Putzfrau im Streik "Verdammt wenig bei der Plackerei"

Die Arbeitgeber im Reinigungsgewerbe bieten gut drei Prozent mehr Gehalt. Viel zu wenig, findet die Putzfrau Heidrun Schuster, die nun einen Tag lang streikt.

Von Sibylle Haas

Heidrun Schuster putzt am liebsten Büros. "Das ist angenehmer, als im Altenheim zu reinigen. Dort bekommt man so viel Elend zu sehen. Das ist ganz furchtbar", erzählt die 51-Jährige. Aber Schreibtische zu wischen und Böden zu saugen, das ist für sie in Ordnung.

Schuster verdient seit 19 Jahren ihr Geld damit, dass sie den Dreck anderer Leute wegmacht. Dabei ist die Frau Bäckerin. Doch sie gab den Job auf, weil sie wegen ihrer Kinder nachts nicht arbeiten konnte. Später bewarb sie sich bei einer Reinigungsfirma und wurde eingestellt.

Die Arbeit mache ihr Spaß, sagt sie. Doch an diesem Dienstag wird sie mit Kollegen streiken und damit beim ersten bundesweiten Arbeitskampf der Branche mitmachen.

Angleichung der Löhne in Ost und West gefordert

Heidrun Schuster arbeitet inzwischen bei Piepenbrock - der nach eigenen Angaben größten Gebäudereinigungsfirma in Deutschland. Seit sieben Jahren ist sie im Betriebsrat und seit drei Jahren sogar freigestellt, damit sie sich um die Arbeitsbedingungen kümmern kann. Ihr Büro ist im thüringischen Suhl, ihrer Geburtsstadt.

Am Dienstag fährt Heidrun Schuster nach Ilmenau. Dort putzen ihre Kollegen und Kolleginnen normalerweise die Räume der Technischen Universität. Doch diesmal lassen sie den Dreck der Professoren und Studenten einfach liegen und demonstrieren stattdessen für mehr Geld.

Im Osten beträgt der Mindestlohn 6,58 Euro, im Westen 8,15 Euro. Die Gewerkschaft IG Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) hat den Tarifvertrag gekündigt. Sie verlangt eine Angleichung der Löhne in Ost und West und ein Lohnplus von 8,7 Prozent. Die Arbeitgeber bieten drei Prozent mehr Geld im Westen und 3,6 Prozent mehr im Osten - für 21 Monate und nicht, wie die Gewerkschaft fordert, für zwölf.

Betriebsrätin Schuster, die als IG-BAU-Mitglied auch der Bundesfachgruppe der Gebäudereiniger angehört, findet das nicht in Ordnung. "Das ist verdammt wenig bei der Plackerei. Viele Kolleginnen haben kaputte Bandscheiben und Schultern", betont sie.

700 statt 180 Quadratmeter

Noch vor wenigen Jahren sei es zum Beispiel üblich gewesen, dass eine Putzkraft in einer Stunde 180 Quadratmeter Büros sauber macht. Heute gebe es Firmen, bei denen eine Putzfrau 700 Quadratmeter in der Stunde schaffen müsse, sagt Schuster. "Das ist nicht drin. Da arbeiten die Leute länger, ohne dafür bezahlt zu werden."

Als Schuster 1990 als Putzfrau anfing, habe sie neun DM in der Stunde verdient. "Von dem heutigen Mindestlohn kann man kaum mehr leben", betont die Frau.

Sie selbst trage morgens noch Zeitungen aus, damit sie mit ihrem Mann, der einen Job als Haustechniker hat, auch mal in den Urlaub fahren kann. Dabei habe sie noch Glück. Piepenbrock sei ein ordentlicher Arbeitgeber, betont Schuster. "In vielen kleineren Firmen geht die Angst um", erzählt sie. Die Putzkräfte befürchten eine Lohndrückerei.

Weniger Geld für Neueingestellte

Der Tarifvertrag lief Ende September aus. Er gilt für die bisherigen Mitarbeiter weiter, nicht aber für die Neuen. Seit Oktober können daher bei Neueinstellungen Löhne gezahlt werden, die 30 Prozent unter dem letzten Tariflohn liegen. Einige Firmen nutzen das bereits aus und zahlen neuen Mitarbeitern nunmehr 4,61 Euro im Osten und 5,71 Euro im Westen. Das ist legal, und nur wer noch weniger bezahlt, handelt sittenwidrig.

Schusters Arbeitgeber Piepenbrock ärgert das. Er zahlt den tariflichen Mindestlohn weiter. "Wir zahlen den Lohn, der unseren Mitarbeitern zusteht", begründet die Firma. Allerdings sei eine Lohnerhöhung um 8,7 Prozent, wie von der IG BAU verlangt, wegen der Wirtschaftskrise nicht möglich.