Peter Sloterdijk "Verwunderung theoretisch bewältigen"

SZ: Speist sich Ihr Zorn auf die herrschende Ideologie, wie Sie es nennen, aus eigenem Erleben? Sind Sie der Meinung, dass Sie persönlich zu viel Steuern zahlen?

Sloterdijk: Im Gegenteil. Meine Vorschläge haben ein philosophisches Motiv, aber auch eine autobiographische Note. Ich bin prinzipiell überzeugt, es tut den modernen Gesellschaften nicht gut, wenn man die gebende Dimension in der menschlichen Psyche kleinredet. Sicher bringe ich einen privaten Zugang zu diesen Fragen mit. Ich komme aus bescheidenen Verhältnissen und stelle doch seit einer Weile mit einer Mischung aus Genugtuung und Verwunderung fest, dass ich in die Lage gekommen bin, nicht nur Bagatellbeträge an die Finanzbehörden abzugeben. Ich meine, es passt zu einem Philosophen, wenn er versucht, Verwunderung theoretisch zu bewältigen.

SZ: Sie würden aber diese Beträge gerne nicht zwangsweise abgeben müssen, sondern mitentscheiden, wie Sie Ihr Geld der Gesellschaft zur Verfügung stellen?

Sloterdijk: Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass ich jedes Jahr beim Gemeinwesen hohe Schulden anhäufe, die ich tilgen muss, um nicht straffällig zu werden. Mir kommt es hartnäckig so vor, dass ich seit einer Weile dem Gemeinwesen etwas aus meinen Überschüssen abgebe. Im aktuellen System kann ich leider nicht mehr tun, als mir privatissime einzubilden, dies seien Spenden und nicht Bußgelder für ein Leistungsvergehen.

SZ: Findet Ihr Ansatz denn eine Entsprechung in der praktischen Politik? Platt gefragt: Muss jemand, der so denkt wie Sie, FDP wählen?

Sloterdijk: Ich kann seitens der Freien Demokraten nicht den geringsten Ansatz einer positiven Resonanz auf meine Thesen beobachten. Mit Genugtuung habe ich hingegen wahrgenommen, dass der neue Bundesfinanzminister sich offenkundig für meine Überlegungen interessiert, andernfalls hätte er mich nicht vor kurzem nach Berlin zu einer Aussprache eingeladen.

SZ: Wie verlief das Gespräch mit Wolfgang Schäuble?

Sloterdijk: Wir kamen terminlich nicht zusammen. Aber ich hoffe, wir holen es nach.

SZ: Und was werden Sie Herrn Schäuble dann sagen?

Sloterdijk: Ich würde ihm sinngemäß das Gleiche sagen wie Ihnen heute. Das soziale Band erodiert, wenn man die Leistungen der Steueraktiven zu einem zwanghaften Automatismus herabdrückt - als wären die Tüchtigen auf eine mysteriöse Weise strafbar.

SZ: Und was kann die Politik, was kann ein Finanzminister tun? Steuern senken?

Sloterdijk: Nein, von der Weisheit der Steuersenkungspolitik bin ich nicht a priori überzeugt. Wir können einzelne Steuern - oder Abgabenvorschläge, wie ich lieber sagen würde - ohne weiteres höher ansetzen, wenn die kollektiven klimatischen Voraussetzungen stimmen. Es käme darauf an, den Stärkeren zu erklären, warum im Blick auf diese oder jene Aufgabe eine Zusatzanstrengung öffentlicher Großzügigkeit plausibel ist.

SZ: Ein gut motivierter Solidaritätszuschlag zum Beispiel zur Bewältigung der Kosten der Finanzkrise wäre etwas, mit dem Sie sich anfreunden könnten?

Sloterdijk: Warum nicht - immer unter der Prämisse, dass dabei die gebenden Tugenden angesprochen werden, zumal bei den Krisenverursachern. Man darf nicht länger mit der Fiktion daherkommen, die Leistungsträger täten zu wenig und müssten noch mehr Druck kriegen. Aber die Starken bei ihrer Stärke aufrufen, das ist sinnvoll.

SZ: Haben nicht alle Parteien bis hin zur Linkspartei im Bundestagswahlkampf die Bedeutung der Mittelschicht hervorgehoben und gefordert, dass die Leistungsträger nicht bestraft werden dürfen, sondern im Gegenteil entlastet werden müssen?

Sloterdijk: Mit Verlaub, das waren Lippenbekenntnisse. Die meisten Parteipolitiker interessieren sich sehr wenig für die Gedanken und Gefühle der Leute, deren Geld sie ausgeben. In Steuerfragen denken sie nach wie vor rein etatistisch. Sie glauben an die wohlmeinende Kleptokratie, kaum anders als die Fürsten und die fiskalische Obrigkeit von einst.