Pharmaindustrie Wie Medikamente billiger werden sollen

Bisher legte die Pharmaindustrie einfach selbst fest, welchen Preis neue Medikamente haben. Das neue Arzneimittelgesetz bricht das Preismonopol: Die Konzerne müssen nun mit den Krankenkassen verhandeln, wie viel neue Pillen kosten werden. Jetzt treffen sich die Gegner zum ersten Mal - die Verhandlung wird zeigen, ob das Gesetz funktioniert.

Von Guido Bohsem

Es wird eine Premiere ohne roten Teppich und ohne Blitzlichter. Wenn an diesem Montag in Berlin die Verhandlungen über das Arzneimittel Ticagrelor beginnen, dürfte das wenig Aufsehen erregen. Und doch kommt das Datum einer Zeitenwende gleich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wird über den Preis eines neuen Arzneimittels verhandelt.

Kaum zu glauben, aber wahr: Bislang konnten die Pharmakonzerne stets allein entscheiden, wie teuer ihre Innovationen sein sollten - die Kassen hatten zu zahlen. Das vom damaligen Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) durchgesetzte Arzneimittelgesetz AMNOG bricht dieses Preismonopol. Mit dem Beginn der Gespräche steuert das Regelwerk auf den großen Praxistest zu. Am Beispiel Ticagrelor wird sich zeigen, ob das neue Gesetz wirkt.

Wie war die Lage bislang?

Deutschland gilt zusammen mit den Niederlanden und Schweden als Hochpreisland, was die Arzneimittel-Kosten im europäischen Vergleich angeht. In Frankreich oder Großbritannien kosten Arzneimittel deutlich weniger. Nach Schätzungen sind die Preise im Schnitt hierzulande etwa 20 Prozent höher als in Rest-Europa. Bis zum Beschluss des Arzneimittelgesetzes waren die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen kontinuierlich gestiegen. Gaben sie 2007 noch 27,8 Milliarden Euro aus, waren es zwei Jahre später schon 30,7 Milliarden, also gut zehn Prozent mehr. Der Posten stieg damit stärker als die Gesamtausgaben der Kassen.

Was hat sich geändert?

Das AMNOG hat diesen Trend gebrochen. Schon seit Mitte 2010 müssen die Hersteller einen deutlich höheren Zwangsrabatt an die Kassen zahlen. Ähnliches gilt auch für Apotheken und Großhandel. Insgesamt spart das Gesundheitssystem damit 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Ende 2013 aber soll die Regelung auslaufen. Bis dahin sollen so viele Preise für Arzneimittel zwischen Herstellern und Kassen verhandelt sein, dass die eingesparte jährliche Summe im Ergebnis gleich hoch bleibt. Das nützt den Kassen, aber auch den Versicherten, weil der Anstieg der Kassenbeiträge dadurch gebremst wird.

Wie funktioniert das Verfahren?

Bevor über den Preis eines neuen Medikaments verhandelt werden kann, wird ermittelt, ob es einen zusätzlichen Nutzen bringt. Wirkt es besser als ein vorhandenes Medikament? Kann es womöglich eine Operation ersetzen? Darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), in dem Vertreter der Kassen, der Ärzte und der Krankenhäuser sitzen. Interessant wird es vor allem dann, wenn der GBA einen Zusatznutzen für die neue Medizin feststellt. Bislang hat das Gremium in drei Fällen entschieden, weitere 24 will es in den nächsten Monaten prüfen. Zwei Medikamente wirkten nicht besser als andere Therapien. Für Ticagrelor wurde ein Zusatznutzen ermittelt. Hersteller und damit Verhandlungspartner der Kassen ist der britisch-schwedische Konzern Astra-Zeneca.

Was macht Ticagrelor?

Grob gesprochen handelt sich bei dem Medikament um einen Blutverdünner, der für Herzinfarkt-Patienten gedacht ist. Er sorgt dafür, dass das Blut besser fließt. Der Nachteil: Die Patienten bluten bei Verletzungen länger und stärker. Wird Ticagrelor abgesetzt, verdickt sich das Blut aber zügiger als bei anderen Mitteln. Ein Patient kann also in einem Notfall schneller operiert werden, weil die Gefahr durch starke Blutungen schneller sinkt.

Wem nutzt das Medikament?

Nach den Beurteilungen des GBA gibt es im Jahr etwa 275 000 Patienten, die für eine Behandlung mit dem neuen Medikament in Frage kommen. Bei 73 Prozent gibt es einen zusätzlichen Nutzen im Vergleich zu der bislang üblichen Behandlung. Das sind Menschen, die zuvor einen leichten Herzinfarkt erlitten haben.

Wie hoch ist der Zusatznutzen?

Der GBA vergibt bei der Beurteilung im Prinzip Schulnoten. Eine "Eins" gibt es, wenn der Zusatznutzen "erheblich" ist, eine "Sechs", wenn der Nutzen unter dem der bestehenden Therapieform liegt. Ticagrelor erhielt eine "Zwei". Das heißt, der Zusatznutzen ist "beträchtlich". Laut Astra-Zeneca gibt es elf Todesfälle durch Herzinfarkt weniger, wenn 1000 Patienten zwölf Monate lang nicht mit einem anderen Präparat, sondern mit Ticagrelor behandelt werden.

Wie hoch sind die Kosten?

Das neue Recht sieht vor, dass die Konzerne ihr neues Medikament zwölf Monate lang ohne Preisverhandlungen anbieten dürfen. Derzeit kostet es nach Kassenangaben 910,24 Euro, wenn ein Patient ein Jahr lang mit Ticagrelor behandelt wird (in Großbritannien umgerechnet 604,34 Euro, in Dänemark 784,54 Euro).

Was kostet die Vergleichstherapie?

Die Patienten, für die Ticagrelor den höchsten zusätzlichen Nutzen bringt, werden derzeit mit einer Kombination des Wirkstoffes Clopidogrel und Acetylsalicylsäure (etwa Aspirin) behandelt. Das kostet die Kassen pro Patient 85,78 Euro im Jahr - also weniger als ein Zehntel der Kosten für Ticagrelor. Dies gilt allerdings nur für den billigsten Anbieter im Markt, der nur drei Prozent des Bedarfs deckt. Das teuerste Konkurrenzangebot liegt bei 635,10 Euro.

Ticagrelor kann aber auch für Menschen mit einem schweren Herzinfarkt angewandt werden. Hier kostet die Behandlung zurzeit 804,39 Euro im Jahr (mit dem Mittel Prasugrel). Jedoch hat der GBA für diese Patientengruppe bisher keinen Zusatznutzen ermittelt.

Wie lange dauern die Verhandlungen?

Beide Seiten rechnen mit schwierigen Gesprächen. Natürlich sind die Kassen daran interessiert, so wenig wie möglich zu zahlen. Ebenso selbstverständlich will Astra-Zeneca das Gegenteil - zumal die Preise in Deutschland in vielen Ländern der Welt zum Vorbild genommen werden. Das heißt, der Konzern würde weltweit Einbußen erleiden, wenn er in Deutschland schlecht verhandelt. Zunächst sind vier Termine angesetzt. "Wir sind überzeugt vom hohen Zusatznutzen unseres Medikaments und gehen mit breiter Brust in die Gespräche", sagte ein Sprecher des Unternehmens. In Kassenkreisen hieß es, man wolle die neue Machtstellung nicht ausnutzen und strebe faire Verhandlungen an.

Was passiert bei einem Scheitern?

Kassen und Konzern haben insgesamt sechs Monate Zeit, zu einem Ergebnis zu kommen. Gelingt ihnen das nicht, setzt eine Schiedsstelle den Preis fest.