Nachhaltigkeit Plastiktüten-Verbrauch in Deutschland hat sich halbiert

Immer mehr Menschen tragen ihre Einkäufe mit wiederverwendbaren Taschen anstatt mit Plastiktüten nach Hause.

(Foto: imago/Gottfried Czepluch)
  • 2,4 Milliarden Plastiktüten sind im vergangenen Jahr in Deutschland in Umlauf gekommen.
  • Das ist immer noch eine Menge, allerdings nur halb so viel wie noch vor zwei Jahren.
  • Der Rückgang zeigt: Die freiwillige Selbstverpflichtung des Handels, Tüten nur noch gegen Geld herauszugeben, funktioniert.
Von Vivien Timmler

Seit zwei Jahren hat die Plastiktüte in Deutschland einen schweren Stand. Von Umweltschützern zum Synonym für unreflektierten Plastikkonsum erkoren, müssen Kunden seit Juni 2016 an der Kasse für sie zahlen. Mal 10, mal 15, in einigen Läden sogar 30 Cent. Das Ziel: Die Kunden zum Verzicht zu bewegen.

Und es funktioniert. Seit die Tüten etwas kosten, greifen die Menschen immer seltener danach. 2,4 Milliarden neue Tüten wurden im vergangenen Jahr in Umlauf gebracht, wie die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung berichtet, die diese Zahlen erhebt. Das entspricht 29 Tüten pro Kopf und Jahr.

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Vor ziemlich genau zwei Jahren haben sich viele Unternehmen unter der Führung des Handelsverbands Deutschland (HDE) dazu verpflichtet, Plastiktüten nicht mehr umsonst abzugeben. Ein erstes Ergebnis wurde im vergangenen Jahr verkündet: Der Tüten-Verbrauch sank in nur einem Jahr um zwei Milliarden Tüten von 5,6 auf 3,6 Milliarden Stück. Dass es nochmal einen Rückgang um mehr als eine Milliarde Tüten geben könnte, galt bei Experten ursprünglich als unwahrscheinlich. Mittlerweile beteiligen sich etwa 360 Unternehmen an der Selbstverpflichtung, einige haben Plastiktüten sogar ganz aus ihren Regalen verbannt, etwa der Lebensmittelhändler Rewe.

Dank des Verzichts vieler Kunden erfüllt Deutschland nun auch die Plastiktüten-Forderung der EU: Diese sieht vor, dass in allen EU-Ländern der Verbrauch an Tüten bis 2025 auf maximal 40 Stück pro Kopf sinkt. Deutschland liegt nun bereits elf Tüten pro Kopf unter diesem Wert. Für Bundesumweltministerin Svenja Schulze ein Beweis, dass Einweg-Plastiktüten schlicht überflüssig sind: "Sie sind heute ein Auslaufmodell, auch, weil es gute Alternativen gibt."

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Am Ziel ist Deutschland mit seiner Plastikstrategie jedoch noch lange nicht. Das fängt in den Supermärkten an: Noch immer greifen viele Kunden zu den dünnen, transparenten "Hemdchenbeuteln", die es in den meisten Obst- und Gemüseabteilungen gibt. Sie sind von der Selbstverpflichtung nicht betroffen. Zwar verweist das Umweltministerium darauf, dass Alternativen bereits entwickelt würden - die Händler stellen aber nur sehr zögerlich auf umweltfreundlichere Zellulose-Netze oder Laser-Etikettierung um.

Hinzu kommt, dass viele Kunden an der Kasse nun zu Tüten aus Papier anstatt aus Plastik greifen. Die sind jedoch gar nicht so umweltverträglich, wie viele Kunden glauben. Für ihre Herstellung sind viele Ressourcen nötig, darunter Zellstoff, Wasser, Energie, vor allem aber Chemikalien. Hinzu kommt, dass die Papiertüten aufgrund ihrer Wasseranfälligkeit meist nur wenige Male benutzt werden können. Deutlich empfehlenswerter sind Mehrwegtragetaschen aus Baumwolle oder Jute. Die ökologisch sinnvollste Variante jedoch: die klitzeklein zusammenfaltbaren Polyester-Beutel, die sich immer häufiger an Supermarktkassen finden. Laut Umweltbundesamt sind sie die umweltfreundlichste Alternative zur Plastiktüte. Sie halten in der Regel bis zu zehn Kilo aus - deutlich mehr als alle anderen Tragetaschen - und halten daher am längsten.

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