Pestizid Glyphosat Schädliche Pseudo-Transparenz um Glyphosat

Landwirtschaft: Das Pestizid Glyphosat ist bei Landwirten beliebt - und in der Forschung umstritten.

(Foto: Johannes Simon)

Was sollte die Politik tun, wenn sich zwei Glyphosat-Risikoeinschätzungen widersprechen? Ganz einfach.

Kommentar von Silvia Liebrich

Der Streit um das Pestizid Glyphosat und das Freihandelsabkommen TTIP haben nur auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Schaut man näher hin, zeigen sich manche Parallelen. In beiden Fällen geht es um viel Geld und um die Interessen mächtiger Wirtschaftsverbände. In beiden Fällen ist viel Geheimniskrämerei im Spiel und wird nicht alles offengelegt. Eine Mischung, die jede Menge Raum für wilde Spekulationen lässt und die Kritiker argwöhnisch macht. Während bei TTIP nach wie vor wichtige Verhandlungspapiere unter Verschluss bleiben, sind es bei Glyphosat umstrittene Studien über Gesundheitsrisiken.

Mitte Mai entscheiden die Mitgliedstaaten darüber, ob und wie Glyphosat weiter eingesetzt werden darf. Denn im Sommer, also nur einige Wochen später, läuft die bisherige Genehmigung aus. Wenn man Umfragen als Maßstab nimmt, dann wäre den meisten Menschen ein Verbot des Pflanzengifts recht; in den fünf größten EU-Ländern würden zwei Drittel der Befragten das Pestizid gern vom Markt verbannen.

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Was aber soll die Politik tun, wenn zwei Risikoeinschätzungen auf dem Tisch liegen, die sich widersprechen? Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufen das Pestizid als wahrscheinlich krebserregend für Menschen ein, während EU-Behörden das Gegenteil feststellen. Sollten die Forscher der WHO richtig liegen, wären alle bisher gültigen Grenzwerte für Glyphosat nichts mehr wert. Rückstände des Gifts in Bier, Brot und anderen Nahrungsmitteln müssten dann in einem völlig neuen Licht betrachtet werden.

Erst müssen die Risiken zweifelsfrei geklärt werden

Natürlich gibt es auch die gegenteiligen Ergebnisse der EU - aber es wäre falsch, Glyphosat unter diesen Umständen für weitere 15 Jahre zuzulassen. Zuvor müssen die Risiken zweifelsfrei geklärt werden, und das ist nicht Aufgabe der Politik, sondern der Wissenschaft. Doch dafür braucht es Zeit. Die Regierung in Brüssel darf sich deshalb nicht von Bauernverbänden und Pestizidhersteller wie Monsanto unter Druck setzen lassen, die auf eine schnelle Entscheidung dringen.

Die Zulassung von Glyphosat wurde schon einmal außerplanmäßig verlängert, weil sich die Prüfung verzögerte. Der Expertenstreit wäre Grund genug für einen weiteren Aufschub. Das wird jedoch wenig nützen, wenn die EU-Kommission nicht endlich für Transparenz sorgt. Denn das beschwichtigende Urteil der europäischen Behörden stützt sich vor allem auf nicht veröffentlichte Studien der Hersteller selbst. Für unabhängige Forscher wie die der WHO sind sie nicht einsehbar. Dieser Fehler muss dringend beseitigt werden.

Es hilft nicht weiter, dass der Herstellerverband nun einen sehr kleinen Teil dieser umstrittenen Studien in einem Leserraum für ein ausgewähltes Publikum auslegen will. Diese Form von Pseudo-Transparenz trägt nur wenig zu einer verständlichen Aufklärung bei. Wer bloß selektiv die Öffentlichkeit informiert, der kann nicht das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen, weder bei TTIP noch bei Glyphosat.

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