Vermögensbildung für Arbeitnehmer Als Arbeiter zu Kapitalisten werden sollten

Er liebte das Leben und glaubte an soziale Gerechtigkeit: Der deutsche Unternehmer Philip Rosenthal wollte Arbeitnehmer an ihren Firmen beteiligen. Leider scheiterte er.

Kolumne von Nikolaus Piper

Viel ist in diesen Tage die Rede von reichen Erben und der wachsenden Kluft zwischen Vermögenden und dem Rest der Gesellschaft. Merkwürdig, dass in den ganzen Debatten ein wichtiger Name bisher nicht gefallen ist: Philip Rosenthal. Rosenthal gehörte zu den farbigsten Figuren der jungen Bundesrepublik. Unternehmenserbe, während der Nazi-Zeit Fremdenlegionär, Gelegenheitsarbeiter und Journalist in der Propaganda-Abteilung des britischen Außenministeriums, nach dem Krieg Porzellan-Unternehmer und Sozialdemokrat. Er liebte das Leben und glaubte an soziale Gerechtigkeit. In der ersten Regierung Willy Brandts wurde Rosenthal 1969 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Rosenthals großes Thema war die Vermögensbildung für Arbeitnehmer. Vermögensbildung bedeutete für ihn nicht bloß ein wenig Sparförderung. Er wollte die Gesellschaft verändern. Rosenthal hatte schon früh die Arbeitnehmer an seinem Porzellan-Werk in Selb in Oberfranken beteiligt, jetzt versuchte er, den Gedanken bundesweit durchzusetzen. "Die Wirtschaft ist ein Dampfer, der in Fahrt bleiben muss und bei dem es darauf ankommt, dass die dritte Klasse und das Zwischendeck auf die Lebensmöglichkeiten der ersten Klasse angehoben werden, ohne dass die Maschine heiß läuft", sagte er dem Spiegel. Nach seiner Überzeugung konnten die Arbeitgeber den Arbeitnehmern deutlich mehr zahlen, als der Verteilungsspielraum eigentlich hergab - vorausgesetzt, der zusätzliche Lohn blieb als Eigenkapital in den Betrieben. Über Tarifverträge und staatliche Subventionen sollte jeder deutsche Arbeitnehmer binnen zehn Jahren ein Vermögen im Gegenwert eines durchschnittlichen Jahreseinkommens bilden können.

Er wollte die Gesellschaft verändern

Rosenthal scheiterte auf der ganzen Linie. Die Arbeitgeber begegneten ihm mit Misstrauen, aber auch die Gewerkschaften stellten sich quer. Letztere wollten die Vermögensbildung nur akzeptieren, wenn die dazu notwendigen Fonds von ihnen selbst geleitet worden wären, was angesichts des unternehmerischen Versagens des DGB bei Neuer Heimat und Coop heute fast komisch wirkt. Rosenthal trat 1971 enttäuscht zurück.

Man kann in der Rückschau vieles gegen dessen Pläne sagen: Sie atmen den naiven Wachstumsoptimismus der späten Wirtschaftswunderjahre. Vieles hätte in einer sich rasch wandelnden Wirtschaft nicht funktioniert. Rosenthal wusste weder, was Globalisierung, noch was Digitalisierung ist. Aber vieles hätte auch funktioniert, und ganz sicher würde das Land heute anders über Erben und Ungleichheit diskutieren, hätte man damals Rosenthal eine Chance gegeben. Es war eine der großen verpassten Chancen der bundesdeutschen Geschichte.

60 Prozent

des Gesamtvermögens in Deutschland sind dem Sachverständigenrat zufolge in der Hand von nur zehn Prozent der Haushalte. Die unteren 60 Prozent verfügten über ein Vermögen von weniger als 30 000 Euro. Gegenüber 2007 ist die Ungleichheit etwas zurückgegangen, gegenüber 2002 jedoch fast gleich geblieben. Im internationalen Vergleich sind die Vermögen in Deutschland besonders ungleich verteilt.

Aber warum kommt heute niemand auf die Idee, an Rosenthal anzuknüpfen? Die Details müssten sicher ganz anders sein als damals gedacht, schon weil der Kapitalmarkt viel größer, schneller und globaler ist als in den frühen Siebzigerjahren. Aber die heutige Wirtschaft mit ihren vielen Neugründungen böte auch neue, seinerzeit unvorstellbare Chancen. Dazu müsste man sich allerdings zu der Erkenntnis durchringen: Wem es um eine gleichmäßigere Vermögensverteilung geht, der sollte nicht die Kapitalisten mit neuen Steuern triezen, sondern den Arbeitnehmern dabei helfen, selbst Kapitalisten zu werden.

Philip Rosenthal starb 2001 im Alter von 84 Jahren und liegt im Garten von Schloss Erkersreuth bei Selb begraben. Eigentlich wäre es an der Zeit, ihm ein paar Blumen zu bringen.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Nikolaus Piper und Thomas Fricke im Wechsel.