Osram Familienangelegenheiten

Die neue Osram-Zentrale im Münchner Norden: Derzeit kein besonders friedlicher Ort.

(Foto: Krisztian Bocsi/Bloomberg)

Auf der Hauptversammlung eskaliert der Zwist zwischen Osram-Chef Berlien und Siemens-Lenker Kaeser. Es geht um alte Verbindungen zwischen beiden Unternehmen, neue Meinungsverschiedenheiten - und eine Milliarde Euro.

Von Christoph Giesen

Es war eine spektakuläre Machtprobe, die den Aktionären der Licht-Firma Osram am Dienstag in der Münchner Messehalle gezeigt wurde: Der Großaktionär Siemens, der immerhin noch 17,5 Prozent der Anteile an seinem ehemaligen Tochterunternehmen hält, verweigerte Osram-Chef Olaf Berlien die Entlastung. Das ist der offene Bruch. Fünf Männer stehen im Fokus des Streits, vier von ihnen kennen sich seit Jahren. Und drei verdanken Siemens-Chef Joe Kaeser ihren Job.

Der Widerspenstige: Osram-Chef Olaf Berlien

Seit einem Jahr ist der ehemalige Thyssen-Krupp-Manager Berlien nun Osram-Chef. Als einziger der fünf Protagonisten ist er damit nicht bei Siemens groß geworden, er hat keinen Stallgeruch. Im November gab Berlien überraschend eine Neuausrichtung der Leuchten-Firma bekannt: Für eine Milliarde Euro soll eine LED-Fabrik in Malaysia gebaut werden, die Leuchtdioden für den Massenmarkt herstellt. Der Aktienkurs brach daraufhin um knapp ein Drittel ein, seitdem ist das Verhältnis zum Großaktionär Siemens zutiefst gestört. Mit 70 Prozent wurde Berlien nun auf der Hauptversammlung entlastet - trotz Siemens-Veto. Zumindest vorerst darf er Osram-Chef bleiben. Aber einen sehr mächtigen Feind, das ist sicher, hat er nun.

Der Patriarch: Siemens-Boss Joe Kaeser

Noch am Tag der Hauptversammlung ließ Berliens Widersacher eine E-Mail an alle leitenden Siemens-Angestellten verschicken. "Unsere Argumentation und unser Handeln wurden vom Kapitalmarkt bestätigt", heißt es dort. "In der Spitze hat die Osram-Aktie beginnend mit dem Zeitpunkt unserer Ankündigung auf der Osram-Hauptversammlung um bis zu acht Prozent zugelegt." Ein wenig Triumphgeheul im Nachgang, mehr nicht. Kaesers Putsch ist gescheitert. Welche Alternativen bleiben Siemens nun? Der Konzern könnte seine Osram Anteile verkaufen. Doch 17,5 Prozent auf einmal an die Börse zu bringen, das wäre keine gute Idee. Der Kurs dürfte dramatisch absacken und Kaeser müsste womöglich eine Wertberichtigung vornehmen. Allenfalls ein einzelner Käufer könnte die Lösung sein. Doch wer übernimmt einen Minderheitsanteil an einer Firma im Umbruch? Höchstens sogenannte aktivistische Aktionäre. Was ein wenig nach übermotiviertem Helfer klingt, ist genau das Gegenteil: Ein Finanzinvestor steigt ein und versucht, Einfluss zu nehmen - oft mit dem Ziel, die Firma zu filetieren und einzelne Sparten gewinnbringend zu verkaufen. Die Mittel der Wahl sind dabei vielfältig. Mal sind es Vertreter im Aufsichtsrat, die auf die anderen Mitglieder einwirken, mal wird über die Presse kommuniziert. Oder aber es wird auf der Hauptversammlung Druck gemacht. Der derzeit bekannteste Aktivistenverein ist die schwedische Finanzfirma Cevian. Sie ist an Thyssen-Krupp, an Bilfinger oder ABB beteiligt und setzt den Managern dort heftig zu. Auch bei Siemens fürchtet man sich vor einem solchen Aktivisten aus der Finanzbranche. Zumindest das ist eine Sorge, die Osram-Chef Berlien derzeit nicht umtreibt. Sein Aktivist, das ist der Ankeraktionär. Sein Cevian heißt noch Siemens.

Das Muttersöhnchen: Finanzvorstand Klaus Patzak

Der Kassenwart von Osram war jahrelang einer der engsten Vertrauten von Joe Kaeser, einst selbst Finanzer bei Siemens. Und diese Loyalität hält offenbar noch immer. Patzaks Verhältnis zu Olaf Berlien dagegen gilt als zerrüttet. Im Vorstand soll er sich bei der Entscheidung zur Neuausrichtung enthalten haben und bis heute kein Freund des Strategiewechsels sein. Auch auf der Hauptversammlung bekannte er sich nicht öffentlich. Auf den Fluren von Osram bezeichnen sie Patzak auch deshalb als "Kaesers U-Boot". Ein weiteres Indiz für Patzaks Nähe zur ehemaligen Muttergesellschaft: Im Gegensatz zu Berlien wurde er von Siemens entlastet, und das obwohl er formal für die schwache Kapitalmarktkommunikation im November verantwortlich war. Die Frage ist, wie lange sich das vermeintliche Muttersöhnchen noch bei Osram halten wird. Angeblich wird bereits über eine zeitnahe Ablösung diskutiert.

Der Zerrissene: Aufsichtsrat Roland Busch

Wenn einer zwischen den Stühlen sitzt, dann ist es Siemens-Vorstand Roland Busch. In dieser Funktion kann er ordentliche Erfolge vorweisen. Beispielsweise hat er das lange kriselnde Bahngeschäft des Konzerns auf Vordermann gebracht. Folgerichtig wurde sein Vorstandsvertrag im September um fünf Jahre verlängert. Doch Buschs Problem ist sein Mandat als stellvertretender Aufsichtsratschef von Osram: Im November stimmte er dort für den Strategiewechsel. Und zu dieser Entscheidung steht Busch noch immer. Nach der Hauptversammlung verteidigte der gesamte Aufsichtsrat, also inklusive Busch, den Schwenk als "alternativlos". Ein fast unauflösbares Dilemma, schließlich hält sein Chef bei Siemens die Strategie für unausgegoren - und Widerspruch schätzt der Machiavellist Kaeser gewöhnlich nicht. Was passiert, wenn man aufmuckt, können Buschs ehemalige Vorstandskollegen Energie-Chef Michael Süß und Medizinmann Herrmann Requardt berichten - beide wurden von Kaeser entsorgt.

Der Vermittler: Aufsichtsratschef Peter Bauer

Bis zuletzt versuchte Chefaufseher Peter Bauer zwischen den Kontrahenten zu vermitteln, schließlich kennt er Joe Kaeser seit Jahren. Beide arbeiteten sie einst in der Siemens-Sparte Bauelemente, aus der der Chiphersteller Infineon hervorging. Kaeser war es auch, der Bauer als Osram-Chefaufseher verschlug. Immer wieder nahm Bauer in den vergangenen Wochen Kontakt mit Kaeser auf und warb für eine friedliche Lösung, vergeblich. Bauer bleibt wohl nichts anderes übrig, als weiter mit Engelsgeduld auf den Siemens-Chef einzureden. Es sei denn, Siemens steigt komplett bei Osram aus.