Online-Händler Amazon stellt klauende Ex-Mitarbeiter an den Pranger

In den Lagerhallen von Amazon behält nur der Computer den Überblick - deshalb ist Diebstahl auch ein großes Problem.

(Foto: REUTERS)

Vor Schichtbeginn sehen Packer in den USA Silhouetten gefeuerter Kollegen - samt Informationen, wie und was sie gestohlen haben.

Von Johannes Boie

Da soll noch jemand sagen, ein Job als Packer bei Amazon wäre nur die neue Form des klassischen Bandarbeiters in der digitalen Zeit. Der Konzern kümmert sich, wenn man so will, sogar um die Unterhaltung seiner einfachen Mitarbeiter, und zwar vor Schichtbeginn. In amerikanischen Lagerhallen hängen große Flachbildschirme, auf denen die Mitarbeiter die Silhouetten ehemaliger Kollegen sehen. Gezeigt werden Mitarbeiter, die beim Diebstahl erwischt wurden, und die deshalb gefeuert wurden.

Die Bilder sind ergänzt um die Information, was der- oder diejenige gestohlen habe, wie viel die Ware wert war und wie man den Dieb habe erwischen können. Manche der Bilder sind auch mit dem Hinweis "verhaftet" gekennzeichnet. Das berichtet Bloomberg Businessweek. Das Magazin hat mit verschiedenen Amazon Mitarbeitern gesprochen. Die deutsche Pressestelle wollte sich offiziell nicht äußern.

Die Diebe leben offenbar jenen Teil ihrer Fähigkeiten aus, der beim eher simplen Zusammenstellen und Packen von Paketen unterfordert ist. Einer nutzte seine Kreativität, um sich Ware in die Socken zu stopfen, ein anderer änderte Versandadressen der Pakete, so dass diese nicht beim vorgesehenen Empfänger ankamen, sondern bei Komplizen des Diebes.

Nur ein Computer behält in den Amazon-Hallen den Überblick

Diebstahl ist für Amazon ein Problem, denn Herzstück der Logistikfirma sind neben der ausgefeilten Technologie natürlich die Lagerhäuser, in denen so effizient wie möglich Pakete gepackt werden müssen. Die Warenhäuser sind weltweit durchorganisiert, die Bildschirme offenbar nur eine weitere Maßnahme, Diebstahl zu verhindern: Die Arbeiter werden noch vor Arbeitsbeginn daran erinnert, dass Diebstahl mit fristloser Kündigung geahndet wird.

Dass Amazon dabei zu Methoden greift, die in Deutschland befremdlich wirken mögen, liegt einerseits daran, dass der Konzern als Tech-Unternehmen häufig innovative Methoden einführt. So unterscheidet sich eine Amazon-Halle von herkömmlichen Lieferzentren zum Beispiel durch die Lagerung, bei der Produkte unsortiert nebeneinander liegen - nur ein Computer behält den Überblick; künftig sollen Produkte von Drohnen geliefert werden und Computer vorausberechnen, welcher Kunde welches Produkt benötigen könnte.

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Amazon steht für seine Methoden immer wieder in der Kritik, insbesondere Gewerkschaften bemängeln den Umgang mit Arbeitern und deren Bezahlung. Aus den USA ist ein Fall bekannt, bei dem Arbeiter wegen der Furcht des Managements vor Diebstahl bei einem Feueralarm nicht an ihre Autos gelassen wurden, sondern in der Kälte vor dem Warenlager ausharren mussten. Datenschützer befürchten, der Konzern spioniere das Einkaufsverhalten seiner Kunden aus.

Der Konzern wächst derweil weiter, weil Onlineshopping weiterhin immer beliebter wird. Allein in Deutschland nutzen mittlerweile über 40 Millionen Menschen das Netz für Einkäufe. Amazon ist in der westlichen Welt der führende Online-Anbieter für Konsumgüter aller Art.

Andererseits hat das Konzept des Prangers zur Abschreckung in Amerika längst nicht so ausgedient wie in weiten Teilen Europas. Im Mittelpunkt von Strafe steht jenseits des Atlantiks, auch im Strafvollzug, eher das Prinzip des Bestrafens als das der Rehabilitation. So gibt es zum Beispiel in verschiedenen Bundesstaaten Online-Pranger für Sexualstraftäter, die jeder einsehen kann.

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