Pro Es ist richtig, den Verbrennungsmotor zu verbieten

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Eine erzwungene Abkehr vom herkömmlichen Antriebssystem könnte sehr fruchtbar sein.

Kommentar von Patrick Illinger

Man kann die Bedeutung der Autoindustrie für Deutschland kaum hoch genug einschätzen. Jeder siebte Arbeitsplatz hängt von der Erfindung, dem Bau und dem Verkauf neuer Fahrzeuge ab. Damit sollte niemand, auch keine Bundesregierung, leichtfertig umgehen. Wenn jedoch ebendiese so wichtige Industrie von sich aus ein krampfhaftes, auf Dauer selbstmörderisches Beharrungsvermögen an den Tag legt, wenn alle namhaften Hersteller mit enormem Aufwand, womöglich sogar krimineller Energie versuchen, mit einer Technologie des 19. Jahrhunderts das 21. Jahrhundert zu gestalten, dann ist es Zeit für einen lauten, nicht mehr zu ignorierenden Weckruf.

Das kann durchaus ein auf den ersten Blick radikales Gesetz sein, wonach vom Zeitpunkt X an Fahrzeuge, die fossile Energieträger verbrennen, aus dem Verkehr gezogen werden. Jene Fahrzeuge, in denen tatsächlich noch brennbare Flüssigkeiten mitgeführt werden, in denen pausenlos Explosionen ölverschmierte Zylinderkolben auf und ab bewegen und es einen Komplex aus Wellen und Getriebe braucht, um die Räder anzutreiben. Fahrzeuge, die gut zwei Drittel der Energie ihres Treibstoffs in nutzlose Abwärme verwandeln, für die es eigens Kühler braucht. Fahrzeuge, deren Schadstoffausstoß mit Harnsäure im Zaum gehalten werden muss, was im Alltagsbetrieb nicht richtig funktioniert und hochbegabte Ingenieure eine Mogelsoftware entwickeln müssen, sonst wird die Sauerei allzu offensichtlich.

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Mit all dem muss Schluss sein. Wenn nicht sofort, dann zu einem Zeitpunkt X. Die Abschaffung des Otto- und Dieselmotors wäre, anders als von der Autoindustrie gerne dargestellt, kein Verzicht auf etwas Modernes, etwas Zukunftsfähiges. Es wäre auch nicht die Erfüllung weltfremder Gutmenschenträume. Denn das, was den Verbrennungsmotor ersetzen wird, der Elektromotor, ist unter allen physikalisch-technischen Aspekten überlegen, leistungsfähiger, wartungsärmer, und vieles mehr. Und das für Kunden das vielleicht überzeugendste Argument lautet: Der Elektroantrieb macht verdammt viel Spaß.

Ein Verbrennungsmotor muss auf Tausende Umdrehungen pro Minute hochgejagt werden, um maximale Leistung zu bringen. Die nur wenige Kilogramm schweren, direkt an der Radachse angreifenden Elektromotoren bringen volle Leistung und maximales Drehmoment aus dem Stand. Warum wohl unterstützen sie bereits heute die Formel-1-Boliden? Ja, es mangelt heutigen Elektroautos noch an Reichweite. Aber die Batterietechnik macht ähnliche Fortschritte wie die Mikrochips in der Computerwelt. Und ja, der Strom für Elektrofahrzeuge käme derzeit zum Teil noch aus Gas- und Kohlekraftwerken, was die Ökobilanz verwässert. Doch erstens lassen sich Schadstoffe in Kraftwerken besser bändigen als am Auspuff. Zweitens gibt es in Deutschland bekanntlich eine hoffentlich funktionierende Energiewende, dank der in Zukunft Strom überwiegend aus regenerativen Quellen gewonnen wird. Und drittens geht es bei der Abschaffung fossiler Brennstoffe nicht nur um Ökobilanzen, sondern auch um eine Abkehr von geopolitischen Abhängigkeiten.

Apropos Geopolitik: Was für Signale braucht es denn noch, wenn China, jahrelang einer der wichtigsten Abnehmer der deutschen Superdiesel, plötzlich massiv auf die Herstellung eigener Elektrofahrzeuge setzt? Und wieso will ausgerechet der Öl-Exporteur Norwegen von 2025 an Verbrennungsmotoren abschaffen?

Sich gegen den Wandel zu stellen, ist destruktiv. Besser, man gestaltet ihn

Sicher ist die Erkenntnis hart, dass viel Fachwissen, das für die komplexe Montage von Viertaktern gebraucht wird, in Zukunft obsolet sein wird. Aber sich gegen diesen so oder so kommenden Wandel zu stemmen, ist destruktiv. Besser, man gestaltet ihn mit. Die Mär vom Jobkiller Computer erstickte in den 1970er- und 1980er-Jahren die deutsche Computerindustrie. Eine vergleichbare Scheu vor der E-Mobilität wäre ebenso fatal für den Autostandort.

Wenn die Industrie das nicht versteht, oder es im Grunde versteht, aber mit dem Viertaktmotor auf Teufel komm raus noch ein paar gute Quartale hinlegen will, dann muss womöglich der Gesetzgeber ran. Auch die deutschen Energiekonzerne hätten von sich aus den Umstieg auf erneuerbare Energie nie beschlossen, sondern aus überalterten, abgeschriebenen Kernkraftwerken das Letzte herausgeholt. Dass eine erzwungene Abkehr fruchtbar sein kann, zeigt sich indes bei genau diesen Energiekonzernen: Aufbruchstimmung und ungeahntes kreatives Potenzial machen sich dort breit.

Doch so wenig, wie die aktuelle Bundesregierung gegen Tabakwerbung vorgeht oder Steuern auf zuckerhaltige Getränke erhebt, so wenig wird sie die mächtige Autoindustrie hart anfassen.

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