Porsche-Prozess Wiedeking-Verteidiger: "Eine juristische Hinrichtung der Staatsanwaltschaft"

Ist einer Haftstrafe entgangen: Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking

(Foto: REUTERS)
  • Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter sind vom Vorwurf der Marktmanipulation freigesprochen worden.
  • Die beiden Manager hatten im Jahr 2008 erfolglos versucht, den viel größeren Volkswagen-Konzern zu übernehmen.
  • Die Staatsanwaltschaft hatte ihnen vorgeworfen, die Märkte getäuscht und so billig VW-Aktien eingekauft zu haben, konnte aber nur Indizien hervorbringen.
  • Die Richter kritisierten die Staatsanwälte. Wiedeking-Verteidiger Hanns Feigen griff sie in harschen Worten an. Sein Mandant reagierte erleichtert auf den Freispruch.
Aus dem Gericht von Max Hägler

Das Landgericht Stuttgart hat Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seinen ehemaligen Finanzvorstand Holger Härter am Freitag vom Vorwurf der Marktmanipulation freigesprochen. Die beiden ehemaligen Porsche-Vorstände waren die zentralen Akteure in der Übernahmeschlacht zwischen dem kleinen Sportwagenbauer Porsche und dem viel größeren Volkswagen-Konzern. Die Anklage hatte ihnen vorgeworfen, bei jener Übernahmeschlacht vor acht Jahren zunächst ihre Pläne verschleiert und dann unvollständig offengelegt zu haben. Dadurch hätten Wiedeking und Härter billig VW-Aktien einkaufen und später milliardenschwere Verluste abwenden können.

Einher ging der aus Sicht des Gerichts "eindeutige" Entscheid mit einer massiven Kritik an der Staatsanwaltschaft. An deren Vorwürfen sei nichts dran, "weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte", sagte der Vorsitzende Richter Frank Maurer. Deren Arbeitsweise und Argumentation sei wechselnd, ja ungewöhnlich. Trotz einer "Armada von Staatsanwälten" und sechs Jahren Vorarbeit hätten sie etwa erst im Plädoyer einen neuen Aspekt eingeführt. Das sei keine transparente Arbeitsweise, kritisierte er.

Hanns Feigen, der Verteidiger von Wiedeking, begrüßte das eindeutige Urteil der Richter mit eindeutigen Worten. Dies sei "eine juristische Hinrichtung der Staatsanwaltschaft". Die beiden Manager reagierten ohne Triumphgeheul. Wiedeking diktierte einige vorbereitete Worte. Er freue sich, dass das Gericht die Unschuld bestätigt habe, die er stets beteuerte. "Damit endet für mich eine Zeit von fast sieben Jahren immer neuer Vorwürfe, Vorhaltungen und öffentlicher Verdächtigungen durch die Staatsanwaltschaft, für die im gesamten Prozess kein einziger Beweis erbracht wurde."

Kein Zeuge oder Gutachter konnte die Vorwürfe stützen

Die Vorwürfe der Staatsanwälte bezogen sich auf das Jahr 2008. Die Stuttgarter Automanager wollten schon lange die Mehrheit an Volkswagen übernehmen - weil sie einerseits selbst zu klein waren, um in der Autowelt zu bestehen, und sich selbst andererseits als die weit besseren Manager sahen. Und auch aus Traditionsgründen wäre eine Verbindung logisch gewesen, denn beide Konzerne haben denselben Stammvater: Ingenieur Ferdinand Porsche entwickelte nicht nur in Stuttgart Motoren und Sportwagen, sondern auch in der Nazizeit den VW Käfer - der Ausgangspunkt der heutigen "Autostadt" Wolfsburg.

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Nach und nach hatten Wiedeking und Härter eine Beteiligung an VW aufgebaut, mit Wissen und Billigung der Erben. Doch wie weit sollte diese Beteiligung gehen, wann wurde der Plan dazu gefasst - und ging dabei alles mit rechten Dingen zu? Diese Fragen hatte das Landgericht Stuttgart in den vergangenen fünf Monaten verhandelt.

Im Prozess konnte jedoch kein Zeuge oder Gutachter die Vorwürfe der Ankläger wesentlich stützen. Dies räumte auch die Staatsanwaltschaft ein, die dennoch von der Schuld der beiden Manager überzeugt ist - aufgrund von Indizien. Zweieinhalb Jahre Haft für Wiedeking und zweieinviertel für Härter hatten die Ankläger gefordert, und damit den Ärger der Verteidiger auf sich gezogen: Die Staatsanwaltschaft habe sich verrechnet und sich "Hirngespinste" erdacht. Sie argumentiere darüber hinaus "aktenwidrig", ihre Vertreter würden mit "juristischem Infantilismus" wie Krimiautoren agieren.

Ähnliche Verfahren enden immer wieder mit Freisprüchen

Die Kritik der Verteidiger im Porsche-Prozess reiht sich in die Klagen deutscher Manager ein, die bemängeln, ihre unternehmerischen Entscheidungen würden kriminalisiert und überzogen verfolgt. Bei diversen Bankprozessen war und ist das zu hören - ob Landesbank Baden-Württemberg, BayernLB oder aktuell beim Prozess gegen die Chefs der Deutschen Bank. Tatsächlich enden diese Verfahren immer wieder mit Freisprüchen oder sehr geringen Strafen. Und auch im Fall Porsche war die Lage von Beginn an herausfordernd für die Staatsanwaltschaft. Das Landgericht wollte die Anklage anfangs gar nicht erst zur Verhandlung zulassen. Zu dünn erschienen dem Gericht die Vorwürfe. Erst nach Beschwerde am Oberlandesgericht kam es zum Prozess.

Wiedeking, 63, und Härter, 59, bestritten die Vorwürfe stets mit Vehemenz: "Wir waren Visionäre, aber keine Spieler", hatte Wiedeking zu Beginn des Prozesses erklärt. Sie sind heute noch stolz auf ihr Vorhaben, per trickreichem Aktienhandel zu einer günstigen, synergiestiftenden Fusion zu kommen, obwohl die Aktion letztlich aus dem Ruder lief. Auf den letzten Metern ging Porsche damals das Geld aus, auch wegen der weltweiten Finanzkrise. Die Liquidität des Unternehmens war 2008 schließlich so schlecht, dass Finanzchef Härter einer Bank Risiken verschwieg, damit Porsche die benötigten Kredite überhaupt bekommt. Wegen Kreditbetrugs wurde er deswegen in einem anderen Strafverfahren bereits 2014 zu einer Geldstrafe verurteilt.

Aufgrund der Finanznöte bei Porsche drehte Volkswagen schließlich den Spieß um und übernahm den kleinen Sportwagenbauer. Was - und das muss man Wiedeking und Härter zugestehen - im Endeffekt auf dasselbe herauskommt: Die Mehrheit an dem fusionierten Autokonzern halten die Erben, die beiden so mächtigen wie auch zerstrittenen Familienclans Porsche und Piëch.

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