Ohne Meisterprüfung Vorsicht, Pfuscher am Handwerk!

Ein Fliesenleger bei der Arbeit (Archivbild).

(Foto: dpa)
  • In vielen Handwerksberufen ist kein Meisterbrief mehr nötig, um sich selbstständig zu machen.
  • Die Zahl der zulassungsfreien Handwerksbetriebe hat sich in den vergangenen Jahren fast verdreifacht.
  • Dahinter verbergen sich allerdings oftmals scheinselbstständige Ein-Mann-Betriebe - die nicht selten Pfusch hinterlassen.
  • Für die Auftraggeber kann das teuer werden.
Von Elisabeth Dostert und Thomas Öchsner

Christoph Fritsch ist Fliesenleger aus Leidenschaft. Vor mehr als fünf Jahrzehnten hat er das richtig gelernt. Der Meisterbrief hängt in einem goldfarbenen Rahmen in dem Betrieb, den er 1963 in Bodenwöhr in der Oberpfalz gegründet hat. Der 76-Jährige gehört zur aussterbenden Art der Fliesenleger mit Meistertitel. Seit dem Wegfall der Meisterpflicht 2004 kann sich jeder in diesem Handwerk selbständig machen. Nicht einmal ein Gesellenbrief ist nötig - nicht nur bei den Fliesenlegern, auch bei Goldschmieden, Raumausstattern, Geigenbauern, Buchbindern, Druckern und vielen anderen Berufen ist der Zugang frei. Von 130 Gewerken sind nur noch 41 zulassungspflichtig.

Gut zehn Jahre nach der Novelle der Handwerksordnung sind die Folgen deutlich zu spüren: Weil jeder darf, der will, wächst die Zahl der zulassungsfreien Handwerksbetriebe Jahr für Jahr. Seit 2003 hat sie sich nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) bis Ende 2014 bundesweit auf knapp 232 000 fast verdreifacht. Das liegt nicht zuletzt an einer wundersamen Zunahme: Waren 2004 noch etwa 12 000 Fliesenlegerbetriebe in der von den Kammern geführten Handwerksrolle eingetragen, sind es inzwischen mehr als 71 000. Die aber legen nicht alle Fliesen, und die, die es tun, hinterlassen nicht selten Pfusch.

"Einfallstor für Illegalität am Bau"

Hinter den Abertausenden Fliesenlegern verbergen sich häufig Ein-Mann-Betriebe. Nicht ganz ein Drittel der Gründer kommt aus den mittelosteuropäischen Staaten. All diese Selbständigen, bei denen es sich oft um Scheinselbständige handelte, bildeten "das Einfallstor für Illegalität am Bau", sagt Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes. Offiziell angemeldet als Fliesenleger, träten sie häufig "als Kolonnen auf Baustellen auf und verrichten eine Vielzahl von Tätigkeiten anderer Gewerke". Dabei unterliegen sie weder dem Mindestlohn, noch müssen sie Beiträge an die Soka-Bau, die Zusatzsozialkasse in der Bauwirtschaft zahlen.

Der Handwerksverband spricht deshalb von Kleinstunternehmen, "die im Wettbewerb nur durch Preisdumping bestehen können", der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) von einer "irregulären Konkurrenz für die regulär beschäftigten Arbeitnehmer". Die Schäden, sagt Präsident Loewenstein, führten "weit über das eigentliche Fliesenhandwerk hinaus".

Meister Fritsch, der auch als Sachverständiger arbeitet, kennt das Problem. Er muss die Schäden für frustrierte Hausbesitzer und Gerichte begutachten. Was er sieht, ist oft das Werk von Dilettanten.

Vor einigen Wochen rief ihn zum Beispiel ein Geschäftsmann an, der einen Betrieb beauftragt hatte, 40 Quadratmeter Platten im neuen Büro zu verlegen. "Die Platten hafteten jedoch nur zum Teil am Klebemörtel. "Es nützt nichts, nur zwei Klebemörtelbatzen aufzutragen und die Platten einzudrücken", sagt Fritsch und fügt hinzu: "Die Arbeiter hatten keine Ahnung, wie viel Mörtel man auftragen muss und mit welcher Zahnspachtelstärke aufgekämmt werden soll, damit die Platten fest sitzen." Für Fritsch ein klarer Fall - da war kein gelernter Fliesenleger am Werk. Der Schaden: noch einigermaßen überschaubar, ein paar Tausend Euro. Alles muss raus und ganz neu verlegt werden.

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Die Auftraggeber sind an der Misere nicht unschuldig

In vielen Fällen wird es für die Auftraggeber teurer. Eine Umfrage unter Sachverständigen des Fliesen-, Platten-, Mosaikleger- und Estrichhandwerks ergab, dass die Schäden durch Verleger ohne ausgewiesene Qualifikation durchschnittlich etwa 9000 Euro betragen. Natürlich kann auch bei denen ohne Meisterbrief vieles reibungslos klappen. Und auch Meister und Gesellen machten mal Fehler, sagt Fritsch, "aber nicht so krass. Das ist dann kein Totalschaden." Bei denen ohne Ausbildung sei der Pfusch am größten. Diese hätten "keine Ahnung von Normen, Verlegetechniken und Material". Werden sie, meist Einzelkämpfer oder zu zweit oder zu dritt, zum Ortstermin eingeladen, kämen sie erst gar nicht. "Die melden dann Insolvenz an und am nächsten Tag meldet der Kumpel oder die Ehefrau einen neuen Betrieb an. Der Dumme ist der Bauherr." Für Fritsch seien diese an der Misere allerdings nicht unschuldig. "Für viele zählt nur der Preis. Die fragen nicht nach, ob der Anbieter einen Meisterbrief hat."

Die Preisunterschiede sind erheblich. Ein Fachbetrieb nehme für das Verlegen von Fliesen etwa 50 Euro pro Stunde, sagt Holger Seit vom Landesverband Bayerischer Bauinnungen. Ein wesentlicher Teil davon entfällt auf Löhne und Pflichtbeiträge für die Sozialkassen. Er rechnet vor: Ein Fachbetrieb zahlt einem Fliesenleger-Gesellen laut Tarif zwischen 16,54 und 18,75 Euro. Hinzukommen vom Lohn abhängige Sozialabgaben von etwa 14,40 Euro, plus andere Ausgaben wie etwa für Baumaschinen oder Fahrzeuge. Und ein Gewinn solle ja auch noch übrig bleiben.

"Einzelkämpfer erledigen die Arbeit schon für die Hälfte", sagt Seit. Viele Fliesenleger seien als Selbständige nicht pflichtversichert und freiwillig sorgten viele erst Recht nicht vor. "Da geht es dann noch billiger bis hin zur Selbstausbeutung."

Immer weniger Fliesenleger-Meister

Seit Jahren sinkt die Zahl der Fliesenleger-Fachbetriebe, die sich noch freiwillig in einer Innung organisieren. Gleichzeitig lassen sich immer weniger zum Meister ausbilden. 2014 waren es gerade einmal noch gut hundert. "Große Betriebe gibt es fast kaum mehr, die lassen sich nicht wirtschaftlich betreiben", sagt Seit. Die Suche auf Internet-Portalen wie My Hammer liefert etwa im Umkreis von 20 Kilometern um München 130 Einträge. Darunter sind viele Einzelkämpfer, die nicht nur Fliesen verlegen, sondern "alles rund ums Haus". Reden will keiner von ihnen.

Doch es gibt Ausnahmen: Menschen, die die Meisterprüfung ablegen wie Sergey Nay. Der 32-Jährige kam als Spätaussiedler 2007 nach Berlin. In Russland hatte er Imker gelernt. Als die Firma pleitegegangen war, arbeitete er als Lkw-Fahrer. Später zog er mit seiner Frau und den Kindern nach Berlin, wo ein Großteil seiner Familie schon lebte. "Ich wollte nicht Monate lang weg von Zuhause auf Montage sein, wie viele meiner alten Kollegen", sagt er.

Im Mai hat Nay seinen Meister als Fliesenleger gemacht. Er denkt daran, sich selbständig zu machen, obwohl er weiß, dass die Konkurrenz groß ist und viele ohne Ausbildung unterwegs sind. "Wenn die Leute meinen Akzent hören, denken sie doch gleich, dass ich einer von denen bin", sagt er. Nay hat aber seinen Meisterbrief , den er als Beleg dafür, dass er wirklich etwas von seinem Handwerk versteht, stets vorzeigen kann.

Alt-Meister Fritsch würde sich jedenfalls freuen, wenn es mehr mutige Neuanfänger wie Meister Nay gäbe.