Poker um Alstom Siemens punktet gegen GE

Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser (rechts) und Christophe de Maistre, Chef der Siemens-Landesgesellschaft in Frankreich, in Paris - unerwartet konnte der französische Siemens-Mann bei einer Anhörung im Parlament zur geplanten Alstom-Übernahme punkten.

(Foto: REUTERS)

Bei einer Anhörung im französischen Parlament buhlen sowohl Siemens als auch dessen US-Konkurrent General Electric um den Industriekonzern Alstom. Das Überraschende: Der Siemens-Mann kündigt lediglich ein Datum für das konkrete Übernahmeangebot an - und überzeugt die Parlamentarier dennoch.

Von Leo Klimm, München/Paris

Es ist ein ungleicher Kampf, in den Christophe de Maistre am Dienstagabend ziehen muss. De Maistre soll im Wirtschaftsausschuss der französischen Nationalversammlung für eine Übernahme des Pariser Konkurrenten Alstom durch den Münchner Konzern werben. Dabei ist de Maistre nur Chef der Siemens-Landesgesellschaft in Frankreich - und ein konkretes Übernahmeangebot, das er verteidigen könnte, hat sein Konzernchef Joe Kaeser noch gar nicht vorgelegt.

Der Gegner, gegen den de Maistre in der Nationalversammlung antreten muss, scheint da übermächtig: Unmittelbar nach dem Siemens-Mann ist nämlich der oberste Boss des amerikanischen Erzrivalen General Electric (GE) vor den Parlamentariern dran, Jeffrey Immelt. Der hat längst schon ein Angebot über 12,35 Milliarden Euro für die Alstom-Energiesparte vorgelegt. Immelt will am Mittwoch bei Frankreichs Präsident François Hollande vorsprechen. Also nutzt er die Gelegenheit und gibt sich am Vorabend bei den Hinterbänklern aus dem Wirtschaftsausschuss die Ehre.

Doch das ungleiche Kräftemessen verläuft anders als erwartet. De Maistre schlägt sich wacker, während Immelt einen womöglich etwas zu gelassenen Auftritt hinlegt. Wäre der Wettbewerb zwischen Siemens und GE ein Boxkampf, so würde der Außenseiter im Wirtschaftsausschuss de Maistre für Siemens eine Runde nach Punkten gewinnen.

Bei der Fragerunde wirkt der Siemens-Vertreter wie befreit

Die Aufregung ist dem Frankreich-Chef des Konzerns anzumerken, als er ein sorgsam vorbereitetes Statement vom Blatt abliest. De Maistre verhaspelt sich ständig. Und muss den Abgeordneten auch noch die enttäuschende Botschaft überbringen, dass das Siemens-Angebot, auf das ganz Frankreich seit Wochen wartet, "vor dem 16. Juni" kommt - eigentlich hatten die meisten Beobachter mit einer konkreten Ansage noch in dieser Woche gerechnet.

Die Abgeordneten stellen de Maistre und Immelt dieselben Fragen: Wie partnerschaftlich wird es wirklich zugehen, wenn Alstom erst einmal gekauft ist? Was können die Konzerne anbieten, damit Frankreichs Souveränität in der Atomkraft gewahrt bleibt, die von dem Deal bedroht wäre? Wie gehen Siemens und Alstom damit um, dass sie nach einer Übernahme manches doppelt hätten- etwa die Fertigung von Dampfturbinen? Und welche Garantien geben sie angesichts dieser Doppelungen für Jobs in Frankreich?

Christophe de Maistre wirkt wie befreit, als er - in freier Rede, ohne sich an das Skript aus der Konzernzentrale klammern zu müssen - die Fragen beantworten darf. Die Verzögerung des Siemens-Angebots verteidigt er offensiv: Eine belastbare Prüfung brauche eben Zeit. "Und es ist unsere Angewohnheit, einmal eingegangene Verpflichtungen immer einzuhalten", sagt de Maistre. Er spielt bewusst auf das Image Deutschlands als Hort der Seriosität an. "Hinter unserem Vorgehen steht eine industrielle Logik, keine finanztechnische."

Wenig Neues von GE

Überhaupt punktet de Maistre damit, Siemens gehe es nicht nur um die Zustimmung der Alstom-Aktionäre, sondern aller Beteiligten - also auch der Mitarbeiter und der Politik. Er betont, wie viel besser es doch wäre, nach dem Vorbild von Airbus aus Siemens und Alstom europäische Champions in Energie- und Bahntechnik zu formen.

Bedenken, Siemens werde nach der schon versprochenen Jobgarantie über drei Jahre massig Stellen abbauen, versucht er so gut es geht auszuräumen. Als konkrete Ankündigung darf er immerhin mitteilen, der deutsche Konzern wolle das gemeinsame Geschäft mit Dampfturbinen und Wasserkraft künftig aus Frankreich führen Die Abgeordneten bedanken sich für den engagierten Vortrag.

Als der GE-Chef wenig später an der Reihe ist, strahlt er große Selbstsicherheit aus. "Bonjour, Mesdames et Messieurs, ich heiße Jeffrey Immelt", stellt er sich charmant vor. Doch sein vermeintlicher Vorteil erweist sich bald als Nachteil: Der Amerikaner hat nichts Neues zu verkünden - und falls doch, muss er es sich für den Termin am nächsten Morgen bei Hollande aufheben.

"Nicht alle unsere Fragen haben eine Antwort erhalten"

Immelt begnügt sich damit, den Abgeordneten zu erzählen, was sie seit Wochen ohnehin wissen. Dass GE vier globale Entscheidungszentren im Energiegeschäft in Frankreich ansiedeln will. Dass GE das Geschäft mit Signaltechnik an Alstom abgeben könnte. Ansonsten versucht er, sich als verkappter Franzose auszugeben: Angesichts der starken Präsenz im Land könne man "GE ja fast schon für ein französisches Unternehmen halten". Auf Nachfragen wiederholt er einfach, was er eben schon gesagt hat.

Manchen Parlamentariern ist das zu wenig. Sie sind unzufrieden darüber, dass GE im Unterschied zu Siemens keine klaren Antworten zur Zukunft der Alstom-Bahnsparte geben kann. Der Ausschussvorsitzende, der de Maistre zuvor für die "präzisen Antworten" gedankt hatte, verabschiedet Immelt mit einer Mahnung: "Nicht alle unsere Fragen haben eine Antwort erhalten." Er schlägt dem GE-Chef vor, doch bald wieder zu kommen. Joe Kaeser will er auch noch sehen.