestellt worden. Hunderttausende Kunden hätten niemals einen Vertrag mit Teldafax abschließen dürfen.

Um Neukunden zu gewinnen, verkauft Teldafax Strom unter dem Einkaufspreis. Für ein paar Monate mag das gut gehen, aber über Jahre? Spätestens im Sommer 2009 mutiert das Unternehmen endgültig zu einem Schneeballsystem. Immer neue Kunden muss Teldafax finden, um finanzielle Lücken zu schließen. Mit jeder Kilowattstunde, die Teldafax verkauft, steigen auch die Stromsteuern.

Bereits 2008 ist zu erkennen, dass die gezahlten Steuerabschläge zu gering sind. Am 4. Juni 2009 fordert das Hauptzollamt Köln die Stromsteuern nach: 28,3 Millionen Euro schuldet das Unternehmen dem Fiskus. Das Zollamt schickt zwei Finanzbeamte zur Prüfung. Die Firma sei bilanziell überschuldet, schreiben sie in ihrem Gutachten, trotzdem räumt die Behörde eine Stundung ein. Am 1. September 2010, ein Jahr nach der Prüfung, zahlt Teldafax 13 Millionen Euro an den Fiskus, am 3. September fließen 12,4 Millionen Euro. Das Geld stammt aus einer Bonusaktion, die das Unternehmen im Sommer 2010 aufgelegt hat. Allein durch den Sommerrabatt entsteht dem Unternehmen mittelfristig ein Schaden von fast 20 Millionen Euro.