Playmobil Chaos im Spielzeugladen

  • Nach dem Tod von Firmenchef Horst Brandstätter herrscht bei Playmobil ein Machtvakuum.
  • Keiner der drei neuen Vorstände darf allein entscheiden, man belauere sich, berichten Insider.
Von Uwe Ritzer

Der alte Patriarch wusste, dass er bald sterben würde, also regelte er seine letzten Dinge. So, wie er immer alles entschieden hatte: allein. Horst Brandstätter, Spitzname Hob, war ein cleverer, knorriger Haudegen mit sicherem Gespür fürs Geschäft, der sich selten reinreden ließ. Schnell erkannte er als junger Mann, dass seine Verwandten behäbig geworden waren, bugsierte sie aus dem Familienunternehmen und führte es fortan selbst. Später fiel ihm das Talent eines gewissen Hans Beck auf, eines wortkargen Tüftlers, der Brandstätter zu einem der reichsten Deutschen machen sollte. Beck erfand für ihn die fingerlangen Playmobil-Figuren, von denen heute mehr als 2,8 Milliarden den Erdball bevölkern. Um sie herum schuf der Patriarch einen Spielwarenhersteller mit knapp 4200 Mitarbeitern.

Am 3. Juni dieses Jahres starb Horst Brandstätter im Alter von 81 Jahren. Bis zuletzt hatte er in seiner Firma allein das Sagen. Selbst aus Florida, wo er die Winter verbrachte, wies er seinem Management in Zirndorf bei Nürnberg täglich per Fax den Weg. Doch nun scheint es im Rückblick, als hätte den Patriarchen kurz vor seinem Tod sein bis dahin untrüglicher Instinkt verlassen. Die zu seinen Lebzeiten zumindest nach außen heile Playmobil-Welt ist in ziemliche Unordnung geraten.

Mitarbeiter und andere, die das Unternehmen gut kennen, berichten von großer Verunsicherung und Unzufriedenheit. Sie beklagen lange und komplizierte Entscheidungswege, umständliche Kommunikation und schwierige Abstimmungsprozesse. Kurzum: ein Führungsproblem. Vor allem, sagen viele, fehle ein Chef.

Es ist ein gewaltiger kultureller Umbruch, der sich bei Playmobil offenkundig nur unter großen Schmerzen vollzieht. Ein stets patriarchalisch geführtes Unternehmen muss lernen, ohne den gewohnten, mal gütigen, mal strengen Übervater auszukommen. Man komme dabei gut voran, versichert eine Sprecherin. Tatsächlich ist es wohl so, dass ausgerechnet der Instinkt-Unternehmer Brandstätter es versäumt hat, rechtzeitig klare Strukturen für diesen Wandel zu schaffen.

Dabei schien er alles geregelt zu haben. Er schuf ein Konstrukt aus zwei Stiftungen und einer Holding. Die Firma ging mit seinem Ableben über in die Brandstätter Unternehmensstiftung. Die Söhne des Patriarchen kommen darin nicht vor; ihnen traute er die Übernahme der Firma nicht zu. Offenkundig wollte er sich auch sonst nicht auf seine Familie verlassen: Sicherheitshalber verfügte Brandstätter, die Unternehmensstiftung müsse sich auch um "die Grabstätte des Stifters und die Ehrung des Andenkens an den Stifter" kümmern.

Das Weihnachtsgeschäft läuft bei Playmobil gut - die Produkte wurden aber noch unter Brandstätter entwickelt. Nun droht eine gefährliche Lähmung.

(Foto: Timm Schamberger/Getty Images)

Der Patriarch versäumte es aber, einen neuen Anführer im Playmobil-Land auszurufen. Fast zeitgleich mit Brandstätters Tod zog sich, wie schon länger angekündigt, Andrea Schauer, 56, ins Privatleben zurück. "Aus gesundheitlichen Gründen", wie es hieß. 15 Jahre lang war sie die operative Nummer eins bei Playmobil und man sagt ihr großes Geschick im Umgang mit dem nicht einfachen Patriarchen nach und dass sie sich die nötigen Freiräume geschaffen habe.

Seit Schauers Abgang und Brandstätters Tod führen nun drei gleichberechtigte Vorstände das Unternehmen: Die frühere Pressesprecherin Judith Weingart ist für Entwicklung, Marketing und Vertrieb zuständig. René Feser ist kaufmännischer Chef und Robert Benker kümmert sich um Produktion und Technik. Alles altgediente Playmobil-Leute. Das Problem ist nur: Keiner aus dem Trio darf bei Bedarf das letzte, entscheidende Wort sprechen. Der Patriarch habe das so gewollt, heißt es.

Insider berichten, wie sich die Vorstände gegenseitig belauern

Das führt zu kuriosen Situationen: Medientermine etwa, die Schauer oder Brandstätter früher mit links erledigten, finden kaum noch statt. Die drei Vorstände treten nur gemeinsam auf, einer allein darf nicht. "Vieles deutet auf Misstrauen in der Chefetage hin", sagt ein intimer Kenner der Zirndorfer Verhältnisse. "Jeder passt auf, dass der andere den Kopf nicht zu weit hebt." Das lähmt auf Dauer und vor allem sind viele Mitarbeiter inzwischen genervt.

Auf dem Papier seien die Zuständigkeiten der Vorstände zwar getrennt, erzählt jemand. "Tatsächlich muss man höllisch aufpassen, nicht mit einem etwas zu vereinbaren, wodurch sich die anderen übergangen fühlen könnten." Angst macht sich breit im Playmobil-Land, die Pattsituation könne die strategische Entwicklung blockieren. "Es ist schwer, wenn keiner sagt, wo es langgeht", sagt ein Insider. Ein weiteres Problem sei, dass alle drei Vorstände schon lange bei Playmobil sind und deshalb gewohnt waren, im Windschatten des Patriarchen zu arbeiten. Nun werde aber Eigenverantwortung verlangt.

1,3 Milliarden Dollar betrug Horst Brandstätters Vermögen nach Schätzungen des US-Magazins Forbes. Dabei wollte seine Figürchen zunächst niemand haben.

(Foto: dpa)

Vom Stiftungsbeirat, der laut Brandstätters Überlieferung das operative Management ähnlich wie ein Aufsichtsrat "unterstützen und kontrollieren" soll, scheint wenig zu erwarten. Außer einem Rechtsanwalt und langjährigen Berater des Patriarchen sitzen drei altgediente Playmobilisten in dem Gremium. Vorsitzende, und damit in einer Schlüsselposition, ist Marianne Albert. In der Spielwarenbranche ist sie ein unbeschriebenes Blatt. Sie war langjährige Assistentin und enge Vertraute des Patriarchen, sowie Ansprechpartnerin für alle, die im Zirndorfer Playmobil-Freizeitpark die große Halle mieten wollten.

Albert arbeite immerhin seit 1990 für die Firma und sei seit "17 Jahren in der Geschäftsleitung" tätig, erklärt das Unternehmen auf Anfrage. Eine gewagte Beschreibung, bekleidete sie doch offenkundig nie einen Führungsposten. Detaillierte Fragen zu den Problemen der Nach-Brandstätter-Ära lässt Albert unbeantwortet. Nur so viel: "Nur ein gutes Team bringt gute Ergebnisse". Im Übrigen komme die "geplante Umstellung des zuvor patriarchalisch geführten Unternehmens auf ein Stiftungsmodell gut voran".

Zumindest das Weihnachtsgeschäft in Deutschland und Frankreich scheint zu laufen; der Abverkauf liegt jeweils um 13 Prozent über den Vorjahreswerten. Entwickelt wurden die verkauften Produkte allerdings noch zu Zeiten des Patriarchen.