Preisverfall Warum der Ölmarkt kopfsteht

Wie sich der Ölpreis in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Zum Vergrößern klicken Sie bitte auf die Grafik.

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Die USA sind zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen, trotz Krieges und Krisen fällt der Ölpreis rasant. Und jetzt gewähren die Saudis den Amerikanern auch noch satte Rabatte. Wieso?

Von Nikolaus Piper, New York

So beginnen Preiskriege. Am Montag kündigte Saudi-Arabien an, den Ölpreis zu senken, und zwar gezielt für die Vereinigten Staaten, den wichtigsten Kunden und Konkurrenten des Königreichs. Die Nachricht löste eine Schockwelle aus. An der New Yorker Rohstoffbörse Nymex fiel der Preis für ein Fass (159 Liter) Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) erstmals seit 2012 unter die Grenze von 80 Dollar. Am Dienstagmorgen kostete der Stoff noch 77 Dollar, 27 Prozent weniger als im Juni. Die Kurse von Exxon Mobil, Chevron, Shell, BP und Total brachen ein.

Nun sind heftige Preisausschläge für Rohöl nichts Ungewöhnliches. Seit ein paar Wochen jedoch befindet sich der Preis im freien Fall. Am 25. Juni musste man für ein Fass Rohöl noch 103 Dollar zahlen, der bisherige Rekord lag im Juli 2008 bei 147 Dollar. Vieles hat zu dem Preissturz beigetragen: Chinas Wirtschaft wächst langsamer, was dessen Energiehunger bremst. Das Angebot aus dem Irak und Libyen, zwei von Kriegen zerstörten Ländern, ist wider Erwarten gestiegen.

Zweiter großer Ölboom in der Geschichte der USA

Der entscheidende Faktor aber ist Amerika. Die Vereinigten Staaten erleben derzeit den zweiten großen Ölboom ihrer Geschichte (der erste fand nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert statt). Im vergangenen Jahr überholte das Land Saudi-Arabien und wurde zum größten Ölproduzenten der Welt. Binnen sechs Jahren legte die Förderung um 70 Prozent zu. Nach Angaben der amtlichen Energy Information Administration (EIA) förderten US-Firmen im September jeden Tag durchschnittlich 8,9 Millionen Fass Rohöl, im Oktober 2013 waren es noch 7,1 Millionen Fass gewesen - ein Anstieg um über 17 Prozent in weniger als einem Jahr.

Der Aufstieg der USA zur Energie-Supermacht ist Folge der Fracking-Revolution. Ingenieure kombinieren seit einigen Jahren die Technik des horizontalen Bohrens mit dem Fracking, also dem Aufsprengen von Gesteinsschichten durch eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien. Durch das von vielen Umweltschützern bekämpfte Verfahren können Ressourcen erschlossen werden, die zuvor unerreichbar schienen.

Die Revolution hat die Märkte so sehr gestört, dass die bisherigen Öl-Mächte nicht wissen, was sie tun sollen. Nach einer Untersuchung von Bloomberg haben die Mitglieder der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) ihre Produktion trotz des Preisverfalls weiter erhöht. Die tägliche Förderung stieg um 53 000 Fass auf 30,94 Millionen Fass. Was genau Saudi-Arabien als mächtigstes Opec-Land vorhat, darüber streiten die Experten. Die nächste Sitzung findet am 27. November statt.

Wollen die Saudis nur ihren Absatz in US-Raffinerien steigern? Oder wollen sie die Fracking-Industrie durch Tiefpreise unter Druck setzen? "Die Daten zeigen, dass gerade ein Schlacht um Marktanteile stattfindet", sagt John Kilduff, Partner des auf Energie spezialisierten Hedgefonds Again Capital. "Die Saudis scheinen sich mehr Gedanken um ihre Fördermenge zu machen als über den Preis."

Dank Fracking, hier eine Anlage nahe McKittrick, Kaliforniern, erleben die USA einen neuen Öl-Boom. Die Konkurrenz kontert nun mit Preisnachlässen.

(Foto: David McNew/AFP)

Das spricht dafür, dass der Preiskrieg weitergeht - egal wie die Motive letztlich genau aussehen. Das billige Öl hat zunächst einmal Milliarden Gewinner - Konsumenten überall auf der Welt. Nach einer Faustregel bedeutet ein Rückgang des Ölpreises um zehn Dollar, dass 0,5 Prozent des Weltsozialprodukts von den Produzenten zu den Verbrauchern transferiert werden. "Das ist wie eine riesige Steuersenkung für die ganze Welt", sagte Laurence Fink, Chef des Vermögensverwalters Black Rock im US-Wirtschaftskanal CNBC. In den Genuss dieser Steuersenkung kommen alle Netto-Ölimporteure, in erster Linie China, Indien, die Türkei und andere Schwellenländer.

Auch Deutschland und die anderen EU-Länder profitieren, allerdings in geringerem Maße, weil der Euro-Kurs gesunken ist und die Europäer für jeden Dollar mehr zahlen müssen. Ölgeschäfte werden generell in Dollar abgerechnet. Immerhin kostete ein Liter leichtes Heizöl im Bundesdurchschnitt zuletzt 78,4 Cent und damit 6,69 Cent weniger als vor einem Jahr. Der Durchschnittspreis für einen Liter Super ist seit September von 1,51 auf 1,47 Euro gesunken.

Die mittel- und langfristigen Folgen für die Weltwirtschaft sind nicht so einfach vorauszusagen. Das Problem ist, dass die Inflation in den USA, vor allem aber in Europa und Japan schon heute niedriger ist, als es die Notenbanken für gesund halten. Gerade hat die Bank von Japan ein spektakuläres Expansionsprogramm angekündigt, um der Gefahr einer lähmenden Deflation zu begegnen. Auch für die Federal Reserve und die Europäische Zentralbank (EZB) wird es schwieriger, ihr Ziel, eine Inflationsrate von nahe 2,0 Prozent, zu erreichen. Die Deflationsfurcht wirkt dem Entlastungseffekt entgegen.

Gewinnen werden die Verbraucher

Auch für die Vereinigten Staaten selbst sind die Folgen gemischt. Gewinnen werden die Verbraucher. Der Preis für eine Gallone (3,79 Liter) Normalbenzin ist im Landesdurchschnitt unter die psychologisch wichtige Schwelle von drei Dollar gesunken. Tom Kloza, Gründer des Oil Price Information Service (OPIS), glaubt, dass Amerikas Autofahrer an den Tankstellen jeden Monat 50 Dollar sparen, Geld, das sie für andere Dinge ausgeben können. Auch Industriebetriebe, soweit sie auf Energie angewiesen sind, profitieren. Trotz der Fracking-Revolution sind die USA zwar immer noch Netto-Importeur, aber die Importe sinken dramatisch - 2015 vermutlich auf 20 Prozent des Verbrauchs, den niedrigsten Stand seit 1968.

Niedrige Preise bedeuten aber auch, dass Amerikas Ölförderer weniger verdienen. Abdallah Salem el-Badri, Generalsekretär der Opec, sagte voraus, dass die Hälfte der Fracking-Bohrstellen in den USA Verluste machen werden, wenn die gegenwärtigen Preise Bestand haben sollten. Dem widersprach Marianne Kah, Chefvolkswirtin bei Conoco Phillips: Erst wenn der Preis unter 50 Dollar falle, werde die Produktion ernsthaft leiden. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte, aber niemand weiß das heute genau, schließlich hat die Fracking-Industrie bisher noch nie eine Öl-Baisse erlebt.

Ein entscheidender Vorteil ist für den Westen insgesamt allerdings: Krisen in einzelnen Förderländern sind nicht mehr so schlimm für die Weltwirtschaft. "Die Entwicklung der Öl-Förderung aus US-Schiefer und aus kanadischen Teersänden hat zu einem Teil die Abhängigkeit von der Opec verringert und das geopolitische Risiko, das damit zusammenhängt", schreibt die Rating-Agentur Standard & Poor's in einem Analystenbericht. Tatsächlich haben weder die Krise um Russland und die Ukraine noch Bürgerkriege im Irak und in Syrien am Preisrückgang etwas geändert.

Es gibt auch klare Verlierer der Entwicklung, und das sind zufällig Staaten, die ihren Ölreichtum immer wieder gegen die USA und den Westen eingesetzt haben: Russland, Iran und Venezuela. Ein Extremfall ist Venezuela, dessen Exporterlöse zu 95 Prozent vom Öl abhängen. Nach der "Bolivarischen Revolution" des früheren Präsidenten Hugo Chávez steckt das Land in einer bedrohlichen Wirtschaftskrise. Die Geldentwertung liegt bei 64,3 Prozent, das Bruttoinlandsprodukt schrumpft mit einer Jahresrate von drei Prozent, die Staatsschulden steigen, die Währungsreserven gehen zur Neige. Nach einem Analystenbericht der Deutschen Bank braucht Venezuela einen Ölpreis von 162 Dollar, um seinen Haushalt auszugleichen. Diesen Zahlen zum Trotz versicherte der amtierende Präsident Nicolás Maduro: "Wie tief der Ölpreis auch sinken mag, wir werden die sozialen Rechte unseres Volkes garantieren." Aussagen wie diese dürften Venezuela nicht krisensicherer machen.