Interview: Kristina Läsker

Pharma-Kritiker Arne Schäffler über die finanzielle Einflussnahme von Arzneimittelherstellern auf deutsche Mediziner und überflüssige Vertreter-Besuche.

Pharma-Konzerne beeinflussen mit Marketing systematisch das Verschreibungsverhalten von Ärzten, meint Arne Schäffler, Chef der Antikorruptions-Initiative Mezis. Er fordert die Abschaffung von Pharma-Referenten in den Praxen und will durchsetzen, dass Fortbildungen für Ärzte nicht mehr von der Industrie bezahlt werden. Doch das scheitere auch am Widerstand der Mediziner, die ihre Privilegien behalten wollten: "Es fehlt oft an der Einsicht."

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"Es ist seit 50 Jahren zu einer Kultur geworden, dass sich Ärzte für jede Art von beruflichem Engagement von Herstellern aushalten lassen." (© Foto: ddp)

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Süddeutsche Zeitung: Herr Schäffler, die von Medizinern gegründete Initiative "Mein Essen zahl' ich selbst" rät Ärzten, sich nicht von der Pharma-Industrie einladen zu lassen. Ist das wirklich so ein Problem?

Arne Schäffler: Es ist seit 50 Jahren zu einer Kultur geworden, dass sich Ärzte für jede Art von beruflichem Engagement von Herstellern aushalten lassen. Das betrifft Fortbildungen ebenso wie sehr üppige Vortragshonorare oder Geschenke.

SZ: Geschenkte Kugelschreiber, Kaffeetassen oder Gratismuster - reden wir nicht über Lappalien?

Schäffler: Die Pharma-Industrie tut nichts, was keinen Nutzen bringt. Umgekehrt bedeutet das, Ärzte sind beeinflussbar durch sorgsame und mit guter psychologischer Ausbildung überbrachte Geschenke, die sich von Besuch zu Besuch akkumulieren.

SZ: Sind Sie gegen jedes Geschenk?

Schäffler: Es gibt keine Notwendigkeit für Geschenke. Viele Industriebetriebe etwa haben ihren Einkaufsleitern verboten, irgendwelche Geschenke anzunehmen, und das funktioniert ohne Probleme - warum sollten sich Ärzte da Sonderrechte rausnehmen?

SZ: Meinen Sie nicht, Ärzte sind kritisch genug, um sich vor Beeinflussung zu schützen?

Schäffler: Das ist wissenschaftlich untersucht worden. Ärzte halten sich selbst- so lauten amerikanische Studien - zu 80 Prozent für unbeeinflussbar. Aber von ihren Kollegen vermuten sie, dass 64 Prozent sehr wohl beeinflussbar sind durch Marketing-Instrumente. Diese Zahl dürfte realistisch sein: Zwei Drittel der Ärzte lassen sich womöglich in ihrem Verschreibungsverhalten beeinflussen.

SZ: Die Arzneimittelhersteller schicken täglich etwa 15.000 Pharma-Referenten in deutsche Praxen. Mezis lehnt das ab und fordert sogar ein Verbot. Was soll das bringen?

Schäffler: Pharma-Vertreter sind das teuerste Marketing-Instrument, das man sich denken kann. Jeder Besuch beim Arzt kostet die Firma 200 bis 300 Euro. Das wollen die Konzerne in irgendeiner Form zurückbekommen, sonst würden sie ihre Vertreter nicht in die Praxen schicken.

SZ: Pharma-Referenten informieren auch über neue Medikamente, halten Sie das für nutzlos?

Schäffler: Ärzte sind verpflichtet, sich über neue Präparate fortzubilden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, indem man Außendienstmitarbeitern zuhört, könnte man diese Pflicht abhaken. Ärzte sollen sich unabhängig und umfassend informieren - und das kann nicht die Aufgabe des Herstellers sein. Denn der hat nur eine einzige Verpflichtung: Verordnungen zu generieren und möglichst viel zu verkaufen. Das hat nichts mit wissenschaftlich fundierter Fortbildung zu tun.

SZ: Wie schädlich ist der Einfluss von Pharma-Referenten für Patienten?

Schäffler: Laut Untersuchungen verordnen Ärzte, die Pharma-Vertreter empfangen, wertmäßig etwa 20 Prozent mehr Medikamente. Das treibt die Kosten im Gesundheitssystem. Hinzu kommt, dass viele schwere Nebenwirkungen von Arzneimitteln ausgehen, die weniger als fünf Jahre im Gebrauch sind. Der Patient ist der Leidtragende im System.

Im zweiten Abschnitt: Geht den deutschen Ärzten jegliche berufliche Ethik ab?

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