Probleme bei der Unternehmensnachfolge Der Nächste, bitte!

Ostdeutsche Unternehmer in der Nachwuchskrise: Viele Mittelständler stehen kurz vor der Rente - und ihre Kinder sind längst im Westen. Nun finden sie keinen Nachfolger, der die Firma übernehmen kann.

Von Thomas Trappe

Bernd Körber war sich damals nicht sicher, ob die Sache klappt. Als er Anfang der neunziger Jahre in Bad Lauchstädt, unweit von Halle an der Saale, seinen Baustoffhandel gründete, war er nicht der einzige, der sich in die Selbständigkeit wagte. Heute, knapp 18 Jahre später, führt der 53-Jährige eine Firma mit Mitarbeitern, einem jährlichen Umsatz von knapp einer Million Euro und einem zweiten Standort im nahe gelegenen Merseburg. Es ist also alles gut gelaufen - und doch hat Körber Sorgen: "Der Rücken macht nicht mehr mit." Er sucht einen Nachfolger. Seit zwei Jahren schon. Gerade einmal vier Leute haben sich gemeldet, keiner kam in Frage - entweder fehlte das Geld oder das Fachwissen. Körbers Geschichte ist eine, die Unternehmer in ganz Deutschland kennen. Doch in Ostdeutschland kennen sie besonders viele.

Arbeit bis ins hohe Alter. Viele Unternehmer in Ostdeutschland finden keinen Nachfolger.

(Foto: dpa)

In den neuen Bundesländern beginnt eine Zeit der Übergaben: Vor zwanzig Jahren, kurz nach der Wiedervereinigung, nutzten viele die neuen Möglichkeiten. Damals waren sie zwischen 30 und 50 Jahre, heute sind sie im Rentenalter. Fast alle brauchen sie Nachfolger. Und ihre Kinder haben die Heimat meist verlassen, sind längst in den Westen gezogen, der Arbeit hinterher. Auch Bernd Körber kennt die Zahlen: Lebten in Merseburg vor der Wende noch 43 000 Einwohner, sind es heute knapp ein Viertel weniger. "Das macht sich bemerkbar bei der Suche nach einem Nachfolger."

Laut Deutscher Industrie- und Handelskammer (DIHK) ist in durchweg allen neuen Bundesländern ein Trend zu beobachten: Der Bedarf an Nachwuchs, der die mittelständischen Unternehmen auch führen kann, steigt steiler als im Bundesdurchschnitt. In den vergangenen eineinhalb Jahren habe es in den ostdeutschen Kammern bis zu 30 Prozent mehr Beratungsgespräche zum Thema gegeben, sagt Referent Sebastian Schütz. Vor vier Jahren wurde ein zusätzliches Beratungsbüro in Potsdam gegründet. Und in Thüringen hat sich das Beratungsnetzwerk "Gründen und Wachsen" der Sache angenommen. In Sachsen-Anhalt gibt es einen "Nachfolger-Club".

Auch in Sachsen sind viele Unternehmer besorgt, dort will jetzt das Wirtschaftsministerium gegensteuern. Es gehe um sehr viel. "Die volkswirtschaftlichen Risiken sind beträchtlich", heißt es im Ministerium. Laut Berechnungen des Ifo-Instituts werden in den kommenden neun Jahren voraussichtlich 25 000 sächsische Unternehmen einen Nachfolger brauchen. 330 000 Arbeitsplätze sind betroffen, Umsätze in Höhe von 16 Milliarden Euro. "Bis 2020 schrumpft zudem in Sachsen die Altersgruppe der 26- bis 46-Jährigen überproportional stark, um etwa 25 Prozent", rechnet die Ministeriumssprecherin Isabel Siebert vor. "Gerade diese Personen kommen aber aufgrund ihres Alters als Nachfolger vorrangig in Betracht." Im Ministerium geht man davon aus, dass in den kommenden neun Jahren mehr als 4000 sächsische Unternehmen schließen müssen, weil es niemanden gibt, der sie fortführen kann.

Für Bernd Körber käme es einer Katastrophe gleich, müsste er seine Firma dicht machen. Seit 1993 hat er nicht mehr in die Rentenversicherung eingezahlt. "Die Firma ist ja meine Altersvorsorge", sagt er. 320 Euro, das wäre die staatliche Rente, die er bekommen würde. Das Geld aus dem Firmenverkauf gehört zu seinem Lebenskonzept. "Aber das Geld hat ja hier niemand - und wenn doch, kann er das in anderen Regionen besser anlegen."

Für den sächsischen Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) ist "das Thema Unternehmensnachfolge gerade besonders virulent", wie er selbst sagt. "In der Region gibt es viel mehr Firmen, die vom Inhaber geführt werden, als in Westdeutschland." Selbständige Unternehmer gibt es im Osten eben erst seit 20 Jahren. Das ist eine kurze Zeit - und so haben die mittelständischen Betriebe eine überschaubare Größe. Teilhabermodelle und angestellte Geschäftsführer seien eher die Ausnahme, sagt Morlok. Als Beleg zieht er eine Statistik aus seinem Ministerium vor: Demnach machen kleine Unternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als einer Million Euro in dem Freistaat mehr als ein Fünftel der Betriebe aus - doppelt so viele wie im Bundesschnitt.

Zusammen mit der Bürgschaftsbank Sachsen hat Morloks Ministerium nun einen Preis für gelungene Unternehmensübergabe ausgerufen: Das beste Konzept soll mit 10 000 Euro belohnt werden. Außerdem werden vom Land fortan Beratungen zu Nachfolgen gefördert. "Wir müssen unbedingt das Bewusstsein für die Problematik stärken", sagt der gebürtige Stuttgarter Morlok. "Im Gegensatz zu Westdeutschland, wo Firmen oft schon seit Generationen in Familienhand sind, gibt es im Osten in diesem Bereich kaum Erfahrungen, auf die Unternehmer zurückgreifen können."

Der Merseburger Bernd Körber will sein Geschäft in den kommenden fünf Jahren übergeben haben. Ein Nachfolger soll dabei zunächst als Geschäftsführer eingearbeitet werden, bevor er dann den Baustoffhandel übernimmt. Körber ist damit besser vorbereitet als viele andere Unternehmer. So wurde bei einer Umfrage bereits vor fünf Jahren festgestellt, dass sich nur knapp jeder dritte Unternehmer in Sachsen, der bis 2020 sein Unternehmen altersbedingt übergeben will, Gedanken über den Nachfolger gemacht hat. In der Altersklasse der 60- bis 64-Jährigen hatten sogar 60 Prozent der Unternehmer noch keine Schritte unternommen. "Hier besteht die Gefahr, dass die Unternehmen ihr Vermögen und die Arbeitsplätze massiv gefährden", heißt es in dem sächsischen Mittelstandsbericht aus dem Jahr 2006.

Bernd Körber ist zuversichtlich, dass er doch noch einen Nachfolger für sein Unternehmen finden wird, auch wenn die Suche schwer ist. Er weiß, dass er vom neuen Chef viel verlangt. "Es braucht eben eine Menge Herzblut, wenn man hier einsteigen will."