Parallelimporte teurer Medikamente Spione im weißen Kittel

Im Kampf gegen günstige Arzneien aus dem Ausland heuert ein Marktforschungsinstitut Apotheker als Spione an - und stattet sie mit Utensilien aus, die jedem Geheimagenten gut stehen würden. Die Hersteller der Medikamente sind empört.

Von Guido Bohsem

Wer als Privatmensch schon einmal an einer Markterhebung teilgenommen hat, weiß eines genau: Die Fragerei ist öde und lohnen tut es sich auch nicht. Im Gesundheitswesen ist das anders. Teilnehmer spezieller Befragungen werden dort in der Regel großzügig bedacht, insbesondere wenn der Auftraggeber die Pharmaindustrie ist. Selten aber trug eine Studie so skurrile Züge wie jene, die das Darmstädter Marktforschungsinstitut IMS Health seit ein paar Wochen mit Hilfe deutscher Apotheker erarbeitet.

Ziel ist es, mehr über sogenannte Parallelimporte sehr teurer Medikamente herauszufinden, die etwa gegen Krebs oder das Aids-Virus HIV eingesetzt werden. Das jedenfalls geht aus Unterlagen hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen.

Unter einem Parallelimport versteht man ein im Ausland hergestelltes Medikament, das sowohl vom Hersteller als auch von spezialisierten Pharma-Händlern nach Deutschland eingeführt wird. Für die Händler ist das ein lohnendes Geschäft. Sie nutzen aus, dass die deutschen Preise in der Regel über denen im Ausland liegen. Sie können so den Hersteller unterbieten und dennoch Gewinn machen. Darüberhinaus machen sie sich zu nutze, wenn die Währung eines Landes gerade schlecht zum Euro steht. Das Ganze hilft auch den Krankenkassen und ihren Beitragszahlern. Denn die Parallelimporte senken Ausgaben.

Beinahe überflüssig zu sagen, dass diese Praxis für die Hersteller der Medikamente eher ärgerlich ist. Denn ihnen geht mit jeder Packung, die Händler billiger verkaufen, ein Teil ihres Gewinns verloren. Obwohl unklar bleibt, wie genau die Hersteller gegen die Pharmahändler vorgehen wollen, halten Branchenkenner die Informationen über die Parallelexporte für enorm wertvoll.

Um an diese Informationen zu kommen, stattet IMS die Apotheker mit Ausrüstung und Anweisungen aus, die jedem Industriespion gut anstehen würde. Laut Unterlagen der IMS erhalten die Pharmazeuten eine Digitalkamera der Marke Canon sowie einen Speicherchip.

Auf einer Liste können sie nachlesen, an welchen Mitteln die Marktforscher besonders interessiert sind. Vor einem ebenfalls mitgelieferten Hintergrund sollen sie die Medikamente dann fotografieren: von vorne, von hinten und schließlich von der Seite, um die Chargennummer zu erfassen. Macht es nicht zu große Umstände, darf es auch vom Blister eine Aufnahme geben - also von der Alufolie, in der die Tabletten stecken. Auf einem weiteren Formular sollen die Apotheker dann die Fotos dem Herkunftsland zuordnen. Als Hilfestellung hat IMS sogar eine Liste der international gebräuchlichen Länder-Kennzeichen mitgeliefert. Einmal im Monat sollen die Apotheken die Chipkarte und die Unterlagen in den bereits freigemachten Rückumschlag stecken und an IMS schicken.

Um den Apothekern die Sache schmackhaft zu machen, honoriert IMS die pharmazeutische Detektivarbeit großzügig. Wer beispielsweise dreimal im Monat einen Parallelimport des HIV-Mittels Viread herausgibt und vorher fotografiert, kann bis zu 1340 Euro im Jahr verdienen, zuzüglich Mehrwertsteuer. Auch das Gewissen wird beruhigt: "Wenn Sie unser Projekt unterstützen, unterstützen sie mittelbar auch eine bessere Versorgung der Patienten . . ."

Die Pharmahändler reagieren verblüfft und regelrecht geschockt auf die Foto-Studie der IMS. Im Branchenverband BAI ist von einer "kaum glaublichen Initiative mit hohem Skandalpotential" die Rede.