Reallöhne Das haben wir verdient

Mehr im Portemonnaie: Die Arbeitgeber wollen niedrigere Abschlüsse.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Die Deutschen haben im vorigen Jahr 2,5 Prozent mehr Reallohn kassiert - so viel wie lange nicht.

Von Alexander Hagelüken

Die Bundesbürger haben 2015 die höchste Lohnsteigerung seit mindestens sieben Jahren erlebt. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, nahmen die Löhne real, also nach Abzug der Inflation, um 2,5 Prozent zu. Das ist der größte Zuwachs seit 2008, als Statistiker begannen, diese Daten sammeln. 2014 stiegen die Reallöhne um 1,7 Prozent, 2013 sanken sie.

Das Verdienstplus lag in erster Linie an hohen Tarifabschlüssen der Gewerkschaften in verschiedenen Wirtschaftsbranchen. Der zweite Grund für den Rekord war die geringe Steigerung der Lebenshaltungskosten, maßgeblich bestimmt vom Verfall des Ölpreises. Während die Inflation 2013 noch 1,5 Prozent betrug, fiel sie vergangenes Jahr auf 0,3 Prozent. Die hohen Reallöhne spielten 2015 eine zentrale Rolle für die Volkswirtschaft. Die Exporte, traditionelle Stärke der Bundesrepublik, entwickelten sich wegen der Abschwächung in Schwellenländern wie China oder Brasilien nicht besonders stark. Dagegen war der Konsum, befeuert durch die Lohnsteigerungen, die zentrale Stütze für die Konjunktur. Nur deshalb wuchs die Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent.

Da sich die Probleme der Schwellenländer in diesem Jahr eher verschärfen dürften, ist die Entwicklung der Reallöhne 2016 von großer Bedeutung für die Volkswirtschaft. Dabei könnte eine erneut niedrige Inflation wieder einen großen Teil der Gehälter übrig lassen. Zahlreiche Forscher hatten bisher angenommen, dass die Verbraucherpreise von 0,3 auf mehr als ein Prozent steigen. Diese Kalkulation dürfte durch den weiteren Verfall des Ölpreises überholt sein. "Es ist kein Ende der Ölpreissenkung absehbar", sagt Alexander Spermann vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA). "Es ist zu erwarten, dass die Inflation auch dieses Jahr kaum steigt."

Die Frage ist aber, ob die Lohnabschlüsse in diesem Jahr wieder so hoch ausfallen wie 2015. Reinhard Bispinck von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung fordert einen generellen Lohnanstieg von drei bis 3,5 Prozent. "Das ist gut für die Konjunktur", sagt Bispinck. "Eine starke Binnenkonjunktur bietet Entwicklungschancen für die Volkswirtschaften um uns herum", die teils erst langsam aus der Krise kommen. Der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen schade ein solches Tarifplus nicht. "Die Lohnstückkosten sind in Deutschland lange nur gering gestiegen."

Ganz andere Töne kommen von den Arbeitgebern etwa in der Metallindustrie, deren Tarifabschlüsse sich meist auf andere Gehaltsverhandlungen auswirken. Maschinenbauer oder Autoproduzenten profitierten kaum von starkem Konsum, die Metallindustrie fertige zu 80 Prozent Investitionsgüter. "Wir erwarten 2016 ein Wachstum von höchstens einem Prozent. China ist einer unserer wichtigsten Exportmärkte, dort gibt es deutliche Rückgänge der Exporte", sagt Michael Stahl vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall. "Der Abschluss muss deutlich niedriger ausfallen als 2015", als die Löhne in der Branche um 3,4 Prozent stiegen, sagt er. "Sonst ist die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stark gefährdet." In den vergangenen sieben Jahren sind die Lohnkosten laut Stahl um fast 20 Prozent gestiegen, die Produktivität der Unternehmen aber nur um zwei Prozent.