Opel-Werkschließung in Bochum Party-Verbot aus Furcht vor Ausschreitungen

Bochumer Winterimpressionen: Ein verschneiter Platz vor dem Werk - noch stehen hier täglich Neuwagen.

(Foto: dpa)

Ursprünglich wollte Opel wollte das 50-jährige Bestehen seines Bochumer Werkes feiern, als harmonisches Familienfest in der Fabrik. Dann kam Anfang der Woche der Beschluss, dass Bochum 2016 dichtgemacht wird. Jetzt fürchtet die Führung Proteste - und verzichtet aufs Partymachen.

Von Thomas Fromm

Die letzten Signale, die der Opel-Vorstand aus der Bochumer Belegschaft bekam, waren nicht gut. "Wir werden auch nach 2016 in Bochum noch Autos bauen", sagte Rainer Einenkel, der Betriebsratschef in diesen Tagen. Wie er das wohl meinte, jetzt, nachdem die Konzernspitze das Aus für das Bochumer Werk längst beschlossen hatte? Für viele klang das, was der Arbeitnehmervertreter hier ankündigte, nach hartem Widerstand.

Es begann schon bei der Betriebsversammlung Anfang der Woche; jenem historischen Moment, in dem die Bochumer Opelaner über die Schließung ihres Werkes 2016 informiert wurden. Ein IG-Metaller soll versucht haben, Opel-Übergangschef Thomas Sedran zur Rede zu stellen - Sicherheitsleute sollen ihn dann auf den Boden geworfen haben. Tumulte. Später dann legten Beschäftigte ihre Arbeit nieder, zwei Stunden lang. Die Wut kocht weiter hoch, und Bochum, das 50 Jahre alte Opel-Werk, könnte allmählich der Kontrolle seiner Chefs entgleiten.

Mitten in diese aufgeheizte Stimmung nun fällt ein Termin, den die Bochumer schon seit Monaten vorbereiten: die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Werkes an diesem Samstag. Ein Familienfest sollte es werden, mit Grillen, Kinderchor und Bühnenprogramm. Etwas Ähnliches gab es vor ein paar Wochen am Standort Rüsselsheim auch schon. Kinderprogramm, Oldtimer-Ausstellung, Live-Musik. Das funktionierte, trotz aller Sparpläne im Haus. Denn anders als Bochum wird Rüsselsheim ja auch nicht geschlossen.

Tagelang liefen die Beratungen im Hause Opel auf Hochtouren. Kann man noch feiern? Jetzt, da die Wahrheit draußen ist? Da jeder weiß, dass hier in vier Jahren der letzte Zafira vom Band läuft und womöglich mehr als 3300 Stellen gestrichen werden? Die endgültige Entscheidung fiel am späten Mittwochnachmittag, nach einem Besuch der Bochumer Opel-Geschäftsleitung bei Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz. Die SPD-Frau habe die Absage "bedauert", heißt es bei Opel. Aber die Sicherheit gehe vor.

Mit 12.000 Mitarbeitern hatte man gerechnet, das war die Planung. 12.000 Menschen, zwischen elf Uhr morgens und 18.30 Uhr am Abend. Nur: Am Ende hatte man nicht nur Angst, dass es weitaus mehr werden würden. Die nicht ganz von der Hand zu weisende Befürchtung: dass die Menschen nicht kommen, um die 50-jährige Geschichte des Standorts Bochum zu feiern, sondern dass sie kommen, um zu protestieren. "Es macht schon einen großen Unterschied, ob hier der Großvater mit dem Enkel auf einen Plausch vorbeikommt, oder ob sich große Menschengruppen zu Protestaktionen versammeln", sagt ein Bochumer Opel-Sprecher. In der Tat - zumal niemand sagen konnte, ob aus den vom Betriebsrat angekündigten "Solidaritätsbekundungen" nicht mehr werden könnte. Demos, Massenansammlungen, die außer Kontrolle geraten. "Seit dem Beschluss vom Montag haben wir eine andere Situation, dadurch verändert sich der Charakter der Veranstaltung", sagt Opel. Möglich, dass dann "nichts mehr kalkulierbar" sei. Eine wenig beruhigende Vorstellung für die Konzernführung.

So kann man es sehen.

Man kann es jedoch auch anders sehen. Wie die Betriebsräte im Werk. Für die stellt sich die ganze Sache so dar: Die Opel-Führung habe Angst vor den eigenen Mitarbeitern und sage die Jubiläumsfeier daher einfach ab. Hier zeige sich die "absolute Hilflosigkeit der Opel-Führung", sagte Betriebsratschef Einenkel. Das sei "armselig". Sicherheitsmaßnahme? Angst vor Randale? Ausreden!

Negativ-PR hat Opel genug

Gut möglich, dass nicht nur die Angst vor Ausschreitungen und Massendemos zu dem Entschluss geführt haben. Sehr gut möglich aber auch, dass die Opel-Führung Angst hat vor jenen Bildern demonstrierender Familien mit Kindern, die dann am Abend auf allen Fernsehkanälen zu sehen wären. Das, was eigentlich als sympathische PR-Aktion gemeint war, würde dann ins Gegenteil umschlagen. Und Negativ-PR hat Opel gerade genug.

Ganz los ist Opel die Proteste der Mitarbeiter damit allerdings nicht. Schon Anfang nächsten Jahres soll es Protestveranstaltungen geben. Und dies sei nur "der Anfang", warnt Einenkel.

Opel steht vor einem veritablen Problem: Der Autobauer hat im Fall Bochum nicht nur die Mitarbeiter gegen sich. Am Donnerstag forderten Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien den Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) auf, auf betriebsbedingte Kündigungen am Standort im schwachen Ruhrgebiet zu verzichten - und bekamen dabei Unterstützung vom katholischen Sozialverband Kolpingwerk. Es gibt Situationen, da ist es für eine Firma besser, stillzuhalten und auf Partys zu verzichten. Diese hier wäre dem Konzern schlecht bekommen.