Ölpreis Saudi-Arabien nutzt seine Macht schamlos aus

Saudi-Arabien fährt seiner Ölproduktion immer weiter hoch - völlig ohne Rücksicht auf Verluste.

(Foto: dpa)

Der Golfstaat fördert so viel Öl wie nie, nur um den Preis zu drücken und Konkurrenten unter Druck zu bringen. Damit schadet das Land der ganzen Welt - und auch sich selbst.

Kommentar von Silvia Liebrich

Es gibt Notsituationen, die lassen sich nur mit drastischen Eingriffen lösen. So oder so ähnlich müssen wohl die Mitglieder der indischen Regierung gedacht haben, als sie in diesen Tagen Transportmaschinen ihrer Luftwaffe nach Saudi-Arabien schickten - nicht etwa, um schweres Kriegsgerät zu transportieren. Tatsächlich ging es um einen Kriseneinsatz der ganz anderen Art. Die Flugzeuge sollten indische Gastarbeiter nach Hause bringen, die dort seit Monaten ohne Lohn festsitzen und kaum genug zum Essen und Trinken haben - und das in einem der reichsten Länder der Erde.

Weil vielen Bau- und Ölfirmen durch den Verfall der Rohstoffpreise in den vergangenen Monaten die Einnahmen weggebrochen sind, sparen sie am Personal. Betroffen sind Zehntausende quasi rechtlose Gastarbeiter, von denen viele aus Indien kommen. Sie sind die bislang am wenigsten beachteten Opfer einer anhaltenden Ölkrise, die auch anderen Förderländern zunehmend zu schaffen macht. Eine Krise, für die es derzeit auch keine plausible ökonomische Erklärung gibt.

Obwohl weltweit schon länger mehr Öl gefördert als verbraucht wird, schraubt Saudi-Arabien seine Produktion sogar noch weiter nach oben. Gerade so, als wären die Vorräte unendlich und der Klimawandel eine Erfindung hyperaktiver Umweltaktivisten. Im Juli holte der Golfstaat vermutlich so viel Öl aus dem Wüstenboden wie nie zuvor. Das zeigt der jüngste Monatsbericht der Organisation erdölexportierender Länder (Opec). Ein Ende des Preisverfalls ist vor diesem Hintergrund nicht in Sicht. Dass sich die zerstrittenen Mitglieder des mächtigen Verbandes in absehbarer Zeit darauf einigen, die Menge zu drosseln, gilt als unwahrscheinlich. Doch genau das wäre notwendig, um den Ölpreis zu stabilisieren. Dieser ist seit Sommer 2014 von mehr als 100 Dollar je Fass auf nur noch etwa 40 Dollar eingebrochen - mit fatalen Folgen für alle Förderländer einschließlich Saudi-Arabien. Das mächtige Opec-Mitglied musste erstmals seit Jahrzehnten schmerzhafte Einschnitte im Staatshaushalt vornehmen. Doch anderen Ländern, etwa Venezuela, das vor dem Staatsbankrott steht, geht es noch viel schlechter.

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Angebot und Nachfrage sind längst nicht mehr ausschlaggebend

Hier zeigt sich einmal mehr, dass nicht nur Angebot und Nachfrage, sondern vor allem knallhartes politisches Machtkalkül den Ölpreis bestimmen. Saudi-Arabien, das über eines der größten Vorkommen der Welt verfügt, hat diesen Hebel der Macht fester im Griff denn je. Ziel ist es offenbar, lästige Konkurrenten und ungeliebte Nachbarn unter Druck zu setzen. Vorräte und Förderkosten sind dabei die entscheidenden Waffen.

Saudi-Arabiens aggressive Rohstoffpolitik richtet sich unter anderem gegen den Widersacher Iran, der nach dem Ende der Sanktionen wieder zum großen Player im Öl-Monopoly aufsteigen will, aber auch gegen die USA. Die amerikanische Fracking-Industrie leidet ebenfalls unter dem niedrigen Ölpreis, viele Bohrtürme sind stillgelegt, weil sich eine Produktion schlicht nicht lohnt und Förderfirmen unter chronischem Kapitalmangel leiden.

Saudi-Arabien schadet sich selbst und dem Rest der Welt gleich mit

Fest steht: Kein anderer Produzent kann derzeit so billig und so viel liefern wie Saudi-Arabien. Experten schätzen die Förderkosten von konventionellem Öl derzeit auf 15 Dollar je Fass. Zum Vergleich: Der Iran muss dafür gut doppelt so viel ausgeben, Russland beinahe das Vierfache. Fracking, also die Gewinnung von Öl aus Gesteinsschichten, ist noch teurer und liegt bei 50 bis 70 Dollar.

Mit dem gnadenlosen Preiskampf schaden Saudi-Arabien und die anderen Ölländer nicht nur sich selbst, sondern auch dem Rest der Welt. Zwar freuen sich auch Autofahrer in Deutschland darüber, wenn Diesel in der Ferienzeit weniger als einen Euro je Liter kostet und Benzin so günstig zu haben ist wie lange nicht. Trotzdem geht von niedrigen Preisen ein völlig falsches Signal aus, das wichtige Reformen wie den Ausbau umweltfreundlicher Energiesysteme hinauszögert.

Das Ende des Erdölzeitalters lässt sich nicht wegdiskutieren. Der bedrohliche Anstieg des Meeresspiegels und der Durchschnittstemperatur auf der Erde lässt sich nur stoppen, wenn ein großer Teil der fossilen Brennstoffe im Boden bleibt. Ein niedriger Ölpreis ist dafür ein schlechter Anreiz. Dieser Nachteil ließe sich aber durchaus in einen Vorteil ummünzen. Etwa, indem der Staat jetzt den niedrigen Preis nutzt, um zusätzliche Gewinne in Form von höheren Umweltsteuern abzuschöpfen, die er dann in CO₂-neutrale Energiesysteme investiert. Dazu gehört beispielsweise der rasche Aufbau einer massentauglichen Infrastruktur für Elektroautos. Denn mehr Unabhängigkeit vom Öl ist auch das beste Mittel gegen übermächtige Lieferanten.

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