Quartalszahlen Wie Twitter sich gegen den Absturz stemmt

  • Twitter veröffentlicht Quartalszahlen.
  • Der Umsatz steigt, der Verlust sinkt - doch das Nutzerwachstum stagniert.
  • Nach der gefilterten Timeline will sich die Firma nun um das @ kümmern.
Von Johannes Kuhn, New Orleans

Zuletzt wurde viel darüber diskutiert, ob Twitter am Ende ist. Nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen erlebte der Aktienkurs der Firma am Mittwoch innerhalb weniger Minuten Tod und Wiedergeburt. Zunächst rauschte die Aktie angesichts stagnierenden Nutzerwachstums nachbörslich 14 Prozent in die Tiefe, dann griffen die (Computer-)Händler zu und glichen einen Großteil des Verlusts wieder aus.

Twitter ähnelt also weiter Schrödingers Katze, weder verstorben, noch lebendig. Das spiegelt sich auch im Quartalsergebnis: Das ohnehin schwache Nutzerwachstum (320 Millionen monatlich aktiver Konten) kam im vierten Quartal 2015 endgültig zum Erliegen. In den USA und ohne die Einbeziehung der SMS-Twitterer (die vor allem in Schwellenländern leben) schrumpfte die Zahl sogar.

Auch wenn die Verantwortlichen danach von positiven Trends im Januar sprachen - der Eindruck, dass das Netzwerk seine Popularitätsgrenze erreicht haben könnte, hängt wie eine schwarze Wolke über der Firma.

Positive Botschaften fehlen

Allerdings konnte das Unternehmen aus San Francisco im Vergleich zum Vorjahr seinen Umsatz deutlicher als erwartet um 48 Prozent auf 710 Millionen US-Dollar steigern; pro Nutzer liegt dieser inzwischen bei zwei Dollar. Der Verlust ist mit 90 Millionen Dollar geringer als noch vor zwölf Monaten.

Doch wirklich positive Botschaften sind derzeit rar. Seit der Rückkehr von Gründer-CEO Jack Dorsey vergangenen Sommer hat die Firma die Hälfte ihres Wertes eingebüßt, alleine in diesem Jahr sank der Kurs im Zuge des Einbruchs instabilerer Tech-Werte um 35 Prozent. Zuletzt verließen vier hochrangige Manager die Firma. Nach Entlassungswellen und Abwanderungstendenzen in der Belegschaft leidet Twitter weiterhin an jener fehlenden Kontinuität, die letztlich bereits Dorseys Vorgänger Dick Costolo den Job kostete.

Und auch die Frage "Was ist Twitter?(!)?" - schon seit Gründung der Firma umstritten - ist weiterhin nicht geklärt. Am Wochenende machten Gerüchte über eine Facebookisierung der Timeline in Form eines Filter-Algorithmus die Runde (Hashtag #RIPTwitter). Am Mittwoch dann enthüllte Twitter tatsächlich eine gefilterte Timeline mit beliebten Tweets, die allerdings beim Scrollen in die reguläre Ansicht übergeht und abstellbar ist.

"Luft nach oben"

"Wir werden tun, was wir am besten tun: live", erklärte CEO Dorsey Analysten. Dazu gehört immer stärker auch der Videostreamingdienst Periscope (anders als das mit keiner Silbe erwähnte Vine). Dessen Chef Kayvon Beykpour wurde nun in das Vorstandsteam berufen. Gerade im Bereich Livestreaming bietet Konkurrent Facebook allerdings eine stärker in das Kernprodukt integrierte Lösung an, die nach Prominenten zumindest in den USA langsam auch normalsterblichen Nutzern zur Verfügung steht.

Twitter als Kernprodukt soll einfacher werden: Themensammlungen, die über den aktuellen Fokus von "Moments" hinausgehen gehören ebenso zu geplanten Änderungen wie offenbar das Ende der @Antworten und @Nutzernamen in Erwähnungen, um die Hürden für Außenstehende zu senken, sich doch noch zu beteiligen. Über eine Langform-Funktion, wie sie zuletzt im Gespräch war, ließ Dorsey nichts verlauten.

Teilzeit-Retter in 140 Zeichen

Multimilliardär Jack Dorsey ist gleichzeitig Chef von Twitter und des Bezahldienstes Square. Kann das gutgehen? Oder führt das unweigerlich zur Katastrophe? Von Johannes Kuhn mehr ... Porträt

Zudem habe man "Luft nach oben" in der Werbevermarktung, wie Chief Operating Officer Adam Bain versprach. Das bedeutet mehr Anzeigen. Künftig soll auch, ähnlich wie bei Youtube, bei in andere Webseiten eingebetteten Tweets Werbung angezeigt werden, sobald ein Nutzer auf die Botschaften klickt.

Damit kann Twitter theoretisch ein neues Publikum erreichen - allerdings eines, über das die Firma weit weniger als über seine eingeloggten Nutzer weiß. Und dieses Ausweichen unterscheidet Twitter von der Plattform, die ihren Nachrichtenstrom perfekt monetarisiert. Und die, gerecht oder nicht, von der Wall Street weiterhin als Vergleichsmaßstab hinzugezogen wird: Facebook.