Es besteht nämlich Verwechslungsgefahr, das Konzept ist immer gleich: kurze Texte, große Schlagzeilen, viele Fotos, Charts, Grafiken, Info-Kästen ("Smart Boxes", wie sie in der Quick-Sprache heißen) und zwischen alldem viel Luft, der Übersicht wegen.

Anzeige

...als an die Konkurrenz

Stets hält man also ein Boulevard-Magazin auf Zeitungspapier in Händen. "Blätter, die sich während einer Aufzugfahrt überfliegen lassen", lästert die New York Times. "Je dicker eine Zeitung, desto geringer die Chance, dass sie gelesen wird", kontert Russel Pergament, Chef von amNewYork. "Wir bringen alles, was eine Tageszeitung bringt, nur kürzer und kondensiert. Die Leute wollen heutzutage eine seriöse Presse, keine autobiographischen Traktate eitler Autoren mit vorgefasster Meinung."

Andere wittern ernste Gefahr. Richard Karpel, der Vorsitzende des Verbands Alternativer Wochenzeitungen, prophezeit den "Ausverkauf der Zeitungen". Er vertritt Blätter wie Village Voice, die, in den 60er und 70er Jahren gegründet, gerne ihre kritische Haltung betonen und sich als Sprachrohr der Jugend sehen.

Die hat im Fall von Village Voice und Co. aber inzwischen Grübelfalten und Lesebrillen - den Verband plagen ebenfalls Lesernachwuchssorgen.

Für die Macher der neuen Produkte zählen nicht Meinungen anderer, sondern Auflagen, Anzeigen, Umsätze. Das finanzielle Risiko ist begrenzt. Die Texte kommen vom Mutterblatt und von Agenturen, man braucht kaum eigene Redakteure.

Für eine Bilanz ist es bei den meisten noch zu früh. RedEye (Auflage: 90.000 Stück) konnte nach eigenen Angaben 250 neue Anzeigenkunden gewinnen.

Hinzu kommen 300, die auch im Mutterblatt inserieren. Da droht Kannibalismus, wenn Kunden zu Tochterblättern und deren günstigeren Anzeigenpreisen wechseln. Doch überwiegt die Ansicht: Wenn wir sie uns nicht selbst wegschnappen, macht es die Konkurrenz.

5 Minute Herald verbucht ebenfalls neue Anzeigenkunden, etwa das Bascom Palmer Institut, das sich auf Laseroperationen am Auge spezialisiert hat.

Seit das Institut jeden Mittwoch inseriert, sagt eine Sprecherin, sei die Nachfrage nach Operationen um 15 Prozent gestiegen. Wer eine Tageszeitung in fünf Minuten lesen soll, braucht eben besonders scharfe Augen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Zeitunglesen in fünf Minuten
  2. Sie lesen jetzt Seite 2
Leser empfehlen 

(SZ vom 20.09.2004)