Ölmarkt Auf dem Höhepunkt

Die gängige Meinung besagt: Die Weltbevölkerung wächst und mit ihr die globale Mittelklasse, der Ölbedarf steigt immer weiter. Doch vieles deutet darauf hin, dass die Nachfrage bald ihren Höhepunkt erreicht.

Von Jan Willmroth

Lange bevor er Chef der weltweit größten Ölhandelsfirma wurde, sagte Ian Taylor bereits die Ölpreise vorher. Sie würden sich binnen 30 Jahren verfünffachen, befand sein Analystenteam bei Royal Dutch Shell im Jahr 1985, auf 125 Dollar pro Barrel. Die Reserven würden absehbar sinken, das war vor drei Jahrzehnten und noch lange danach Konsens, Öl würde knapp und damit teuer. Es wurde auch teuer, viel früher als Taylor damals prognostizierte, aber es wurde eben nicht knapp.

Der heftigste Preisverfall, den die Ölindustrie seit den 1980er-Jahren erlebt hat, ist nun gute zwei Jahre her. Und er hält an. Noch immer ist ein Barrel des Rohstoffs (rund 159 Liter) mit knapp über 50 Dollar nur halb so teuer wie im Frühsommer 2014. Glaubt man den Prognosen wichtiger Marktbeobachter wie der Internationalen Energieagentur, wird das bis auf Weiteres so bleiben. Weil die Nachfrage nicht so schnell steigt wie anfangs vermutet und weil das Angebot noch immer wächst.

Willkommen in der neuen Öl-Welt: Es gibt nicht zu wenig von dem Rohstoff, sondern mittelfristig zu viel. Vor dem Hintergrund des von Menschen verursachten Klimawandels sogar viel zu viel.

Nur wenige Leute können das so gut einschätzen wie Taylor. Er ist Herr über Vitol, den reichsten unabhängigen Ölhändler der Welt, 270 Milliarden Dollar Jahresumsatz. Die Händler bewegen fünf Millionen Barrel Öl am Tag. Genug, um den Bedarf von Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen zu decken. An die Theorie vom "Peak Oil" glaubt Taylor schon länger nicht mehr, und damit ist er nicht allein. Sie beschreibt den Zeitpunkt, da die Ölförderung ihr absolutes Maximum erreicht und die verfügbaren Quellen der Welt immer weniger hergeben. "Ich bekomme langsam das Gefühl, dass wir bis 2030 einen 'Peak Demand' erleben werden", sagte er im vergangenen Jahr. "Ich glaube, wir könnten nie wieder Ölpreise von 100 Dollar sehen."

Das ist das umgekehrte Narrativ: Nicht das Angebot, sondern die Nachfrage nach dem Rohstoff könnte langfristig einen Gipfel erreichen. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob die aufstrebenden Volkswirtschaften in den kommenden Jahrzehnten wirklich so viel Erdöl benötigen werden wie bislang angenommen.

"Man geht nicht mehr bedingungslos davon aus, dass der Bedarf immer weiter steigt."

Der Weltenergierat (World Energy Council, kurz WEC) hat diese Diskussion kürzlich mit einem neuen Bericht unter dem Titel "Der große Wandel" genährt. Die Organisation ist ein Zusammenschluss von Energieunternehmen, Verbänden, Staaten und Wissenschaftlern, eine internationale Dialogplattform für Energiefragen. In dem aktuellen Report stellt der Rat in drei Szenarien dar, wie sich die weltweite Energienachfrage in den Jahrzehnten bis 2060 entwickeln wird. Demnach könnte der Ölverbrauch schon 2030 seinen Höhepunkt erreichen (siehe Grafik) und bis 2060 um mehr als ein Fünftel sinken.

Dazu, schreibt der WEC, wären schnelle technische Fortschritte nötig, bei Elektroantrieben, Energieeffizienz, erneuerbaren Energien und digitalen Technologien. Solche Annahmen sind inzwischen alles andere als abwegig. Obendrein könnte nicht nur die Ölnachfrage in den kommenden Jahrzehnten ihren Höhepunkt erreichen, sondern auch der gesamte Bedarf an Primärenergie - das ist schon gewagter. "Die Diskussion hat sich gewandelt", sagt Hans-Wilhelm Schiffer, Leiter des Bereichs Energieressourcen beim WEC, "man geht nicht mehr bedingungslos davon aus, dass der Bedarf an Erdöl immer weiter steigt."

Bislang war das die gängige Meinung, und fast sämtliche Prognosen internationaler Öl- und Gaskonzerne und Rohstoff-Staaten basierten auf dieser Annahme: Die Weltbevölkerung wächst rasant, mit ihr die globale Mittelschicht und der Energiebedarf, der weitegehend von fossilen Brennstoffen gedeckt wird. Im Jahr 2015 lebten doppelt so viele Menschen auf der Erde wie noch 1970, der Energieverbrauch stieg in diesem Zeitraum um 168 Prozent. Zwar flachte das Wachstum mit der Zeit ab, doch jetzt wie auch in Zukunft gilt: Eine wachsende Weltwirtschaft sorgt für einen enorm steigenden Energiebedarf.

Nur steht zunehmend infrage, welche Rolle das Öl dabei noch spielt. "Die Nachfrage nach allen fossilen Brennstoffen wächst weiterhin, aber die nach Erdöl ist in den vergangenen Jahrzehnten am langsamsten gewachsen", sagt Marc-Oliver Bettzüge, Professor für Energiewirtschaft an der Universität zu Köln. In der Folge hat der Anteil von Erdöl am weltweiten Energiemix kontinuierlich abgenommen. "Ich sehe wenig Anlass zu der Annahme, dass sich an diesem Trend etwas ändern wird", sagt er. Es wird immer wahrscheinlicher, dass Erdöl innerhalb der nächsten 20 Jahre als wichtigster Energieträger abgelöst wird.

Nordamerika, Europa und Japan haben die Höhepunkte bei der Nachfrage bereits hinter sich

Dabei macht es die zyklische Natur des Ölmarkts schwierig bis unmöglich, einen genauen Zeitpunkt dafür vorherzusehen. Der Ölmarkt bewegte sich schon immer in Zyklen, so wie momentan, Phasen schneller und weniger schnell steigender Nachfrage wechselten sich ab. Das lag weit überwiegend an Schwankungen des weltweiten Wirtschaftswachstums; je höher es war, desto schneller stieg auch der Ölbedarf, Rezessionen wie nach der Finanzkrise ließen die Nachfrage wieder abflachen.

Nun aber verschieben sich die Gewichte fundamental. Nordamerika, Europa und Japan haben den Peak der Ölnachfrage bereits hinter sich. Seit den Ölkrisen der 1970er-Jahre wurde das Öl in diesen Weltregionen sukzessive ersetzt, zuerst in der Stromerzeugung, später im Wärmemarkt. Nur im Transportsektor konnte das Erdöl seine dominante Stellung weitgehend verteidigen. Fast zwei Drittel des heute verbrauchten Öls entfallen auf Autos, Flugzeuge und Schiffe. Die wichtigste Frage ist deshalb, wie sich der Transportsektor weiterentwickelt: Elektrofahrzeuge werden schon bald keine Ausnahme mehr sein, Verbrennungsmotoren dürften noch effizienter werden, Erdgas steht als CO₂-arme Alternative auch für Motoren bereit. Zugleich wird der Transportbedarf in einer wachsenden Weltwirtschaft weiter enorm steigen. Diese Effekte wirken gegenläufig, und noch ist nicht sicher, welcher stärker sein wird.

Neben der technischen Entwicklung könnte eine ambitioniertere Klimaschutzpolitik den Bedeutungsverlust des Erdöls noch beschleunigen. Um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müsste ein Großteil der heute bekannten fossilen Brennstoffe im Boden verbleiben, das betrifft etwa ein Drittel der heute bekannten und förderbaren Ölreserven. Das ist zwar noch hypothetisch - aber nachdem Staaten wie China und die USA kürzlich das Pariser Klima-Abkommen unterzeichnet haben, ist eine Abkehr von fossilen Brennstoffen wieder wahrscheinlicher geworden.

Die globale Energielandschaft prägen viele Elemente, ihre Wechselwirkungen sind komplex und nicht selten verwirrend. Fundamentale Veränderungen in den Energiemärkten passieren nicht binnen weniger Jahre. Szenarien wie die des WEC zeigen im Konjunktiv auf, wie die Welt künftig aussehen könnte, sollen aber die Zukunft nicht präzise vorhersagen. Das ist in einer Welt, in der die Energienachfrage globalisiert wird - und mit ihr die Innovationen und technisches Wissen - auch unmöglich. Es dauerte seinerzeit mehr als hundert Jahre, bis Erdöl die Kohle als Energieträger Nummer eins ablöste. Wie lange wird das Öl noch an der Spitze stehen?