Panama Papers Der Preis des Datenlecks

Forscher haben errechnet, dass die Veröffentlichung der Panama Papers 230 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet haben. Die Aktien von Unternehmen, die Briefkastenfirmen in Steueroasen haben, verloren demnach massiv.

Von Ulrich Schäfer

Es ist eine Spielerei, gewiss, aber eine, die auf sehr vielen Daten basiert, auf umfangreichen Statistiken und aufwendigen Berechnungen. Hannes Wagner, ein deutscher Finanzprofessor, der an der Bocconi-Universität in Mailand lehrt, wollte wissen, wie teuer die Veröffentlichung der Panama Papers die Finanzwelt wirklich zu stehen kommt. Und welcher Ort ist dafür als Maßstab besser geeignet als die Börse? Ein Ort, über den der Bankier Amschel Mayer von Rothschild (1773 bis 1855) einst gesagt hat: "Was wirklich wichtig ist, erfahre ich an der Börse."

Und so haben Wagner, sein Kollege Stefan Zeume von der University of Michigan und ein junger Ökonom von der französischen Elite-Hochschule Insead, James O'Donovan, nachgerechnet, wie viel an Börsenwert die Panama Papers in den ersten vier Tagen nach der Publikation weltweit vernichtet haben. Sie kamen auf eine gewaltige Summe: auf 222 bis 230 Milliarden Dollar. Das wäre das 16-fache des Wertverlustes von VW im Diesel-Skandal.

Die Zahl, betonen die drei Ökonomen, sei vorläufig und dürfe nicht "überinterpretiert" werden. Aber sie beruht, auch das geht aus ihrem Papier hervor, auf etlichen Vergleichsrechnungen: Wagner und seine Kollegen haben knapp 27 000 Unternehmen untersucht, die in 73 Ländern an der Börse gehandelt werden. Sie haben festgestellt: Mehr als fünf Prozent von ihnen, alles in allem über 1100, verfügen über Tochtergesellschaften in den vier wichtigsten Steueroasen, in denen auch die Kanzlei Mossack Fonseca tätig ist: in Panama, auf den Bahamas, den Britischen Jungferninseln und den Seychellen. Ob die über 1100 Unternehmen selber Kunden von Mossack Fonseca sind, spielte dabei keine Rolle.

Als die Forscher die Kursverläufe dieser Unternehmen untersuchten, stellten sie fest: Sie wichen in den Tagen nach den Panama Papers spürbar von jenen Unternehmen ab, die über keine Briefkastenfirmen verfügen. Wer Offshore-Firmen auf den Bahamas hat, verlor gegenüber dem Durchschnitt 1,3 Prozent, jene mit Verbindungen zu Panama 0,8 Prozent und jene mit Kontakten zu den Britischen Jungferninseln 0,7 Prozent. Der Marktwert dieser Firmen sei gesunken, "weil es aufgrund des Datenlecks künftig schwieriger werden dürfte, Steuern zu vermeiden oder Regierungen zu bestechen", schreiben die Autoren.

Ähnliche Ergebnisse ergaben sich, wenn man Firmen herausgreift, die in besonders korrupten Ländern tätig sind und dafür den entsprechenden Index von Transparency International zugrunde legt. Oder wenn man jene Firmen untersucht, die in den zwölf Ländern Geschäfte machen, deren Staats- und Regierungschefs durch die Panama Papers belastet werden. "Die Idee für die Studie entstand, nachdem wir die ersten Meldungen gelesen hatten", sagt Wagner. "Es war klar: Dies ist die bisher beste Gelegenheit, die normalerweise verdeckten Aktivitäten von Unternehmen in Steueroasen weltweit zu analysieren." Die drei Wissenschaftler kennen sich von früheren Forschungsprojekten, bei denen sie sich, so Wagner, mit Steueroasen beschäftigt und "Erfahrungen beim Nachverfolgen von Tochtergesellschaften über viele Landesgrenzen hinweg" gesammelt haben.