Umfrage Wie deutsche Ökonomen wirklich denken

Was Symbolfotografen zur deutschen Wirtschaft einfällt: die Skyline von Frankfurt.

(Foto: Getty Images)
  • Eine Umfrage im Auftrag der SZ zeigt: Deutsche Ökonomen sind sehr viel amerikanischer in ihrem Denken als vermutet. Tendenz steigend.
  • So glauben mittlerweile immer mehr Wirtschaftswissenschaftler, dass nur gespart werden soll, wenn es der Wirtschaft gut geht - eine Position, die der bekannte US-Ökonom Paul Krugman vertritt.
  • Auch bei der Frage, ob Notenbanker Staatsanleihen kaufen und Zinsen senken dürfen, gibt sich der Großteil deutscher Ökonomen anglo-amerikanisch pragmatisch.
Von Thomas Fricke, Berlin

Wenn Wolfgang Schäuble auf US-amerikanische Wirtschaftsprofessoren angesprochen wird, reagiert er schnell säuerlich. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Der Bundesfinanzminister habe aus der Krise nichts gelernt, schimpft Paul Krugman - der Nobelpreisträger scheint damit stellvertretend für das Gros seiner Zunft jenseits von Atlantik und Ärmelkanal zu stehen. Die Amerikaner gegen die Deutschen, die Deutschen gegen die Briten.

Seit Beginn der Finanzkrise scheint der Graben stetig größer zu werden. Da sind die Anglo-Amerikaner, die stets für billiges Geld und mehr Ausgaben sind, um die Wirtschaft aus der Krise zu holen. Und hier die Hüter strenger Geld- und Finanzpolitik, die dem Finanzminister beistehen, auf höhere Zinsen und schnelle Einschnitte im Etat setzen - von Bundesbankpräsident Jens Weidmann über Ifo-Boss Hans-Werner Sinn bis zum Chef des amtlichen Sachverständigenrats Christoph Schmidt.

Denken deutsche Ökonomen wie die deutsche Regierung?

So will es das Klischee. Die Wirklichkeit ist eine andere, das Meinungsbild unter Deutschlands Experten ist jedenfalls gar nicht so eindeutig. Das ergibt eine Befragung von gut 1000 deutschsprachigen Ökonomen. Danach sind viele vermeintlich typisch deutsche Positionen zunehmend umstritten - und das Urteil manches Stars ist nicht mehrheitsfähig. Kurz: Die deutschen Professoren sind sehr viel amerikanischer in ihrem Denken, als zu vermuten wäre. Tendenz: steigend, so das Ergebnis der großen Umfrage, die das Internetportal Wirtschaftswunder im Auftrag der Süddeutschen Zeitung gemacht hat.

Seit Monaten hagelt es von US-Ökonomen Kritik an der vermeintlichen deutschen Manie, Krisenländer zu harten Kürzungen und heftigen Steuererhöhungen zu drängen - Reizwort Austerität. Den Vorwurf, der von Bundesregierung und anderen stoisch zurückgewiesen wird, teilt immerhin jeder fünfte deutsche Kollege. Noch einmal ein Fünftel sagt, dass die Vorbehalte aus Übersee berechtigt sind, Europa aber keine andere Wahl gehabt habe. Für durchweg richtig halten den offiziellen deutschen Kurs nur 12,6 Prozent.

Noch vor fünf Jahren, bei der Vorgängerumfrage, befanden nur knapp 18 Prozent der deutschen Ökonomen, dass Regierungen ganz grundsätzlich die Wirtschaft stabilisieren können, indem sie je nach Konjunktur mehr oder weniger Geld ausgeben und mehr oder weniger Schulden machen. Seither hat sich der Anteil auf 36 Prozent verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Experten hält eine Konjunkturstütze für sinnvoll, zumindest in Ausnahmefällen wie der globalen Rezession nach dem Lehman-Crash 2008. Strikt dagegen ist nicht einmal mehr jeder Zehnte. In der ersten Umfrage 2006 - vor Ausbruch der Finanzkrise - hielt es noch fast jeder Dritte für müßig, die Konjunktur glätten zu wollen. Die Quote der Befürworter erreichte damals nur gut zwölf Prozent.

Fast 70 Prozent stimmen Krugman zu

Deutlich gestiegen ist unter Deutschlands Ökonomen auch der Anteil derer, die sagen, dass sich Staatsschulden nur abbauen lassen, wenn die Wirtschaft einigermaßen gut läuft, so wie es Krugman und andere predigen. Dem stimmen mittlerweile fast 70 Prozent der deutschen Ökonomen zu; 2010 waren es gut 60 Prozent. Auch das passt nicht zur reinen schwäbischen Lehre, wonach Ausgaben gekürzt und Steuern erhöht werden können und müssen, egal wie die Wirtschaft läuft. Hochaktuell: eben diese Frage entzweit die Expertenwelt in diesen Wochen auch, wenn es darum geht, Griechenland zu retten. Erst hart kürzen - oder doch zumindest gleichzeitig die Wirtschaft mit Geld anschieben?

Noch frappierender driften deutsch-amerikanisches Klischee und Umfragewerte auseinander, wenn es um die Krisenstrategie der Notenbanker geht. Deutschlands Bundesbankchefs haben in den vergangenen Jahren immer wieder dagegen gestimmt, die Zinsen weiter zu senken oder Staatsanleihen zu kaufen, wie es die US-amerikanischen und britischen Kollegen seit Krisenbeginn schon tun. Axel Weber und Jürgen Stark traten aus Protest sogar zurück.

Auch hier gibt sich das Gros der deutschen Ökonomen amerikanisch pragmatisch. Rund zwei Drittel antworteten in der Befragung, dass die Währungshüter in einer Finanzkrise als Retter in letzter Instanz (lender of last resort) eingreifen müssen, um einen panikartigen Ausverkauf an den Märkten zu verhindern. Jeder Fünfte hält das sogar uneingeschränkt für gut, fast die Hälfte unter Vorbehalt. In der Minderheit sind mit 27 Prozent die Sympathisanten der Bundesbank, die so etwas ganz und gar ablehnen.

1002 Forscher

Bekannt sind wenige wie Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn oder Bundesbankchef Jens Weidmann. Wie aber ticken die anderen? Was denken Deutschlands Ökonomen zu den großen Streits in der Wissenschaft, zur Finanzkrise und zum Ansehensverlust der eigenen Zunft? Diese Fragen haben 1002 deutschsprachige Wirtschaftswissenschaftler beantwortet. Die Studie wurde vom Internetportal Wirtschaftswunder in Kooperation mit der deutschen Ökonomenvereinigung - dem Verein für Socialpolitik - erstellt und ausgewertet. Als Basis dienten zwei Vorgängerumfragen der Financial Times Deutschland aus den Jahren 2006 und 2010, die wiederum auch Fragen aufgriffen, die bei einer deutschen Umfrage 1982 sowie bei vergleichbaren Befragungen in den USA gestellt wurden. Geantwortet haben in der Zeit vom 28. April bis 27. Mai knapp ein Drittel der Mitglieder des Vereins, die vor allem an Universitäten und Hochschulen, an Forschungsinstituten sowie bei Banken arbeiten.

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