Produktdesign Kaffeetassen aus Kaffee

Presst Kaffeesatz zu Kaffeetassen: Der Produktdesigner Julian Lechner entdeckte eine neue Verwendung für den Abfall, von dem bisher jedes Jahr 20 Millionen Tonnen weggeworfen werden.

Von Sophie Burfeind

Jede Erfindung braucht eine Geschichte. Manchen Erfindern fällt die Weltformel in der Badewanne ein, manchen im Vollrausch, und manchmal ist es die Kaffeepause, fünf Minuten, ein Espresso. So war das bei Julian Lechner, als er damals in Bozen, Norditalien, studierte. Er saß in einem Café, trank Kaffee und als er über die Berge von Kaffeesatz nachdachte, die er wohl schon produziert hatte und die Tasse ansah, aus der trank, fragte er sich: Wieso eigentlich nicht Kaffeetassen aus Kaffeesatz machen?

Sieben Jahre später sitzt Julian Lechner, nun 31 Jahre alt, wieder in einem Café und trinkt Espresso. Nur zwei Dinge sind jetzt anders: Das Café ist in Berlin und er trinkt aus seiner eigenen Erfindung, einer Tasse aus Kaffeesatz. Er trinkt also aus getrunkenem Kaffee - und das Ganze ist auch noch spülmaschinenfest.

Die Tassen sind dunkelbraun meliert, sie riechen nach Kaffee und fühlen sich an wie ein rauer Kunststoff. Julian Lechner verkauft tausend Tassen im Monat, Espresso oder Cappuccino, dafür sammelt er 300 Kilogramm Kaffeesatz in Berliner Cafés, füllt ihn in Säcke, trocknet ihn und formt daraus Tassen. "Kaffeeform" heißt sein Start-up. Lechner hat es vor eineinhalb Jahren gegründet, er kommt kaum noch nach mit dem Produzieren.

Natürlich ist er nicht der Erste, der aus Abfällen etwas Neues macht, Upcycling ist schon länger ein Trend. Es gibt Handtaschen aus Autoreifen, Blusen aus Stoffresten, Shoppingbags aus Werbebannern, und während man das aufzählt, fragt man sich: Kaffeesatztassen, braucht es die wirklich? Kaffeesatz mag Abfall sein, aber er verrottet doch.

Julian Lechner, den man mit seinem grobmaschigen Pullover und dem olivgrünen Parka für einen Studenten halten könnte, zählt Zahlen auf, wenn er erklärt, wieso er seine Tassen für sinnvoll hält. Zahlen, die die wenigsten bei ihrer Tasse Kaffee am Morgen im Kopf haben: Kaffee ist nach Erdöl der meistgehandelte Rohstoff der Welt, im vergangenen Jahr wurden etwa 145 Millionen Säcke geerntet, bei Säcken à 60 Kilogramm ergibt das einen Berg von 8,7 Milliarden Tonnen. Allein im ersten Halbjahr 2016 wurden in Deutschland 609 000 Tonnen Kaffee importiert, und um es etwas anschaulicher zu formulieren: Pro Sekunde werden 2315 Tassen Kaffee getrunken. "Kaffeesatz ist eine gigantische Rohmasse, die übersehen wird", sagt Lechner. In Deutschland 20 Millionen Tonnen pro Jahr.

Die klasse Tasse von Julian Lechner - der upgecycelte Kaffeesatz kommt gepresst dunkelbraun-meliert daher und fühlt sich etwas rau an.

(Foto: OH)

Er erzählt von seiner ersten Tasse, Kaffeesatz gepresst mit Zucker, die er in Bozen herstellte. Sie löste sich beim Trinken auf. Einziger Vorteil, sagt er: Das süßte den Espresso. Lechner, der in Italien Produktdesign studierte, überlegte, wie er den Kaffeesatz in festes Material verwandeln könnte. "Kaffee ist so fein, dass man ihn mit Druck und Hitze sehr kompakt kriegt, aber damit das Ganze länger hält, muss noch etwas dazu kommen." Zwei Jahre arbeitete er daran, den richtigen Zusatz zu finden. Als er es mit Biopolymeren, einer Art biologischer Kunststoff, versuchte, hielten die Tassen.

"Fünf bis sechs Leute holen den Kaffee morgens ab und trocknen ihn dann."

Nachdem er sein Studium beendet hatte, arbeitete er bei einem Produktdesigner in Berlin und versuchte, nebenher ein paar Tassen zu verkaufen. Aber die Zeit reichte nicht aus, er beschloss, sich selbständig zu machen.

"Man merkt total schnell, dass das Geld ausgeht, sobald man aus einem Job ausscheidet und etwas anderes macht", sagt Lechner, er sitzt am Steuer seines alten Smarts und steuert das Auto durch die Hektik der Berliner Straßen, von Mitte nach Kreuzberg, er spricht leise, denkt über Sätze nach, bevor er sie ausspricht.

Lechner zeigt, wie seine Tassen hergestellt werden, einen Teil sieht man am Paul-Lincke-Ufer in den Werkstätten von Mosaik, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Es riecht nach Essen, gleich ist Mittagessenszeit, in einem Raum verteilt eine junge Frau Kaffeesatz auf einem Blech, dann schiebt sie es zum Trocknen in einen kleinen Ofen, er sieht aus wie ein Pizza-Ofen. Im Flur steht ein großer Metallcontainer, in dem sich Säcke mit Kaffeesatz stapeln. "Fünf bis sechs Leute sind jeden Tag mit der Produktion beschäftigt", sagt Lechner, "sie holen den Kaffee morgens ab und trocknen ihn dann."

Tipps für Kaffeesatz

Auch Kaffeetrinker ohne Erfinderantrieb können Kaffeesatz nutzen. Tipps für den Alltag: Dünger: Kaffeesatz ist ein guter und günstiger Dünger. Zuerst sollte man ihn abkühlen und trocknen lassen - am besten in einer flachen Schale. Feuchter Kaffeesatz schimmelt schnell. Dann unter die Erde mischen, um die Pflanzen streuen oder mit Wasser verdünnen und die Blumen übergießen. Geeignet für Garten- und Topfpflanzen, nur nicht für Setzlinge. Geruchskiller: Gerade einen stinkenden Käse im Kühlschrank? Kaffeesatz neutralisiert unangenehme Gerüche. Einfach eine Schale mit frischem Kaffeesatz über Nacht in den Kühlschrank stellen, er nimmt den Gestank auf. Bei Käsefüßen in die Schuhe streuen. Den Kaffee danach besser nicht mehr aufbrühen! Schädlingsbekämpfer: Er ist eine Geheimwaffe gegen Ameisen und Schnecken. Einfach einen Wall um das Beet legen - Schnecken können sich nicht mehr fortbewegen und Ameisen verlieren die Orientierung, weil ihre Duftspuren verschwinden. Schönheit: Vermixt mit Öl ergibt Kaffeesatz ein Hautpeeling, die Partikel wirken wie kleine Schleifsteine. Daneben kann er gegen Cellulitis eingesetzt werden: den noch warmen Kaffeesatz in Küchenfolie oder Handtuch um die Oberschenkel wickeln und zehn bis 15 Minuten einwirken lassen. Sophie Burfeind

Fünf Cafés in Berlin machen schon mit, sie füllen den Kaffeesatz in einen Eimer, fünf Kilo pro Tag. In Tassenform gepresst wird der Kaffeesatz in Nordrhein-Westfalen, mit einer speziellen Maschine, Lechner hat die Formen gegossen. Er geht den Gang hinunter, ein Lagerraum mit hohen Stahlregalen, hier werden die Tassen verpackt und verschickt.

20 Millionen Tonnen, tausend Tassen, da könnten andere mehr draus machen, aber es geht nicht so schnell bei Mosaik und bei Julian Lechner. Es soll auch nicht so schnell gehen, manche Bestellungen lehnt er ab, weil sie zu groß sind. Sein Start-up soll nicht schnell wachsen, lieber "organisch", sagt er, viele Gründer sehen das anders. Lechner plant allein und mit Cafés, die seine Tassen verwenden und verkaufen. Im nächsten Jahr, sagt er, kämen die Milchkaffee-Tasse, ein Serviertablett und ein Mehrweg-Coffee-to-go-Becher, und vielleicht bald auch Möbel aus Kaffeesatz. "Ich will zeigen, was für ein Potenzial in diesem Rohstoff steckt."

Seinen Espresso, den hatte er schon an diesem Tag, viel mehr Kaffee trinkt er jetzt nicht mehr. Das ist der Nachteil, sagt er, wenn man jeden Tag Kaffee riecht, der Durst vergeht.