Der Preisverfall für Kaffee bedroht die Existenz von mehreren Millionen Menschen.
Was Preise betrifft, hat es in Deutschland seit der Einführung des Euro kaum eine bessere Nachricht gegeben als die, dass Kaffee billiger geworden ist. Kaffee, sagt zumindest der Deutsche Kaffeeverband, ist des Deutschen liebstes Getränk vor Bier, Mineralwasser und Tee, mit 159 Litern pro Kopf und pro Jahr. Und weil in der Welt so viel Kaffee produziert wird, müssen die Deutschen jetzt weniger für die aromatischen braunen Bohnen bezahlen. Kaffee ist inzwischen nicht einfach nur billig. Er ist so billig wie seit 100 Jahren nicht mehr, behauptet jedenfalls die Weltbank in ihrer jüngsten Studie. Annähernd sieben Millionen Tonnen wurden zuletzt jährlich produziert, zusätzlich zu den 1,1 Millionen Tonnen, die in den Vorratskammern lagern. Sechs Millionen Tonnen werden aber nur konsumiert. Und auch künftig soll das Angebot schneller als die Nachfrage wachsen. Weitere Preissenkungen sind also nicht ausgeschlossen.
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Was für die Deutschen erfreulich ist, bedeutet für die Entwicklungsländer Hunger, Massenentlassungen und Flucht. Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika haben in den vergangenen Jahren ihren Arbeitsplatz verloren. In Guatemala und Honduras wurden kürzlich etwa 600.000 Kaffeeanbauer entlassen. Viele von ihnen flohen in den Norden nach Mexiko, um eine neue Arbeit zu finden. In Brasilien sollen die Kaffeeanbauer bis zu 90 Prozent ihrer Belegschaften reduziert haben, um auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Wirtschaftslage vieler Kaffeeanbauer ist beklagenswert. In Kolumbien etwa haben die Kaffeebauern in den letzten zehn Jahren 50 Prozent des Geschäfts verloren, schreibt die Weltbank. Und die Margen der Landwirte sinken kontinuierlich. Kaffeeanbauer verdienen heute inflationsbereinigt nur noch ein Viertel dessen, was sie in den sechziger Jahren verdient haben.
Für etwa 70 Entwicklungs- und Schwellenländer ist Kaffee das wichtigste Exportprodukt, noch vor Rohöl. Etwa drei Viertel der jährlichen Ernte ist für den Export nach Europa, Nordamerika und Asien bestimmt, wo die vier Lebensmittelkonzerne Nestlé, Kraft, Sara Lee und Procter & Gamble den Markt kontrollieren. Brasilien, der mit Abstand größte Produzent, hält knapp 30 Prozent der Weltproduktion und beschäftigt drei Millionen Menschen in der Branche. Lange Zeit war Kolumbien das zweitgrößte Erzeugerland. Doch in den vergangenen zehn Jahren verzehnfachte Vietnam seine Kaffeeproduktion und stieg damit zum zweitgrößten Kaffeehersteller der Welt auf mit knapp einer Million Tonne pro Jahr. Vietnam, heißt es bei der Konkurrenz, trage eine nicht unerhebliche Mitschuld daran, dass die Preise auf den Weltmärkten verdorben würden.
Der einzige Ausweg, von Nischenprodukten wie fair gehandeltem Kaffee einmal abgesehen, ist derzeit mehr Konsum. In vielen Erzeugerländern wurden deshalb verbrauchsfördernde Kampagnen gestartet, um wenigstens einen Teil der Überproduktion auf den Weltmärkten zu absorbieren. Brasilien steigerte so binnen weniger Jahre den Kaffee-Eigenkonsum auf 800.000 Tonnen pro Jahr und wurde damit zum zweitwichtigsten Verbraucherland der Welt nach den USA. Doch löst dies die Probleme nicht überall. In Vietnam, gibt ein Fachmann zu, trinken sie noch immer hauptsächlich Tee".
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak