Ein Kommentar von Alexander Hagelüken

Die Polit-Vorschläge zur Reform der Märkte erschöpften sich in Überschriften - dabei bietet die Wirtschaftskrise doch eigentlich beste Voraussetzungen für den Wahlkampf.

Der US-Versicherungskonzern AIG hat für 2008 den größten Verlust der Weltgeschichte gemeldet. Es waren mehr als 6000 Euro - pro Sekunde. Mit dem Tempo eines Sprinters erklimmt die Finanzkrise einen neuen Gipfel. Und mit der Wucht einer Lawine zerstört sie Wirtschaft und Arbeitsplätze, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Das sind an sich beste Voraussetzungen für den Wahlkampf, der in Deutschland ansteht - begreift man Wahlkampf nicht nur als Rangeln um Prozente und Posten, sondern als Wettstreit von Ideen, die das Leben der Menschen verbessern.

Parteikonzepte in Krisenzeiten: Aufschlag Rot

Finanz- und Wirtschaftskrise (hier ein Blick auf die Börse Frankfurt) müssten thementechnisch eine Steilvorlage für die Parteien sein - sind sie aber nicht. (© Foto: ddp)

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Jenseits der Nothilfe durch Konjunktur- und Rettungspakete geht es vor allem um Ideen, durch die sich die nächste Krise verhindern lässt. Das Versagen der vorher so dominanten Banker und die Monstrosität des Absturzes weisen den Politikern eine Gestaltungsmacht zu, die in der Globalisierung schon verloren schien. Es gibt ganz offensichtlich Bedarf an Ideen, die das Leben der Menschen verbessern.

Die deutschen Parteien von ganz rot bis sehr schwarz hatten dazu bisher wenig zu sagen. Merkel, Steinbrück und die anderen waren mit dem Reagieren überbeansprucht, mit dem Retten von Banken und Konten, getrieben von den jeweils neuesten Horrormeldungen. Vorschläge zur Reform der Märkte erschöpften sich in Überschriften, wonach etwa alle Finanzakteure auf dem Globus zu überwachen sind - richtig, aber unkonkret. Jetzt versucht die SPD, den Wahlkampf mit einem umfassenden Konzept aufzumischen. Ausgerechnet jene SPD, der eine charismatische Figur wie Gerhard Schröder so überdeutlich fehlt und die zu einer 20-Prozent-Partei zu verkümmern droht, die niemand richtig braucht.

Womöglich wirkt diese Gefahr ja belebend. Die SPD-Minister Steinbrück und Steinmeier jedenfalls drängen die Union mit ihrem neuen Papier in die Defensive.

Was natürlich auch am Personal liegt. Dem Polarisierer Peer Steinbrück mangelt es am ganz großen Charisma, aber er ist ein wirtschaftspolitischer Kopf mit Massenwirkung. Ein solcher fehlt der Union seit dem Abgang von Friedrich Merz. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die SPD mit Finanzen und Arbeit Ressorts führt, auf die es in der Krise besonders ankommt. Beides zusammen würde noch keine große Rolle spielen. Bedeutung gewinnt es jetzt, weil Steinbrück und Steinmeier etwas zu sagen haben. Ihr Konzept buchstabiert das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in einer Weise aus, auf die die Deutschen in der Krise gewartet haben - ein dritter Weg zwischen Parolen und dem Irrglauben, dass der Markt alles regelt.

Zum Beispiel verzichten sie darauf, unrealistische Grenzen für Managergehälter zu fordern. Stattdessen sollen Firmen die Topgagen nur noch bis zu einer Million Euro von der Steuer absetzen können - eine Gehaltsbremse, die dem Gerechtigkeitsempfinden der Deutschen entgegenkommt. Ebenso wirkungsvoll wäre der Vorschlag, Steueroasen nicht nur zu kritisieren, sondern sie unter Druck zu setzen. Die Schweizer Großbank UBS verriet amerikanische Steuersünder erst, als die US-Behörden mit Zwangsmaßnahmen drohten. Künftige Milliardengräber mit verbrieften Wertpapieren wollen die SPD-Größen verhindern, indem sie den Banken beim Verkauf der Anlagen ein Fünftel des Risikos aufbürden, was die Branche zur Vorsicht zwingen würde. Selbst ihren Plan für eine Börsenumsatzsteuer sollte niemand so dogmatisch ablehnen, wie es die Union tut - auch London, New York und Zürich verteuern kurzfristige Spekulationen, ohne als Finanzplätze unwichtig geworden zu sein.

Die Reaktionen der Union zeigen, dass sie den SPD-Plänen wenig entgegenzusetzen hat. CDU/CSU sind in der Vorstellung gefangen, der Staat müsse sich aus den Finanzmärkten heraushalten, dann werde sich alles zum Besten wenden. Die SPD muss allerdings noch wirtschaftspolitisch insgesamt überzeugen: Durch den Nachweis, dass sie nicht alle maroden Firmen von Opel bis Schaeffler stützen will. Solche Rettungsaktionen sind zwar wahlkampfwirksam, aber schlicht sinnlos - und viel zu teuer.

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(SZ vom 04.03.2009/mel)