Europäische Ratingagentur vor dem Scheitern Banken bewerten besser

An Geldmangel könnte der Aufbau einer europäische Ratingagentur scheitern - wieder einmal. Es gibt weiter kein Gegengewicht zum amerikanischen Oligopol von Moody's & Co. Doch es bräuchte gar keine neue Agentur, würden Banken ihre Kunden einfach wieder selbst beurteilen.

Ein Kommentar von Simone Boehringer

Die Tendenz in unserer komplexen Welt geht dahin, Dinge zu delegieren. Dafür gibt es Gründe: eine Meinung von Spezialisten einzuholen, Kosten einzusparen und Verantwortung auszulagern. Das ist so, wenn eine Firma zur Lösung eines Problems einen Unternehmensberater beauftragt. Es gilt auch, wenn ein Investor oder ein Kreditgeber sich auf eine externe Note eines Schuldners verlässt.

Wenn Delegieren zu mehr qualifizierter Meinungsvielfalt führt und dann auch zu einem profunden Beschluss, ist die externe Bewertung ein Gewinn für alle Beteiligten. Führt das Auslagern in erster Linie zu einer Abgabe von Verantwortung ("Beratung X verlangt den Umbau, Ratingagentur Y die Sparmaßnahme"), ist das Resultat mit Vorsicht zu genießen; zumal wenn es sich um eine externe Einzelmeinung handelt und es an guten Konkurrenz-Einschätzungen fehlt.

Die Finanzindustrie lernte einseitige externe Beurteilungen schmerzlich kennen, als ihr im Zuge der US-Immobilienkrise reihenweise Kredite und kredithinterlegte Wertpapiere wegbrachen. Diese Papiere hatten von den großen Rating-agenturen Standard & Poor's und Moody's lange Bestnoten erhalten. Eine Fehleinschätzung, die die Institute und andere Gläubiger mit Milliardenverlusten bezahlten - und die das Finanzsystem 2008 zum ersten Mal ins Schleudern brachte.

Mittlerweile wankt die Finanzordnung öfter, aber die Ratingagenturen haben an Macht kaum eingebüßt. Im Gegenteil: Je größer das Risiko, desto stärker wird auf die angelsächsischen Notengeber geschaut. Diverse Versuche aus der Politik, am Image der Rating-Mächtigen weiter zu kratzen, verhallten spätestens bei der nächsten Herabstufung eines großen Schuldners.

Alle Bestrebungen, dem Rating-Oligopol, zu dem noch die kleinere Agentur Fitch gehört, eine starke europäische Institution entgegenzusetzen, scheiterten - meist an der fehlenden Unabhängigkeit der Initiatoren oder am Geld. Auch für das jüngste, von der Unternehmensberatung Roland Berger ausgearbeitete Konzept könnte schon bald das Aus drohen, weil es nicht genügend Investoren gibt.

Etwa 300 Millionen Euro müssten Banken und Industrie dafür ausgeben, dass die Kreditwürdigkeit großer Schuldner neben S&P oder Moody's künftig auch von einer European Rating Agency (ERA) festgestellt wird. Das ist wenig Geld, wenn dafür die Beurteilungsqualität steigt und die Fehlerquote der Rating-Branche geringer würde. Es ist aber viel Geld, wenn damit zu der Abhängigkeit vom Urteil zweier oder dreier Agenturen bloß eine weitere Abhängigkeit hinzukommt, die Verantwortung also nur auf eine weitere Station verlagert wird. Denn eines kommt bei der ganzen Debatte um die Verantwortung der Branche in der Finanzkrise zu kurz: die Frage, ob es in der größten Schuldenkrise der Neuzeit noch zeitgemäß ist, eines der wichtigsten Urteile über Wirtschaftssubjekte überhaupt, die der Zahlungsfähigkeit, auszulagern.

Bis in die 90er Jahre hinein haben die meisten Finanzinstitute ihre Kreditnehmer vor allem selbst bewertet. Erst mit der Deregulierung der Kapitalmärkte vor der Jahrtausendwende, als Finanzprodukte immer komplizierter und weiter entfernt von der Realwirtschaft funktionierten, wurden die Ratings zunehmend an Agenturen delegiert. Anstatt Investments zu meiden, die eigene Analysten nicht verstanden, schob die Finanzwirtschaft das komplexe Geschäft ab - wie wir heute wissen mit verheerenden Folgen für die Stabilität des Systems.

Inzwischen haben viele Banken, die es sich leisten können, die Beurteilung von Schuldnern und Finanzprodukten wieder stärker in die eigene Hand genommen. Statt sich auf externe Ratings zu verlassen, trauen sie sich ihre einstige Kernkompetenz selbst zu. Das geschieht oft nicht ganz freiwillig, aber es ist der richtige Ansatz, um wieder Vertrauen zu schaffen in die eigene Institution und damit in das Finanzsystem insgesamt. Wenn viele Geldinstitute diesen Weg gehen, sinkt die Bedeutung von Einzelurteilen und auch von externen Bewertungen. Umgekehrt schockiert ein Fehlurteil dann nicht gleich den ganzen Markt.

Kommt das Geld für die neue Agentur ERA nicht zusammen, ist das nicht unbedingt ein Zeichen des Scheiterns, sondern auch eines der Rückbesinnung auf Kernkompetenzen. Wer Kunden und Geschäftspartner besser kennt, trifft meist weniger Fehlentscheidungen.