Preisverfall Wirtschaftsexperten warnen vor Deflation

Ist Europa von einer Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen und schwacher Nachfrage bedroht? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hält diese Gefahr für real.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Unter den Ökonomen wird seit Monaten über ein altes Gespenst diskutiert, das Gespenst der Deflation. Ist Europa von einer Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen und schwacher Nachfrage bedroht? Wird die Konjunktur deshalb abgewürgt? Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält diese Gefahr für real.

Im neuen "Wochenbericht" des Berliner Instituts warnt der Ökonom, assistiert von zwei anderen DIW-Forschern, vor einem zerstörerischen Preisverfall in der Euro-Zone. "Die derzeitige Inflationsentwicklung verstärkt den Anlass zur Sorge vor einer möglichen Deflation im Euro-Raum", heißt es in dem Bericht, der an diesem Mittwoch veröffentlicht wird. Und weiter: Es gebe "berechtigte Zweifel", ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Preise stabil halten könne, so wie es ihr Auftrag vorsieht.

Die Teuerungsraten kennen derzeit nur eine Richtung: Sie werden immer niedriger. Gerade erst hat das EU-Statistikamt Eurostat seine Inflationsschätzung korrigiert. Demnach sind die Preise im Februar im Euro-Raum um nur 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. In Deutschland hat der Preisrückgang bei Heizöl und Benzin die Inflationsrate auf 1,2 Prozent gedrückt - einen geringeren Wert gab es zuletzt im August 2010. In Griechenland herrscht bereits Deflation, mit einem Minus von 0,9 Prozent. In anderen Krisenländern wie Spanien oder Italien bewegen sich die Teuerungsraten knapp oberhalb der Nulllinie auf einem historisch niedrigen Niveau. Die DIW-Autoren weisen darauf hin, dass dies weit unter dem Zielwert der EZB liegt. Die Zentralbank spricht nur bei Werten von knapp unter zwei Prozent von stabilen Preisen.

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Fratzscher und seine Kollegen sehen das "Risiko einer anhaltend sehr niedrigen Inflation und möglicherweise sogar Deflation im Euro-Raum". Sie begründen dies mit einem Bündel von Ursachen: Trotz der niedrigen Zinsen sparen die Bürger lieber oder bauen ihre Schulden ab, dies dämpft die Preise.

Die Geldmenge M3 (Bargeld, täglich verfügbare Guthaben, Spareinlagen und Anleihen bis zu zwei Jahren) wächst weit weniger, als es die EZB für richtig hält. Die Vergabe von Krediten an Verbraucher und Unternehmen ist teilweise zurückgegangen. Das DIW räumt ein, dass dies auch auf den Entschuldungsprozess in den Krisenländern zurückzuführen ist. Trotzdem sprächen "eine Reihe von Entwicklungen für eine länger anhaltende Periode niedriger Inflation". Die Abwärts- seien stärker als die Aufwärtstendenzen.

Fratzscher hatte bereits vor einer Woche die EZB dazu aufgefordert, wie die US-Notenbank über den Kauf von Anleihen Geld in die Märkte zu pumpen, um eine mögliche Deflation in der Euro-Zone zu bekämpfen und die Konjunktur stärker anzukurbeln. Dabei hatte er ein Gesamtvolumen von monatlich 60 Milliarden Euro genannt.

Andere Ökonomen halten seinen Warnruf für unangebracht. Bundesbankpräsident Jens Weidmann bezeichnet das Risiko einer breiten deflationären Entwicklung als sehr begrenzt. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass Verbraucher weniger konsumierten oder Firmen Investitionen aufschöben. Auch das Institut für Weltwirtschaft schätzt die Gefahr als gering ein. Es sagt sogar voraus, dass die Inflationsrate in Deutschland schon 2015 wieder auf 2,5 Prozent anzieht.