Pharmabranche Fischen im Schwarm

Boehringer-Chef Andreas Barner setzt auf Kooperation.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die großen Pharmaunternehmen sind immer auf der Suche nach bahnbrechenden Forschungsergebnissen. Einige versuchen jetzt auch, Ideen aus der Crowd umzusetzen und zu Geld zu machen.

Von Helga EInecke, Frankfurt

Die neuen Medien und das Internet verändern die Pharmaforschung. Crowdsourcing gehört zu den neuen Trends. Ob Boehringer Ingelheim, Merck, Novartis oder Roche - praktisch alle großen Medikamentenhersteller rufen bei ungelösten medizinischen Fragen zum weltweiten Ideenwettbewerb auf.

Man kennt das Crowdfunding, das Einsammeln von Geld per Internet. Da ist eine Geschäftsidee vorhanden, die finanziell nicht allein gestemmt werden kann. Bei Crowdsourcing ist es umgekehrt. Ideen werden eingesammelt, geprüft und bei Akzeptanz mit dem vorhandenen Geld finanziert. Die Weisheit vieler, der Schwarm, soll die besten Beiträge hervorbringen.

Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim gibt im Jahr mehr als zwei Milliarden Euro für die Forschung aus. Vorstandschef Andreas Barner will die Zusammenarbeit mit Partnern, Universitäten und Wissenschaftlern von außerhalb nun deutlich intensivieren. Im Zentrum stünde immer eine bestimmte Krankheit oder eine Indikation. "Wenn wir ein ungelöstes Thema haben, wenn es also wirklich hoch kompliziert und sehr spezifisch wird, dann suchen wir auch Leute von außen", sagt Barner. Das Internet mache es eben viel leichter, Wissenschaftler weltweit anzusprechen.

Die Firma BiomedX hat sich auf das Ideenfinden spezialisiert

In Heidelberg hat sich die Firma BiomedX auf das Crowdsourcing mit Pharmaunternehmen spezialisiert. Die Ausschreibungen werden in internationalen Job-Portalen, über führende Universitäten und Forschungseinrichtungen und andere Netzwerke publik gemacht. Im ersten Anlauf im Jahr 2013 meldeten sich 500 Interessenten aus 60 Ländern. Daraus wurden die besten Kandidaten ausgewählt, zum mehrtägigen Training nach Heidelberg eingeladen. Nach einem Wettbewerb winkt dem Gewinnerteam eine zwei- bis vierjährige Tätigkeit in den Laboren in Heidelberg. Ziel ist es, zu dem ausgeschriebenen Thema ein Paket an geistigem Eigentum zu generieren, das vom Pharmasponsor gegen eine Einmalzahlung übernommen wird. Sollte der Sponsor kein Interesse haben, übernimmt BiomedX.

Wenn die Idee in ein Medikament mündet, dann sind Honorare oder Beteiligungen geplant. "Mitarbeiter und Externe, aus deren Ideen Produkte entstehen, werden belohnt. Das gibt es bei uns ständig", sagt Barner. Bei dem laufenden Boehringer-Projekt in Heidelberg geht es um chronische Lungenerkrankungen. Inwieweit treiben epigenetische Mechanismen diese Krankheit an, lautet die Frage. Es geht um Gene, Zellen, Chromosome. Seit die menschliche DNA entschlüsselt wird, arbeiten viele Wissenschaftler auf diesen Gebieten. Auch die Krebsforschung spielt bei den Projekten der BiomedX eine große Rolle. Untersucht wird, ob Stress zum Überleben von Krebszellen beiträgt, wie Tumorzellen Immunzellen nutzen, um die Immunabwehr zu überlisten. Das Pharmaunternehmen Abbvie finanziert seit kurzem in Heidelberg ein Projekt zur Erforschung von Therapien gegen Alzheimer.

Derzeit arbeiten für BiomedX sechs Forschungsgruppen, die von vier Pharmafirmen gesponsert werden. BiomedX-Chef Christian Tidona beschreibt die Atmosphäre auf dem Campus am Neckar so: "Man kann Innovationen nicht entwickeln. Innovationen passieren".

In Deutschland sind die Auflagen für neue Medikamente hoch

Boehringer Ingelheim verlässt sich allerdings bisher nur zum kleinen Teil auf die weltweite Ideenbörse per Internet. Denn auf den Forschungsstandort Deutschland lässt Barner nichts kommen. Es gebe gute bis sehr gute Universitäten und Institutionen, wie die nach Max Planck und Helmholtz benannten Gesellschaften und einige andere sowie eine exzellente Vernetzung, sagt er. Standorte wie Heidelberg oder München könnten durchaus mit Boston oder Massachusetts mithalten. Kopfzerbrechen macht dem Manager eher die Akzeptanz neuer Medikamente in Deutschland. Strenge Regeln verhindern, dass Arzneien ohne zusätzlichen Nutzen auf den Markt kommen. Über diesen Zusatznutzen gehen die Meinungen von Pharmaunternehmen, Medizinern und Krankenkassen auseinander.

Die meisten Pharmaunternehmen machen den medizinischen Bedarf für ihre Forschungsstrategie verantwortlich. Bei Boehringer gehören dazu die Gebiete Onkologie, Krankheiten von Herz-Kreislauf, der Lunge, des zentralen Nervensystems. Auch auf den Gebieten von Demenz und psychiatrischen Erkrankungen wird verstärkt nach neuen Ansätzen geschaut. Teils handelt es sich um die Erarbeitung neuer Grundlagen, teils um die Weiterentwicklung bereits gewonnener Erkenntnisse.