Pleite des Ex-Arcandor-Chefs Middelhoff lebt von der Betriebsrente

  • Mehr als 50 Gläubiger wollen gut 104 Millionen Euro von Thomas Middelhoff.
  • Seine Villa in Ostwestfalen hat einen Verkehrswert von rund 3,4 Millionen Euro.
Von Uwe Ritzer und Georg Wellmann

Thomas Middelhoff selbst will nichts sagen. "Meine Ärzte haben mir aufgrund meiner gesundheitlichen Situation absolute Schonung und Ruhe verordnet", teilt er auf Anfrage mit und verweist auf den Insolvenzverwalter. Der heißt Thorsten Fuest und er beginnt gerade, das verbliebene Vermögen des einstigen Star-Managers zu verwerten. Schließlich wollen mehr als 50 Gläubiger gut 104 Millionen Euro von Thomas Middelhoff. Als erstes könnte der seine geschichtsträchtige Villa verlieren.

Middelhoff hat den zweistöckigen Fachwerkbau samt gut drei Hektar Grundstück einst seinen Nachbarn, der Unternehmerfamilie Oetker abgekauft und das Areal mit seinem bereits bestehenden Anwesen verbunden. Die Villa ließ er luxuriös ausstatten und richtete dort außer Repräsentations- und Wohnräumen auch Büros ein. Ein Gutachter im Auftrag des Insolvenzverwalters beziffert den Verkehrswert der inzwischen leerstehenden Immobilie auf "rund 3,4 Millionen Euro", sagte Insolvenzverwalter Fuest dem Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR. Belastet ist das Haus mit einer Hypothek zugunsten der Bielefelder Privatbank Lampe, die von Middelhoff 1,62 Millionen Euro fordert. Ein etwaiger Überschuss beim Verkauf soll den Gläubigern des einstigen Vorstandschefs von Bertelsmann und Arcandor zufließen.

Beispielloser Absturz

Hinter Thomas Middelhoff liegt bekanntermaßen ein kometenhafter Aufstieg zu einem der mächtigsten Manager Deutschlands - und ein beispielloser, steiler Absturz. Das Landgericht Essen verurteilte ihn im November zu drei Jahren Gefängnis wegen Untreue. Der Richterspruch ist noch nicht rechtskräftig, jedoch ließ das Gericht Middelhoff unmittelbar nach der Urteilsverkündung wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft nehmen. Erst gegen Zahlung einer Kaution von 895 000 Euro kam Middelhoff, gesundheitlich schwer angeschlagen, im April 2015 wieder frei.

Derweil hat Insolvenzverwalter Fuest bislang fast nichts gefunden, was er an Middelhoffs Gläubiger verteilen könnte. Noch ist er damit beschäftigt, das Gewirr von Firmen und Gesellschaften zu durchdringen, das der Ex-Manager in den vergangenen Jahren um sich gesponnen hat. Kritiker hegen den Verdacht, das Geflecht habe dazu gedient, angesichts der schon länger drohenden Pleite Vermögenswerte vor den Gläubigern in Sicherheit zu bringen. Middelhoffs Anwalt und Freund Hartmut Fromm bestreitet dies. Der Manager beantragte Ende März 2015 aus dem Gefängnis heraus ein Privatinsolvenz-Verfahren. Damit kam er dem Finanzamt Bielefeld zuvor, dem er Steuern in erheblicher Höhe schuldet.

Weiterer Immobilienbesitz steht zum Verkauf

Insolvenzverwalter Fuest arbeitet daran, möglichst viel Vermögen aus den diversen Gesellschaften für die Gläubiger zurückzuholen. Im Zuge dessen steht, abgesehen von der Villa, weiterer Immobilienbesitz von Middelhoff zum Verkauf. Über entsprechende Fonds ist der Ex-Manager an Wohnungen und Gewerberäumen in der Innenstadt von Magdeburg beteiligt. Fuest erwartet, aus diesen Fondsanteilen "einen Betrag von um die 150 000 Euro" zu erlösen.

Weit mehr Vermögen, nämlich im Gesamtwert von gut 90 Millionen Euro, haben Thomas Middelhoff und seine Frau Cornelie ab 2011 Zug um Zug an die Vermögensverwaltungsfirma Firma Middelhoff & Cie übertragen. Dazu diente ein Geschäftsbesorgungsvertrag, über den von Juni 2011 bis März 2014 wiederum Millionensummen zum Lebensunterhalt, sowie für Anwalts- und Gerichtskosten an das Ehepaar zurückflossen. Insolvenzverwalter Fuest betreibt nun die Rückübertragung von Vermögenswerten aus dieser Middelhoff & Cie - sofern überhaupt noch etwas da ist. Denn ein Großteil des Vermögens ist bereits am 22. März 2014 auf eine andere Gesellschaft übertragen worden, die einem Anwalt Middelhoffs gehört.

Leben von der Betriebsrente

Die Middelhoff & Cie. steht derweil offenbar vor dem Ende. Recherchen von SZ, WDR und NDR ergaben, dass die Gesellschaft Mitte Juni ihren Sitz weg aus der ehemaligen Oetker-Villa in ein vergleichsweise schmuckloses Bürohaus nach Greven im Münsterland verlagert hat. Unter der neuen Adresse residiert die Burk AG, ein auf die Liquidation von Firmen spezialisierter Dienstleister. Weder die Burk AG, noch Middelhoffs persönlicher Steuerberater und Geschäftsführer der Middelhoff & Cie., Daniel Weiner, wollten dazu Angaben machen. Insolvenzverwalter Fuest sagte SZ, WDR und NDR jedoch, dass nach ihm vorliegenden Informationen ein Liquidator aus Greven für die Middelhoff & Cie bestellt werden soll.

Niemand kann derzeit sagen, ob und wie viele seiner Schulden Middelhoff am Ende des wohl noch lange andauernden Insolvenzverfahrens an seine Gläubiger zurückzahlen wird. Fuest wird ihnen am 21. September einen Zwischenbericht geben, wenn der Gläubigerausschuss tagt.

Thomas Middelhoff selbst lebt derzeit vom nicht pfändbaren Teil einer Betriebsrente, die ihm aus seiner Bertelsmann-Zeit zusteht. Dem Vernehmen nach handelt es sich um etwa 2000 Euro netto, die ihm verbleiben. Seit seinem 62. Geburtstag am 11. Mai erhält er zudem auch eine Betriebsrente von Arcandor. Diese allerdings fließt vollständig an den Insolvenzverwalter und damit irgendwann an die Gläubiger. Abgesehen davon beschäftigt sich der frühere Topmanager offenbar damit, sein weitläufiges Anwesen in Bielefeld ganz aufzugeben.

Momentan leben er und seine Frau unmittelbar neben der früheren Oetker-Villa in einem anderen, luxuriösen Haus. Laut Grundbuch gehört es nicht Thomas, sondern Cornelie Middelhoff. Damit wäre dieses Wohnhaus vor den Gläubigern sicher. Familienanwalt Fromm hat jedoch bereits in der Neuen Westfälischen erklärt: "Wenn ein Interessent kommt und alles übernehmen will, so wäre uns das recht."

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