Von Caspar Busse und Henning Hinze

Entsetzen bei den Briefdienstleistern: TNT will nun doch keine Briefe für Privatleute austragen und Pin-Großaktionär Springer wundert sich über den Rechtsstaat - Pin könnte sogar geschlossen werden.

Das Deutsche Briefporto-Buch erscheint einmal im Jahr und listet alle Briefdienstleister im Land auf, vom Marktführer Deutsche Post AG mit mehr als 90 Prozent Marktanteil bis zum Einmann-Betrieb auf dem Dorf. In der gerade ausgelieferten Ausgabe für das Jahr 2008 sind das 129. Wie viele davon das kommende Jahr überleben, ist ungewiss.

Post-Mindestlohn Bild vergrößern

Gedrängel am Briefkasten: Wie viele Briefdienstleister das kommende Jahr überleben, ist ungewiss. (© Foto: ddp)

Anzeige

An diesem Montag hat die deutsche Tochter der früheren niederländischen Staatspost TNT ihre Pläne gestoppt, nach dem Ende des Beförderungsmonopols für private Briefe bis 50 Gramm in den liberalisierten Markt einzusteigen. Ursprünglich hatte sie die 13.500 Hermes-Paketshops dafür als Annahmestellen umrüsten und damit besser erreichbar sein wollen als die Deutsche Post mit ihren 12.000 Filialen. Konkurrent Pin hatte eine Kooperation mit den 18.000 deutschen Sparkassen vorbereitet und Ende August eine Pilot-Filiale in der Sparkasse Siegen eröffnet. Pin und TNT sind die einzigen, die deutschlandweit Briefdienste anbieten, bisher allerdings nur für Geschäftskunden.

"Wir haben in den vergangenen Tagen mit dem Mutterkonzern alle Optionen geprüft", sagte TNT-Post-Chef Mario Frusch der Süddeutschen Zeitung. "Das Angebot für Privatkunden mussten wir stoppen, weil es sich nicht mehr gerechnet hat. So lange wir diesen überhöhten Mindestlohn haben, kann hier auch kein normaler Wettbewerb entstehen."

In der vergangenen Woche hatte sich die Große Koalition auf einen Mindestlohn für Briefträger von acht Euro im Osten und 9,80 Euro im Westen geeinigt. Die beiden großen privaten Anbieter zahlen im Durchschnitt zwischen sieben Euro und 7,50 Euro und machen damit bisher keinen Gewinn. Zurzeit beschäftigen beide je 5000 Mitarbeiter, TNT hatte im Sommer angekündigt, diese Zahl in den nächsten Jahren zu vervierfachen.

Das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr

"Es ist völlig klar, dass wir das jetzt stoppen und uns neu orientieren", sagt Frusch.Mit dem Mindestlohn funktioniert das Geschäftsmodell nicht mehr, weil die Privaten bis auf Weiteres nicht genug Briefe zusammenbekommen, um die teureren Briefträger ausreichend auszulasten. Schon jetzt müssen sie billiger arbeiten als die Deutsche Post, weil die von der 19-prozentigen Mehrwertsteuer befreit ist.

Der Pin-Großaktionär, der Axel Springer Verlag, spricht deshalb inzwischen über die Schließung des gesamten Unternehmens, dessen grüne Briefträger vor allem in den Städten überall unterwegs sind. Dabei war Springer-Chef Mathias Döpfner mit großen Hoffnungen gestartet, als er im Sommer die Mehrheit am Postdienstleister Pin übernahm. 510 Millionen Euro gab er dafür aus - eine der größten Investitionen der Springer-Geschichte. Döpfner wollte das Postgeschäft zu einer Säule des Berliner Verlagskonzerns machen, gleichzeitig hoffte er auf Synergien mit der Zustellung von Zeitungen und Zeitschriften.

Pin soll im laufenden Jahr mehr als 350 Millionen Euro Umsatz machen. Kalkuliert wird mit einem Verlust von 55 Millionen Euro. Die Planung sah vor, dass der Umsatz in den kommenden Jahren deutlich steigen soll - auf bis zu einer Milliarde Euro im Jahr 2010. Die Prognosen von TNT Post waren etwas zurückhaltender, aber gleichwohl ehrgeizig.

"Wir müssen unsere Prognosen überprüfen", sagt Frusch. Sowohl Springer als auch TNT kündigten unterdessen an, Klagen gegen die Mindestlohn-Beschlüsse zu prüfen. Bei Springer gab man sich am Montag entsetzt: "Das dies in einem Rechtsstaat möglich ist, war nicht zu erwarten."

Leser empfehlen 

(SZ vom 04.12.2007/sma)