Ölunfall vor Brasilien Erinnerungen an die Deepwater-Katastrophe

Wieder verursacht eine Tiefseebohrung einen riesigen Ölteppich. Er ist so groß wie 16.000 Fußballfelder und treibt vor Rio de Janeiro. Es scheint, als hätten die Verantwortlichen aus der Verseuchung des Golfes von Mexiko nichts gelernt.

Von Peter Burghardt

Wieder schimmert Meerwasser giftig metallisch, diesmal im südlichen Atlantik. Vor der Küste nördlich von Rio de Janeiro schwimmen Hunderttausende Liter Öl, sie flossen aus einem undichten Bohrloch in mehr als 2000 Metern Tiefe. Am 9. November entdeckte der US-Betreiber Chevron und sein brasilianischer Teilhaber Petrobras das Leck in der Tiefe, danach wuchs der Ölteppich in der Bacia de Campos (Campos-Becken) auf 163 Quadratkilometer an. Das sind ungefähr 16.300 Fußballfelder Öl vor dem Land, das zu einer Erdölnation aufsteigt und 2014 die Fußball-WM ausrichtet. Das Umweltdesaster erinnert an die Katastrophe im vergangenen Jahr im Golf von Mexiko, als 800 Millionen Liter Öl die Ufer mehrerer US-Bundesstaaten verpesteten. Und für Brasilien ist dieses neue Drama nun auch ein Fanal.

Die betroffene Bohrinsel nutzt eine ähnliche Technik wie 2010 die havarierte Anlage von British Petroleum (BP) vor den USA. Chevron hatte das Risiko offenbar falsch berechnet. "Der Druck der Ölquelle wurde unterschätzt", berichtete George Buck, der die brasilianische Vertretung des Konzerns leitet. Beim Versuch, den Riss am Meeresgrund abzudichten, verwendete die Firma ein Material, das nicht schwer genug ist. Chevron behauptet zwar, es seien nur 880 Barrel ausgetreten. Laut Brasiliens Energieministerium jedoch sind es mindestens 220 Barrel täglich, Greenpeace rechnet sogar mit 3700 Barrel pro Tag. Der Grünen-Abgeordnete Sarney Filho wirft Chevron vor, den Unfall zu verharmlosen. "Das Leck ist größer, als Chevron behauptet." Die Folgen sind vor allem für Brasilien unangenehm, denn es geht um den wertvollsten Rohstoff der Republik.

Im Ozean vor Rio und São Paulo wurden gewaltige Ölfelder entdeckt, sie sollen den Boom von Lateinamerikas Riesenreich nähren. Das Campos-Becken ist eine dieser Schatzkammern, der Multimilliardär Eike Batista baut in dieser Gegend den größten Tankerhafen der Region. Noch viel mehr Öl lagert unter einer mächtigen Salzschicht, das halbstaatliche Unternehmen Petrobras und private Investoren wie Chevron wollen dafür so tief wie nie zuvor bohren. Das Verfahren ist teuer - und riskant. Ein Unfall könnte noch schlimmere Konsequenzen haben als die Tragödie von Deepwater Horizon im Golf von Mexiko.

Um die Gefahren scheinen sich die Ölsucher wieder nicht ausreichend gekümmert zu haben, das zeigt dieses Malheur am Campos-Becken. Chevron hat Schiffe geschickt, um die Ölpest zu bekämpfen, doch ein zuverlässiges Mittel scheint bislang nicht gefunden worden zu sein. In Lateinamerika haben die Nordamerikaner schon länger einen miserablen Ruf: Texaco verseuchte einst den Regenwald Ecuadors, Rechtsnachfolger Chevron soll deswegen acht Milliarden Dollar Schadenersatz bezahlen.

Experten fordern Notfallpläne für künftige Fälle dieser Art. "Wir brauchen Roboter, Sensoren und andere Apparate, damit Lecks präzise identifiziert werden können und eine schnelle Reaktion möglich ist", fordert der Spezialist Aristides Soffiati in der Zeitung O Estado de São Paulo. Umweltminister Carlos Minc überflog die Unglücksstelle und sorgt sich dort auch um Vögel und Wale. Sieben Monate vor der UN-Entwicklungskonferenz in Rio spürt Brasilien, dass der Ölrausch gefährlich sein kann. Das Debakel im Golf von Mexiko sei "eine Warnung gewesen", sagte ein Wissenschaftler dem Fernsehsender Globo. "Das ist jetzt die gelbe Karte. Ich möchte nicht die rote Karte sehen."