Ölkatastrophe in Nigeria Shells Schande

Oil spills, Lecks in Pipelines, verseuchen ganze Landstriche im Nigerdelta.

(Foto: Akintunde Akinleye/Reuters)
  • Nach einem dreijährigem Rechtsstreit hat sich Shell in einem außergerichtlichen Vergleich bereiterklärt, den Einwohnern der nigerianischen Gemeinde Bodo umgerechnet 70 Millionen Euro Schadenersatz zu zahlen.
  • Bei einem der größten oil spills in der Geschichte des Landes liefen im Jahr 2008 Millionen Liter Rohöl in einen Arm des Niger.
  • Das Öl verseuchte Tausende Hektar Mangrovenwälder und zerstörte die Lebensgrundlage von mehr als 15 000 Menschen.
  • Die nächsten Katastrophen sind programmiert, denn durch die Region verlaufen unzählige marode Pipelines.
Kommentar von Tobias Zick

Die Milliarden fließen woanders hin, die Nebenwirkungen bleiben

Zerstörte Fischgründe, Öldunst, der krank macht, verseuchtes Trinkwasser - keiner soll sagen, die Menschen im Nigerdelta bekämen vom Rohstoffreichtum ihrer Heimat nichts ab. Nur sind es seit eh und je fast ausschließlich die verheerenden Nebenwirkungen der Ölförderung, die sie zu spüren bekommen - die Milliarden, die mit dem Export des Öls verdient werden, fließen woanders hin.

Das Mündungsdelta des Niger im Süden von Nigeria ist eine der ölreichsten Regionen Afrikas und zugleich einer der Schandflecken der globalisierten Wirtschaftswelt. Wer mit dem Boot durch die endlosen Verästelungen des Flusses und die Mangrovenwälder fährt, der sieht vor allem Elend und Ruin. Das Geld, das die internationalen Konzerne fürs die Ölförderung bezahlen, teilt eine bis ins Mark korrupte Elite in den fernen Großstädten Abuja und Lagos unter sich auf. Die Menschen, unter deren Füßen der Reichtum weggepumpt wird, haben oft nicht einmal Strom oder fließendes Wasser.

Obendrein verseuchen immer wieder die gefürchten oil spills, Lecks in Ölpipelines, ganze Landstriche. Die Ursachen dafür sind oft schwer zu ermitteln, auch weil die nigerianischen Sicherheitskräfte unabhängige Untersuchungen behindern. Ein großer Teil der Lecks geht zweifellos auf das Konto von Banden, die - gut organisiert und bis in hohe politische Kreise vernetzt - ihren Teil des sprudelnden Reichtums abzweigen. Doch in vielen Fällen sind es die Ölfirmen, die sich die Gesetzlosigkeit in dem westafrikanischen Land zunutze machen und rostende Rohre so lange betreiben, bis diese bersten. Der schlechte Zustand vieler Förderanlagen ist an sich schon ein Symbol dafür, wie gering deren Betreiber das Leben der Menschen im Nigerdelta schätzen.

Ein Teilerfolg nach sechs Jahren in verseuchter Umgebung

So war es auch in der Gemeinde Bodo, deren Einwohner überwiegend vom Fischfang lebten - bis im Jahr 2008 bei einem der größten oil spills in der nigerianischen Geschichte Zehntausende Fass Öl in einen Arm des Niger liefen. Eine Pipeline war im Abstand einiger Wochen an zwei Stellen geborsten, das Öl verseuchte Tausende Hektar Mangrovenwälder und zerstörte die Lebensgrundlage von mehr als 15 000 Menschen. Der Betreiberkonzern der Pipeline, die Firma Shell, bemühte sich zunächst nach Kräften, das Ausmaß der Katastrophe ebenso zu leugnen wie die Tatsache, dass im Konzern der marode Zustand der Leitung seit Jahren bekannt war.

Warum es viel zu viel Öl gibt

Der Ölpreis fällt, derzeit sogar unter die Marke von 50 Dollar. Zeit, mit einem Märchen aufzuräumen: Es gibt nicht zu wenig, sondern zu viel von dem Rohstoff. Das heute verfügbare Öl könnte locker reichen, um der Welt eine Klimakatastrophe zu bescheren. Kommentar von Jan Willmroth mehr ... Kommentar

Jetzt erfahren die Menschen von Bodo ein bisschen Genugtuung: Nach dreijährigem Rechtsstreit in London hat sich Shell in einem außergerichtlichen Vergleich bereit erklärt, den Einwohnern der Gemeinde umgerechnet rund 70 Millionen Euro Schadenersatz zu zahlen. Nach den Maßstäben der globalen Ölwirtschaft ist das eine geradezu läppische Summe. Für die geschädigten Fischer dagegen - sie bekommen jeweils einen Anteil von etwa 2700 Euro direkt ausbezahlt - ist das ein ansehnlicher Betrag. Schließlich leben zwei Drittel der Menschen in der Region unterhalb der Armutsgrenze, der gesetzliche Mindestlohn liegt in Nigeria bei rund 80 Euro im Monat. Dem Vernehmen nach haben die Menschen in Bodo die Nachricht aus London mit Freude aufgenommen.

Doch über diesen Teilerfolg hinaus gibt es wenig Grund zum Feiern: Die Ursachen für das Elend bleiben bestehen, die nächsten Katastrophen sind programmiert; schließlich verlaufen durch die Region noch unzählige weitere Pipelines, die ähnlich schrottreif sind. Und auch an einem anderen skandalösen Grundzustand ändert der Vergleich nichts: daran, dass die Menschen in einer der rohstoffreichsten Regionen der Welt so arm sind, dass sie einen Betrag von 2700 Euro, nach sechs Jahren Darbens in verseuchter Umgebung, als Grund zur Freude empfinden.