Ökostromprojekt Desertec Eon will raus aus der Wüste

Strom aus der Wüste (hier eine Solaranlage in Marokko): Das ist die kühne Vision des Desertec-Projekts.

(Foto: Reuters)

Kühne Vision: Sonnen- und Windkraftwerke in Afrika sollen Menschen mit sauberem Strom versorgen. Nun steigen deutsche Konzerne aus dem Desertec-Projekt aus - und stürzen die Planungsgesellschaft Dii in große Schwierigkeiten

Von Markus Balser, Berlin

In Zeiten der Zweifel braucht es Motivation, schien das Kalkül der Desertec-Planungsgesellschaft Dii auf ihrer jüngsten Konferenz: Fliegerjacke, Jeans, feste Stimme - "wer große Visionen verfolgt, lebt mit der Gefahr des Scheiterns", sagte Auftaktredner Bertrand Piccard Ende 2013 in Marokkos Hauptstadt Rabat. Manager, Politiker und Forscher aus Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika hatte die Dii versammelt, um der Wüstenstromvision zum Durchbruch zu verhelfen. Der Schweizer Abenteurer verkörpert Durchhaltewillen. Trotz heftiger Rückschläge schaffte er seine Ballonfahrt um die Erde. Sein neues Ziel: Die Umrundung im Solarflugzeug.

Aufbruch, harte Landung, neuer Versuch - darauf hofft auch die Dii. 2009 mit großen Hoffnungen als internationale Initiative führender Konzerne gestartet, drohte die Wüstenstromvision zu versanden: Interner Machtkampf, der Ausstieg einst führender Mitglieder wie Bosch und Siemens und ein Boom grünen Stroms in Europa, der den Import von Wüstenstrom aus Afrika derzeit erschwert. Es sprach zuletzt manches gegen das Zukunftsprojekt.

Dabei gilt 2014 als Schlüsseljahr. Ende des Jahres laufen die Verträge mit den 20 Gesellschaftern - Großkonzerne aus der Energie-, Technologie- oder Finanzbranche - aus. Damit stellt sich die Frage: Hat die Vision eine Zukunft? Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung muss die Initiative ausgerechnet jetzt neue Rückschläge verdauen: Mehrere Gründungsmitglieder ziehen sich aus dem Projekt zurück - darunter Deutschlands größter Energiekonzern.

"Eon wird den Ende 2014 auslaufenden Kooperationsvertrag mit der Dii nicht verlängern", bestätigt ein Konzernsprecher. Seit 2009 habe Eon die Gesellschaft personell und finanziell intensiv unterstützt. Nun werde man sich auf eigene Vorhaben konzentrieren und dabei auch die Märkte im Bereich Erneuerbarer Energien in Afrika und im Mittleren Osten mit Interesse verfolgen. Auch die HSH Nordbank hat nach Angaben aus Branchenkreisen ihre Beteiligung gekündigt. Unicredit will sich zur eigenen Zukunft in der Dii noch nicht äußern. Weitere Unternehmen prüfen nach SZ-Informationen, ob sie sich künftig noch beteiligen.

Intensive interne Debatten über die künftige Strategie

In der Dii gebe es derzeit intensive interne Debatten über die künftige Strategie, heißt es aus Kreisen der Gesellschaft weiter - zuletzt vergangene Woche auf einer Gesellschafterversammlung in Dubai. Während mehrere Konzerne die Dii künftig auch selbst an der Realisierung von Wüstenstromprojekten beteiligen wollen, fordern andere die Ausrichtung als reines Beratungsunternehmen.

Ein "Aus" der Initiative gilt als unwahrscheinlich. Mehrere Großkonzerne halten an der Planungsgesellschaft fest. Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE und der Rückversicherer Munich Re kündigen an, das Projekt weiter zu unterstützen. "Wir glauben an die Vision", sagt ein RWE-Sprecher. Auch die Deutsche Bank wolle sich weiter in der Initiative engagieren, verlautet aus Konzernkreisen. Noch sei aber nicht entschieden, in welcher Form.

Die Gesellschaft droht indes, bei neuen Austritten erheblich an Schlagkraft zu verlieren. Es sei möglich, dass die Dii mit weniger Geld auskommen müsse, heißt es. Klar ist auch: Die deutsche Wirtschaft gibt Einfluss in der Initiative auf. Während hiesige Unternehmen aussteigen, wächst das Interesse in Asien und dem arabischen Raum. Mit Chinas Energiekonzern State Grid - einem der größten der Welt - stieg erst vor wenigen Wochen ein Schwergewicht der Energiebranche aus Fernost ein.

"Veränderungen im Dii-Firmennetzwerk hat es immer gegeben"

Die Dii wollte die Angaben zu neuen Austritten nicht kommentieren. "Veränderungen im Dii-Firmennetzwerk hat es immer gegeben und das wird auch so bleiben", sagte Dii-Chef Paul van Son. Die Gesellschafter hätten sich entschieden, die befristete Dii zu einer permanenten Organisation weiterzuentwickeln. "Daran arbeiten wir gerade intensiv." Der Prozess sei "mitten im Gange und längst noch nicht abgeschlossen".

Die deutsche Politik sei nach wie vor ein wichtiger Unterstützer der Dii-Arbeit, sagte van Son weiter. Durch die Ukraine-Krise denke Europa wieder stärker über die Versorgungssicherheit nach. "Dabei kommen erneuerbare Energien und die Zusammenarbeit mit Nordafrika und dem Nahen Osten stärker ins Spiel."

Desertec galt bei der Gründung als eines der ehrgeizigsten Erneuerbare-Energien-Projekte überhaupt. Bis 2050 sollen in Nordafrika und dem Nahen Osten Hunderte Ökokraftwerke gebaut werden, die zusammen den Strombedarf der Region zu großen Teilen decken könnten - und dazu noch rund 15 Prozent des europäischen Verbrauchs.

Der rasche Export des Stroms gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Dagegen wächst das Interesse in Nordafrika und dem Nahen Osten an Solarkraftwerken für den eigenen Bedarf. In Nordafrika appellierte Abenteurer Piccard wohl auch deshalb schon mal an die Geduld der Desertec-Experten: "Machen Sie weiter! Jede Vision kämpft am Anfang gegen die Zweifel des Establishments."