Ölpreis Die Vorteile des billigen Öls - und seine Gefahren

Ein indonesischer Arbeiter fährt in Jakarta auf seinem Fahrrad an Ölfässern entlang.

(Foto: dpa)

Ein niedriger Ölpreis hilft der Wirtschaft und könnte nebenbei den "Islamischen Staat" schwächen. Die Energiewende darf dabei aber nicht auf der Strecke bleiben.

Von Nikolaus Piper

Billiges Öl wirkt wie ein Konjunkturprogramm, sagen Volkswirte gerne. Autofahrer sparen an der Tankstelle, Haushalte und Firmen bei den Heizkosten, mehr Geld ist da für Wachstum und Arbeitsplätze. Wenn das aber so ist, warum brachen dann in den vergangenen Tagen bei jedem Preissprung nach unten die Aktienkurse ein? Dafür gibt es eine Erklärung: Niedrige Ölpreise sind gut für Verbraucher und schlecht für Produzenten. Je stärker aber der Preisverfall, desto mehr überwiegen die negativen Effekte: Ölfirmen müssen ihre Produktion kürzen, Investitionen stoppen und Arbeiter entlassen - und das wirkt sich auf die gesamte Wirtschaft aus.

Inzwischen hat der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte WTI erstmals seit 2004 die Marke von 30 Dollar unterschritten. Viele Analysten rechnen sogar damit, dass er noch auf 20 Dollar fallen wird. Zur Erinnerung: Noch im Juni 2014 kostete Öl 115 Dollar. Der Ölpreisverfall hat längst historische Dimensionen angenommen. Der Rohstoff kostet heute so viel wie vor der zweiten Ölkrise 1979, berücksichtigt man die Inflation, ist Öl heute nicht teurer als vor der ersten Ölkrise 1973/74.

Ohne teures Öl hätte es keine Fußball-WM in Katar gegeben

Martin Hüfner, früher Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank und heute beim Vermögensverwalter Assenagon, hat versucht, die langfristigen Folgen dieser Umwälzungen zu beschreiben. In seinem neuesten Aktionärsbrief fragt Hüfner, was wohl geschehen würde, wenn der Ölpreis dauerhaft so niedrig bliebe wie heute. Am interessantesten ist dabei dieser Gedanke: Mit dem Ölpreisschock von 1973 hatte auf globaler Ebene ein gigantischer Einkommens- und Vermögenstransfer eingesetzt - von den Industrieländern und den rohstoffarmen Ländern der Dritten Welt hin zu den Ölförderländern.

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Rund um den Persischen Golf entstand sagenhafter Reichtum. Die Regierungen der Ölstaaten finanzierten ihren Bürgern einen beispiellosen Luxuskonsum, sie schufen Staatsfonds, die weltweit zu den wichtigsten Investoren geworden sind. Katar ist mit 17 Prozent an Volkswagen beteiligt, Kuwait zu sieben Prozent an Daimler. Fluggesellschaften vom Golf setzen die Lufthansa massiv unter Druck. Ölmilliarden flossen auch in die aggressive Mission für einen ultrakonservativen Islam durch Saudi-Arabien, und sie finanzierten islamistischen Terror überall in der Welt. Und natürlich wäre ohne das teure Öl niemand auf die Idee gekommen, in der Wüste von Katar eine Fußball-WM auszurichten.

Die Anpassungen werden schmerzhaft sein

Bei einem Ölpreis von 30 oder gar 20 Dollar ist dem allen die ökonomische Grundlage entzogen. Damit wird die Geschichte zwar nicht rückabgewickelt werden (so etwas gibt es nicht), die Ölproduzenten werden aber zu schmerzhaften Anpassungen gezwungen sein. Sie werden Geld von den Kapitalmärkten abziehen müssen, um ihre Staatshaushalte finanzieren zu können. Saudi-Arabien will den staatlichen Ölkonzern Aramco privatisieren (er war 1973 verstaatlicht worden).

30,7

Dollar kostete ein Fass Rohöl der US-Sorte WTI am Donnerstag. Im Juni 2014 hatte der Preis noch bei 115 Dollar gelegen. Auslöser des Preisverfalls war der Ölboom in den USA durch die Technik des Fracking. Saudi-Arabien und die anderen traditionellen Ölstaaten produzieren trotz des zusätzlichen Angebots unvermindert weiter, um ihren Marktanteil zu halten.

All dies wird auch den Rest der Welt erschüttern. Es ist gut möglich, dass der negative Ölschock weitere Fluchtbewegungen auslösen wird. Einige Folgen könnten aber auch positiv sein: Möglicherweise geht der Terrormiliz IS das Geld aus. Der britische Analyst Torbjorn Soltvedt errechnete schon 2015, dass die Tageseinnahmen des IS aus illegal verkauftem Öl von ein bis zwei Millionen auf 300 000 Dollar gefallen waren.

Die entscheidende Frage aber wird sein: Hat der Westen aus der Geschichte gelernt und baut trotz niedriger Preise weiter an einer nachhaltigen Energiepolitik? Oder wartet er damit bis zur nächsten Preisexplosion.

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An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Nikolaus Piper und Thomas Fricke im Wechsel.