Ökonomen-Serie Die Mauer muss weg

Axel Ockenfels hat die Grenzen seines Fachs nie akzeptiert. Deshalb überschreitet er sie in seiner Arbeit konsequent.

Von Jan Willmroth

Rampenlicht wäre zu viel gesagt, das stünde ihm auch nicht. Aber es sieht schon eindrucksvoll aus, wie Axel Ockenfels da ausgeleuchtet unter dem Kreuzgewölbe zwischen den polierten Säulen im Fürstensaal der Staatsbibliothek steht. Die letzten Gäste haben keine Sitzplätze mehr bekommen, als der Professor aus Köln seinen Vortrag einleitet: "Ich möchte Sie heute mitnehmen auf eine Reise an die Spitze der ökonomischen Verhaltensforschung", sagt er, und es klingt, als werde er gleich fremde Planeten auf der Leinwand zeigen. Hunderte Menschen wollen sich auf diese Reise begeben, viele ältere Münchner, einige Professoren, Studenten und Lehrstuhlmitarbeiter. Den meisten von ihnen dürfte tatsächlich fremd sein, was Ockenfels über Funkfrequenzauktionen, Marktversagen und Bewertungssysteme auf Online-Plattformen zu erzählen hat.

Zunächst spricht er aber über Fußball, denn den Kern der Spieltheorie versteht dabei jeder: Wohin soll der Profi beim Elfmeter schießen? Er weiß, dass der Torhüter seine starke Seite kennt, also wird er bei seiner Entscheidung die Strategie des Torwarts berücksichtigen. Der wiederum antizipiert diese Überlegungen des Schützen, und so weiter. "Beim Elfmeter können wir nahezu perfekt zufälliges Verhalten beobachten", sagt Ockenfels, "zumindest bei Profis." Auf Märkten ist das anders.

24 deutsche Ökonomen, auf die es ankommt In der Volkswirtschaftslehre findet ein Generationswechsel statt. Die SZ stellt immer dienstags und donnerstags die neuen Köpfe vor: "24 deutsche Ökonomen, auf die es ankommt" - heute Teil 8. Bedingung: Die Porträtierten müssen unter 50 Jahre alt sein. Und die Besten ihres Fachs. Darunter sind in der Öffentlichkeit bekannte Namen, aber auch sehr kompetente Wissenschaftler, die vor allem in der Fachwelt einen Ruf haben. Alle Folgen: sz.de/deutsche-oekonomen

Ins Scheinwerferlicht stellt sich Ockenfels ansonsten selten. Er sitzt nicht in Talkshows, äußert sich selten zu wirtschaftspolitischen Themen, er drängt nicht in einflussreiche Positionen. Und doch ist er einer der wichtigsten deutschen Ökonomen unserer Zeit. Er sei einer der "Pioniere des Marktdesigns", sagt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Alvin Roth von der Stanford University über seinen Kollegen, einer der Pioniere also im vielleicht komplexesten Feld der Ökonomik überhaupt. Dabei geht es nicht mehr nur um Märkte und Preise, sondern um Vertrauen, Kooperation, Konfliktmanagement oder künstliche Intelligenz - Größen, die in der traditionellen ökonomischen Forschung nie darstellbar waren.

Wenige Stunden vor seinem Auftritt in München spaziert Axel Ockenfels durch den Nieselregen, legt in einem Café seine grüne Outdoor-Jacke ab und wischt die kleinen runden Gläser seiner Metallbrille trocken. "In der Wirtschaftswissenschaft ist ein Ingenieurszweig praktisch nicht existent. Ich bin davon überzeugt, dass wir einen brauchen", sagt er. Wenn man so will, war er einer der ersten Ingenieure seines Fachs. Einer, der stets nach den entscheidenden kleinen Fehlern sucht, wenn ein Markt nicht funktioniert. "Ökonomen streben nach größtmöglicher Allgemeinheit, das beherrscht die Forschung", sagt Ockenfels, "im Economic Engineering sind aber Details wichtig." Heute verstehen Ökonomen immer besser, welche Details das sind. Ockenfels untersucht, wie man sie so verbessern kann, dass bessere Ergebnisse herauskommen - gemeinsam mit Psychologen, Biologen, Spieltheoretikern und Sozialwissenschaftlern. Konsequent arbeitet er mit Kollegen aus anderen Fachbereichen zusammen, immer an praktischen Problemen orientiert und nie dogmatisch verbohrt. Für viele Ökonomen wäre die fehlende Abgrenzung unvorstellbar. Für Ockenfels ist sie unverzichtbar. "Die Wirtschaftswissenschaft ist eine der am meisten abgeschotteten Disziplinen. Ich habe das nie akzeptiert", sagt er.

(Foto: privat)

Der entscheidende Schub: Die frühe Förderung durch einen Nobelpreisträger

Ockenfels, 46, ist seit bald 13 Jahren Lehrstuhlinhaber und in Ranglisten stets einer der meistzitierten deutschen Wirtschaftsforscher. Das hat mit Glück zu tun und seiner Beharrlichkeit, vor allem aber damit, dass er sich schon früh traute, die Grenzen des Fachs zu überschreiten. Glück, weil er sich für seine Diplomarbeit vom damaligen Professor Reinhard Selten zu seinem ersten Experiment überreden ließ. In der Mensa seiner Universität in Bonn simulierte er ein Gewinnspiel und wies nach, dass die Gewinner überwiegend bereit waren, den Verlierern einen Teil ihrer gewonnenen zehn Euro abzugeben. In der klassischen ökonomischen Theorie wäre das unsinnig: Der perfekt rationale Homo oeconomicus würde nicht teilen, wenn er seinen Nutzen maximieren will.

Das war 1994, die ökonomische Verhaltensforschung entstand gerade erst, Experimente mit Probanden galten als unseriös. Reinhard Selten erhielt zu dieser Zeit als bislang einziger deutscher Forscher den Wirtschaftsnobelpreis. Ockenfels bot er an, die Ergebnisse der Diplomarbeit gemeinsam zu veröffentlichen. Es dürfte kaum einen besseren Start für eine Ökonomenkarriere geben, als die frühe Förderung durch einen Nobelpreisträger.

Wenn Ökonomen heute zugeben, dass der Homo oeconomicus und perfekt funktionierende Märkte nützliche, aber unrealistische Modelle sind, haben sie das auch den Erkenntnissen von Ockenfels zu verdanken. Als im Jahr 2000 sein wegweisendes Papier "ERC - A Theory of Equity, Reciprocity and Competition" erschien, war die Aussage noch außergewöhnlich, dass es die Motivation der Menschen beeinflusst, wie sie relativ zu anderen stehen - und der junge Forscher wurde arg angefeindet für seinen experimentellen Ansatz. Stanford-Professor Al Roth hatte ihn gewarnt: Es sei extrem schwierig, mit Experimenten in die großen Journals zu kommen. Wenig später erlebte die ökonomische Verhaltensforschung einen Boom. "Der Hype ist bereits wieder abgeklungen", sagt Ockenfels, "heute gehört sie zum Mainstream und beinahe so wie die Statistik zu jeder modernen Wirtschaftsfakultät."

Zur Lösung jener Probleme, die Ockenfels heute beschäftigen, reichen Verhaltensforschung und Spieltheorie auch nicht mehr. Aus dem Labor für Wirtschaftsforschung, das er in Köln mit aufgebaut hat, ist ein Exzellenzzentrum für soziales und ökonomisches Verhalten geworden, das inzwischen mehr als hundert Wissenschaftler beschäftigt und zum Wintersemester offiziell eröffnet wird. Ökonomen, Betriebswirte, Sozialwissenschaftler und Psychologen forschen dort gemeinsam, die Zahl der Publikationen ist schon jetzt beachtlich, die Grenzen ihrer Fachbereiche verschwimmen zusehends. Für einen kurzen Moment ist da ein Anflug von Stolz in seinem Gesicht zu erkennen, als Ockenfels von dem Plan erzählt, Köln zu einem international bekannten Forschungsstandort zu machen. Das, sagt er, sei ihm wirklich wichtig. Mit den Jahren schlug er mehrere Angebote renommierter Universitäten in den USA aus, um die ökonomische Spitzenforschung in seine Heimat zu holen, anstatt ihr ins Ausland zu folgen. Man müsse nicht Tür an Tür mit Amerikanern leben, um mit ihnen zu arbeiten, hat Ockenfels einmal erzählt.

Sein Herzensthema ist die Frage, wie in Klimaverhandlungen eine Kooperation erreicht werden kann

Besuchen muss man sie aber bisweilen. Von Februar an verbrachte er ein halbes Jahr in Stanford, bei den besten Marktdesignern der Welt, an einer der Kaderschmieden des Silicon Valley. Dort, wo die digitale Revolution begann, sind Menschen wie Ockenfels besonders gefragt. "Wenn man sehen will, wie Interdisziplinarität funktionieren kann, hat man dort das beste Anschauungsmaterial", sagt er. "Es ist die kompromisslose Suche nach der besten Problemlösung, ohne Rücksicht auf Disziplin und Status, die den Unterschied macht."

Sein Herzensthema ist die Frage, wie Klimaverhandlungen aussehen müssten, damit es zu einer internationalen Kooperation kommt. Sie treibt ihn seit Jahren um. Die Zeit in Stanford nutzte er auch, um mit mehreren Nobelpreisträgern ein Symposium zu verfassen, das demnächst erscheint. Ob ihnen eines Tages der Durchbruch bei der Lösung des Problems gelingt, ist völlig offen. Die intensive Arbeit an dem Thema aber sagt viel über Ockenfels aus: Erst wenn sich Erkenntnisgewinne in bessere Märkte, Institutionen und Strategien übersetzen lassen, hat die Forschung für ihn wirklich einen Sinn. Ökonomen sind eben heimliche Weltverbesserer.