Protest gegen Schlachtfabrik "Jede Sekunde sterben sieben Hühner"

27.000 Hähnchen pro Stunde: Bei Celle entsteht Europas größter Schlachthof. Dauer-Demonstrantin Anna Will über das Geschäft mit der Massentierhaltung, friedlichen Protest - und Ökoklos.

Interview: Melanie Ahlemeier

Gigantomanie in Zahlen: In Wietze im Kreis Celle, Niedersachsen, soll schon bald Europas größter Schlachthof entstehen. 432.000 Hähnchen pro Tag und damit 27.000 Tiere in einer einzigen Stunde sollen dort künftig geschlachtet und verarbeitet werden. Für die Aufzucht der Tiere werden 400 neue Mastställe hochgezogen. Doch es gibt massiven Protest. Neben der Bürgerinitiative Wietze wehren sich auch Öko-Aktivisten gegen den Bau der Anlage. Anna Will, Gymnasiastin aus Berlin, ist eine von rund zwei Dutzend Gegnern, die das Baugelände friedlich besetzt haben. Seit Ende Mai dauercampiert die 17-Jährige nun schon in Niedersachsen. Ein Gespräch über das Geschäft mit der Massentierhaltung, veganen Protest - und warum von Resignation keine Rede sein kann.

sueddeutsche.de: Frau Will, Sie campieren und demonstrieren seit dem 24. Mai auf einer Wiese im Ort Wietze im Kreis Celle, um den Bau von Europas größten Geflügelschlachthof zu vermeiden. Die Gemeinde hat dem unternehmerischen Vorhaben längst zugestimmt. Ist Ihr Kampf nicht längst aussichtslos?

Anna Will: Wir wollen den Bau dieses Schlachthofs verhindern, darum werden wir nicht freiwillig von diesem Gelände gehen. Wir bleiben so lange, wie es uns möglich ist.

sueddeutsche.de: Die Genehmigungen liegen vor, Anfang August rollen die Bagger an. Wie groß ist die Resignation?

Will: Da ist keine Resignation. Wir leben dort und wir kämpfen. Das Wichtigste ist: Wir wollen Öffentlichkeit herstellen und die Menschen bewegen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wir sind nicht erfolglos geblieben, nur weil der Bau bisher nicht verhindert werden konnte.

sueddeutsche.de: Das Unternehmen Emsland Frischgeflügel will 40 Millionen Euro investieren. In der näheren Umgebung der Schlachtzentrale sollen 400 neue Mastställe entstehen, 27.000 Hähnchen werden bald pro Stunde geschlachtet. Wie wollen Sie gegen diese Wirtschaftsmacht mobil machen?

Will: Wir wissen, was geplant ist. Jede Sekunde sollen sieben bis acht Hühner sterben. Und wir wissen, welche Folgen alles für die Region haben wird. Die Gülle-Belastung ist enorm, durch den Transport der Hühner und der Abfälle wird die Lebensqualität stark belastet.

sueddeutsche.de: Aber was können Sie ausrichten?

Will: Wir machen die Menschen in der Region auf das Problem aufmerksam und informieren darüber, was vor ihrer Nase passieren soll. Sie sollen darüber nachdenken. Das alles ist legalisierte Tierquälerei.

sueddeutsche.de: Durch den Hähnchen-Highway sollen bis zu 250 Arbeitsplätze entstehen. Haben Sie das bei Ihren Überlegungen zum Protest berücksichtigt?

Will: Die Betreiber versprechen 250 Arbeitsplätze, von denen sind einige Teilzeitjobs und Mini-Jobs. Aber durch den Bau der Anlage werden in der Region auch viele Arbeitsplätze verlorengehen, gerade im Tourismus. Mit dem Bau des Schlachthofs wird es auf keinen Fall mehr Arbeitsplätze geben als vorher.

sueddeutsche.de: Ist Ihr Sommercamp der besonderen Art nur Party oder überwiegt der ernste Hintergrund?

Will: Wir haben uns auf dem Feld eine Infrastruktur aufgebaut, inklusive Küchenhütte, Spülstraße und Kompostklo. Wir organisieren Demonstrationen und Infoveranstaltungen und sind vor Ort. Wir leben selbstorganisiert und versuchen, ohne Hierarchien miteinander zu leben - alles aus dem Grund, weil wir gegen diesen Schlachthof kämpfen wollen. Die Bürgerinitiative gegen den Schlachthof unterstützt uns, wir können dort das Internet nutzen

sueddeutsche.de: Sind die Demonstranten alle Vegetarier?

Will: Größtenteils ja. Einige sind auch Veganer.

sueddeutsche.de: Und Sie backen veganen Kuchen für die Bevölkerung. Warum?

Will: Wir sind sehr offen und freuen uns über Besuch von Menschen aus der Region. Jeden Sonntag bieten wir veganen Kuchen an und laden ein, zu uns zu kommen. Das ist so eine Art offenes Café. Wir wollen die Menschen einladen, mit uns dort zu leben und wir wollen erklären, was wir wollen. Wir sind größtenteils aus tierrechtlichen und ökologischen Gründen gegen den Bau des Schlachthofs - das heißt, wir wollen die Form dieser Tierhaltung nicht unterstützen. Darum leben wir im Camp vegan.

sueddeutsche.de: Wie gewaltbereit ist die Gruppe?

Will: Wir sind nicht an einer Räumung interessiert. Wir sind an gewaltfreien Aktionen interessiert, wir werden keine Gewalt anwenden, aber wir werden uns im Falle einer Räumung nicht freiwillig von dem Gelände fortbewegen. Dabei werden wir keine Menschen verletzen.

sueddeutsche.de: Inwieweit haben Sie sich bereits früher mit dem Thema Massentierhaltung beschäftigt?

Will: Jeder von uns, der auf dem Gelände ist, hat sich schon mit diesem Thema beschäftigt. Viele von uns sind über die Beschäftigung mit dem Thema zum Kampf gegen diese Form der Tierhaltung gekommen.

sueddeutsche.de: Wer kann es sich leisten, über Wochen gegen eine Schlachtanlage zu demonstrieren? Sind Sie alle Schüler und Studenten? Haben sich einige eine Auszeit vom Job genommen?

Will: Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und es ist ein ständiger Wechsel. Einige haben Verpflichtungen und können nicht über Monate auf dem Gelände bleiben. Viele sind Schüler oder Studenten, teilweise sind es Menschen, die sich gerade ein Jahr Auszeit genommen haben, um andere Dinge zu tun.

sueddeutsche.de: Wie lange bleiben Sie? Bis zum bitteren Ende?

Will: Ja, das werde ich tun.

sueddeutsche.de: Die Gemeinde wird am Schlachthof kräftig mitverdienen, wegen der Gewerbesteuer. Also könnte die Öffentlichkeit ein Interesse am Bau dieser Anlage haben.

Will: Ich habe dafür kein Verständnis. Die Lebensqualität wird sich in dieser Region verschlechtern - und auch die Trinkwasserqualität wird unter dem Ammoniakgehalt aus der Hühnergülle leiden. Außerdem wird es eine ständige Lärmbelastung durch den Hühnertransport per Lkw bei Tag und Nacht geben. Machen wir uns nichts vor: Es ist der Bau einer Anlage zur Tierquälerei.