Pipers Welt Die gute Firma

Gewinn soll nicht alles sein: Frankreichs Präsident will den Firmen Gemeinwohl-Ziele verordnen. Werden so Mängel in der Firmenkultur beseitigt?

Von Nikolaus Piper

Eigentlich sollten sich die Deutschen viel mehr mit Frankreich befassen. Schließlich hängt die Zukunft Europas davon ab, dass Präsident Emmanuel Macron mit seinen Reformen Erfolg hat. Und dazu braucht er Deutschlands Unterstützung. So sehen es wohl die meisten in Berlin, aber da Deutschland immer noch keine Regierung hat, hilft das nicht viel.

Auch für Ökonomen lohnt sich in diesen Tagen der Blick nach Frankreich. Der junge Präsident will die Wirtschaft seines Landes wieder wettbewerbsfähig machen, vor allem gegenüber der deutschen. Dazu ist er bereit, auch überraschende Wege zu gehen. Macron versucht nicht weniger, als von Staats wegen Frankreichs Unternehmen eine neue Kultur zu verordnen. Nach französischen Medienberichten wird Wirtschaftsminister Bruno Le Maire noch im Februar einen "Aktionsplan für Wachstum und Transformation der Unternehmen" (Pacte) vorlegen. Darin will er Frankreichs Firmen unter anderem neue soziale Ziele vorschreiben.

Bisher sieht Artikel 1833 des Code Civil, des französischen BGB, vor, dass jedes Unternehmen einen "gesetzmäßigen Zweck" haben und "im gemeinsamen Interesse" der Eigentümer verfasst sein muss. Dieses ebenso vage wie restriktive Ziel soll nun ergänzt werden, um das Gemeinwohl. Wie das genau aussehen soll, ist noch nicht bekannt. Aber schon die Absicht als solche hat grundsätzliche Bedeutung.

Frankreichs Unternehmenskultur ist miserabel. Konflikte zwischen Arbeit und Kapital lassen sich schwer schlichten. Ein Manager, der eine unbequeme Entscheidung durchsetzen muss, wird schon einmal von Streikenden verprügelt und entführt. Politische Streiks, die sich gegen Maßnahmen der Regierung richten, aber die Unternehmen treffen, sind an der Tagesordnung. Das tötet den Willen zur Erneuerung und kostet Wohlstand.

Bemerkenswert ist, dass sich die französischen Reformer jetzt ihre Ideen für eine Unternehmenskultur aus Amerika holen. Dort haben seit 2010 insgesamt 33 Bundesstaaten eine Institution namens Benefit Corporation eingeführt. Das sind Unternehmen, die nicht gemeinnützig, sondern gewinnorientiert arbeiten, die sich aber explizit neben der Maximierung des Gewinns auch zur Mehrung des Gemeinwohls verpflichten und dies dokumentieren müssen.

In den USA hat dies weitreichende rechtliche Konsequenzen: Der Chef einer Benefit Corporation kann von den Anteilseignern nicht so einfach verklagt werden, wenn er auf Gewinnmöglichkeiten verzichtet, solange er denn zeigen kann, dass der Verzicht auf Gewinn der Gesellschaft oder der Umwelt dient. Zum Beispiel können Manager leichter eine feindliche Übernahme abwehren, selbst wenn sie den Aktionären profitabel erscheint. Benefit Corporations können sich also ein Stück weit aus der modernen Shareholder-Kultur verabschieden.

1000 Experimente sind besser als ein ganz großer Wurf

Was in Amerika freiwillig ist, will Macron für die Franzosen zur Pflicht machen. Aber hat Frankreich tatsächlich ein Problem mit dem Shareholder-Denken? Ist dort nicht eher das Problem, dass Entscheidungen der Eigentümer überhaupt durchgesetzt werden können? Möglicherweise sind in Frankreich ja auch nicht die Unternehmer das Problem, sondern es ist der Staat.

Wer die Debatte um die Unternehmenskultur in Frankreich verfolgt, dem fällt Elinor Ostrom ein, die amerikanische Ökonomin und Politologin von der Universität von Indiana. Sie wurde 2009 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und starb 2012. Ostrom erforschte, wie gesellschaftliche Arrangements funktionieren, die weder auf Märkten angeboten noch von Regierungen verordnet werden: Warum funktioniert ein Bewässerungssystem in Nepal ohne erkennbare Aufsicht, warum funktioniert es nicht mehr, wenn sich die Regierung einmischt? Warum funktionieren kleine Polizeiteams in einigen amerikanischen Städten besser als große? Die Antwort: Es gibt Formen der kollektiven Kontrolle, die niemand erfunden hat, die aber funktionieren, selbst wenn man sie zunächst nicht versteht.

Die Firmenkultur eine Landes besteht ebenfalls aus einem Geflecht informeller Arrangements, Regeln darüber, was man tut und was nicht, wie Konflikte gelöst und wie Verstöße gegen die Regeln geahndet werden. Ein Beispiel für eine funktionierende Firmenkultur sind der deutsche Mittelstand und das System der Lehrlingsausbildung. Ein deutscher Mittelständler bildet schon einmal einen Flüchtling zum Gesellen aus, selbst wenn er ihn zunächst gar nicht braucht. Warum er das tut? Weil er das Gefühl hat, etwas fürs Gemeinwohl tun zu müssen, und weil er darauf baut, dass andere sich ähnlich verhalten.

Wird es Macron gelingen, mittels Unternehmenszielen die Kultur Frankreichs zu verändern? Elinor Ostrom hätte wahrscheinlich von einem ganz großen Entwurf abgeraten und sich für viele kleine Experimente eingesetzt: "Niemand weiß sicher, was funktionieren wird, deshalb ist es wichtig, ein System zu bauen, das sich schnell entwickeln und anpassen kann", schrieb sie in anderem Zusammenhang.

Ostrom wäre vermutlich auch nicht überrascht, dass der französische Unternehmerverband Medef die Pläne ablehnt; zu viele Interessen stehen dem entgegen. Noch weniger hätten sie die Ausnahmen überrascht: Emmanuel Faber, Chef von Danone, und Antoine Frérot, sein Kollege von Veolia, haben sich ausdrücklich hinter Macrons Pläne gestellt. Kein Wunder, beide haben ein massives Eigeninteresse an dem Thema: Der eine handelt mit Joghurt, der andere mit Trinkwasser - Produkte, bei denen Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung hervorragende Verkaufsargumente sind. Vielleicht schafft es Macron ja, auch anderswo das Eigeninteresse für seine Reform zu wecken.