Auch die in dem Papier erwähnten Redaktionen wehren sich dagegen, von der INSM als Werbemittel für die Rekrutierung junger Journalisten herangezogen zu werden. Wie schnell Erstaunen in Entsetzen umschlagen kann, zeigt dabei die Reaktion des Norddeutschen Rundfunks, der für die ARD-Talkshow "Anne Will" verantwortlich ist. Es gebe keine Kooperation mit der INSM, sagt ein Sprecher des NDR. "Das Schreiben erweckt den Eindruck einer Zusammenarbeit, die es nicht gibt", ärgert er sich - und droht: "Wir werden uns rechtlich dagegen wehren." Auch Timm Klotzek, Chefredakteur des Magazins Neon, prüft, ob sich die Redaktion gegen die Behauptung wehren kann.

Anzeige

"Alle Themen kommen von den Redaktionen"

Für die sonst so PR-versierte Arbeitgeber-Initiative sind diese Reaktionen ziemlich unerfreulich. Das Schreiben sei ein "internes Arbeitpapier mit ersten Vorüberlegungen, wen man ansprechen könnte", sagt INSM-Mitarbeiter Ronald Voigt. "Es ist bedauerlich, dass dieses Papier zu Missverständnissen geführt hat."

Ein nach der Anfrage von sueddeutsche.de spontan eingeholtes Rechtsgutachten habe jedoch juristische Schritte gegen die Initiative als nicht erfolgversprechend eingestuft. Voigts Fazit: Die INSM habe sich in dieser Angelegenheit nichts vorzuwerfen.

Keine Kanzlerin, kein Deutsche Bank-Chef - und auch keine Berichte in Neon und "Anne Will": So dürften sich die drei ausgewählten Journalisten ihr Engagement für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nicht vorgestellt haben. Derzeit ist das Trio auf Deutschland-Recherche.

Doch anstatt die Kanzlerin zu interviewen, sprechen sie mit einer älteren Dame, die ihnen die soziale Marktwirtschaft als "immer noch vorteilhaft, logischerweise" beschreibt: "Ich möchte keinen Sozialismus haben." Oder mit einer jungen Frau, die von der Selbständigkeit schwärmt und davon, dass man in dem System "gut funktionieren" könnte. Diese Szenen sind bereits im Internet zu bewundern. Am Ende, so sagt ein Sprecher der INSM, wird der Film lediglich auf der Internetseite der Kampagne zu sehen sein.

Anti-Lobby-Gruppierungen kritisieren die Kampagne trotz fehlender Promi-Dichte und werfen "Deutschland 24/30" mangelnde Objektivität vor. Zwar sollten Sachverhalte dem Werbepapier zufolge "durchaus auch kritisch" hinterfragt werden. Doch Ulrich Müller, Chef der Organisation Lobby Control, glaubt daran nicht: Zwar dürfte in INSM-Kampagnen auch immer leise Kritik an der Marktwirtschaft laut werden. Im Kern, so der Vorwurf, würde die Initiative darauf achten, dass die Gesamtaussage ihren Zielen entspricht. "Für die INSM heißt das im Kern weniger Sozialstaat und mehr Marktwirtschaft", wettert Müller.

Der Lobby-Control-Chef beklagt zudem die Vermischung zwischen Journalismus und PR. Denn ein Vertreter der von der INSM in Bewegung gesetzten Marktwirtschafts-Reporter ist als freier Mitarbeiter für den Rundfunk Berlin-Brandenburg tätig. Ein Sprecher der Rundfunkanstalt sagt allerdings, der Reporter sei nicht mit politischen Themen befasst, sondern "im Unterhaltungsbereich" tätig. Befürchtungen, der Journalist könne die Themen der INSM im RBB-Programm unterbringen, widerspricht der Sprecher entschieden. "Alle Themen für die freien Mitarbeiter kommen von den Redaktionen."

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Luftschlösser für junge Journalisten
  2. Sie lesen jetzt Großer Ärger beim NDR
Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/jja/cmat)